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Geschafft: Torsten Ziegler bei der Zieleinfahrt am Ende des Ötztaler Radmarathons. - © Sportograf/Ötztal Tourismus
Geschafft: Torsten Ziegler bei der Zieleinfahrt am Ende des Ötztaler Radmarathons. | © Sportograf/Ötztal Tourismus

NW-Team Ötztaler Die zehn emotionalsten Momente von Torsten Ziegler

Hubschrauber zum Start, Tour-de-France-Feeling am Berg, Gedanken an Schwarzwälder Kirschtorte und noch mehr

Torsten Ziegler
04.09.2015 | Stand 03.09.2015, 17:50 Uhr |

Drei Tage Tage nach dem Ötztaler habe ich mich erstmals wieder aufs Rad gesetzt. Das tat der Muskulatur, die sich seit dem Rennen wie trockener Teig angefühlt hat, sehr gut. Jetzt fühle mich so frisch, dass ich den Jaufenpass gerne direkt wieder unter die Reifen nehmen würde. Das mit der Frische wird allerdings im Laufe des Tages vermutlich abnehmen. Langes Sitzen taugt einfach zu gar nichts. Bewegung hilft. Am Samstag fährt ein Teil des Teams auf Einladung von Markus Spiekermann, unserem teamintern besten Ötzi, die RTF des RV Teutoburg Brackwede. Wir werden es sicher tiefenentspannt angehen, denn allen, außer unserem immer lockeren Volker Stüwe, war der Druck vor dem Start in Sölden am vergangenen Sonntag anzumerken. Im Ziel hat sich dann alles in Wohlgefallen aufgelöst, nur Michael Dragu, der trotz seiner früh einsetzenden Krämpfe noch bis Kilometer 190 versucht hat, irgendwie ins Ziel zu kommen, war verständlicherweise sehr enttäuscht. Es war ja auch ein Jammer um unsere beiden Verletzten: Michael Luismeier (Bandscheibenvorfall) und Michael Dragu hätten unser Teamergebnis entscheidend verbessert. So wurden wir 69. von 86 Teams. Andererseits werden wir nicht das einzige Team mit Verletzungspech gewesen sein. So wird dem Großteil meiner Mitstreiter der Ötztaler 2015 als tief beeindruckende Erfahrung in Erinnerung bleiben. Darüber ließe sich ein Buch schreiben, ich beschränke mich auf eine kurz zusammenfassende Form.Die zehn emotionalsten Momente Aufstellung zum Start. Zwei Hubschrauber kreisen für Filmaufnahmen über uns. Heißluftballons werden direkt neben uns startklar gemacht. Ich glaube, ich träume. Ab Kreisel Ötz geht’s hinauf Richtung Kühtai. Durch ein Spalier von Menschen, die beim Anfeuern so viel Druck machen wie wir beim Kurbeln. Das Tour-de-France-Feeling hält die ganze Bergfahrt an. Dafür sorgt der Heli über uns, auch die Begleitmotorräder, auf denen rückwärts zur Fahrtrichtung sitzende Fotografen alles geben, und die Zuschauer, immer wieder die Zuschauer, denen ich fortwährend „Danke“ zurufe. Und klingele. Ja, ich bin ein Rennradfahrer mit Klingel, gerne sogar. Oben höre ich erst AC/DC aus großen Boxen wummern, dann sehe ich Mika Dragu, die liebe Frau von Michael, Sascha Fölling und Michael Luismeier, der es so verdient gehabt hätte, fahren zu können. Alle gratulieren mir zum Geburtstag, reichen Getränke und Riegel. Edle Helfer. Auf dem Weg zum Brenner führe ich nette Gespräche und lerne sehr nette Radfahrer aus OWL kennen: Silvia Noya-Crespo (RSC Rietberg) mit dem krampfgeplagten Axel Wecek (RSV Gütersloh), Holger Block vom RSV Warburg, dazu noch Barbara Gerber aus Weiden von den Alpecin Allstars. Allen sind wir mit unserem NW-Team Ötztaler ein Begriff. Kurz vor der Passhöhe stehen offenbar Ostwestfalen am Straßenrand. „Zieh durch, Neue Westfälische“, rufen sie. Das geht unter die Haut! Den Jaufen packe ich ohne Probleme. An der dortigen Labestation umarmt mich Jörg Gießelmann vom TSVE Bielefeld Team Ötzi. Er lobt mich und stellt fest, dass ich mit dem Besenwagen gar keine Probleme kriegen werde. Das geht runter wie Öl. Die größten Sorgen sind weg, wobei ich weiß, dass das Schlimmste noch kommt. Aber ich gönne mir die zweite sehr ausgedehnte Pause. Schon am Brenner hielt ich mich länger als zur reinen Verpflegung notwendig auf. St. Leonhard im Passeiertal. 36 Grad. 28,5 Kilometer bis zur Passhöhe Timmelsjoch. Im Schatten hinter der Zeitschranke halte ich, ziehe die Weste aus, öffne das Trikot, trinke, esse und fahre los. Wie schön, wäre der Ötztaler genau hier beendet. Ist er aber nicht. Der Blick auf meinen Puls verrät mir das Ausmaß meiner Erschöpfung. Trotz maximaler Anstrengung steigt er nicht mehr über 152. Mit dem lockeren Kurbeln ist es vorbei. Eine Übersetzung von 34/32 und Trittfrequenzen zwischen 50 und 65 sagen alles. Hier brauche ich die Pausen, die ich zweimal zusätzlich an inoffiziellen Erfrischungspunkten (Wasser aus Gartenschläuchen barmherziger Anwohner) mache, unbedingt. In diesem Teil des Feldes sehe ich so viele Rennradfahrer schieben wie noch nie. Ich schwöre mir hundertfach: Schieben wirst du nicht! Und ich hole mir Kraft aus den Gedanken an alle, die mir so fest die Daumen drücken, dass ich es schaffe. Ich frage mich auch – es war ja mein Geburtstag –, warum ich jetzt nicht gemütlich bei Schwarzwälder Kirschtorte irgendwo im Schatten sitze. Nächste Frage: Fahre ich den Ötztaler irgendwann noch einmal? In diesem Moment kategorisch beantwortet: Nein! Die Schwärmerei meiner Teamkollegen für die herrliche Timmelsjoch-Landschaft hat mich auch nicht dazu gebracht, mit diesem Bergriesen Freundschaft zu schließen. Für mich ist er einfach nur: Heiß. Lang. Steil. Unrhythmisch. Hier habe ich auch nichts anderes gesehen als: Asphalt. Hinterräder. Allerwerteste. Dermaßen fixiert, blende ich aus, wie lange ich noch klettern muss. Ein Zustand von Trance. Die mit Trikots behängten letzten Kehren vor dem Tunnel wecken mich auf. Und nach der letzten Kehre bin ich schlagartig voller Euphorie. Windstärke zehn von hinten! Meine Zeit von unter 12 Stunden lässt mich im Ziel total ausrasten vor Glück. „Unter zwölf“ brülle ich dauernd wie von Sinnen. Ich war bis zur Einfahrt in den Tunnel am Timmelsjoch nur darauf bedacht, nicht in den Besenwagen zu müssen. Ich wollte einfach nur sagen können: Ich hab’s geschafft! Als ich oben am Tunnel war und dann über die Passhöhe habe ich begonnen, auf die Zeit unter 12 zu spekulieren. Den Gegenanstieg, vor dem ich so eindringlich gewarnt worden war, habe ich gar nicht mehr gespürt. Gemessen werde ich mit 11:52 Stunden. Meine Netto-Fahrzeit von 10:12 Std. sagt mir, dass eine Zeit von unter 11 Stunden möglich sein müsste. Das nächste Ziel ist damit klar: Der Ötztaler 2017. Im nächsten Jahr habe ich leider keine Zeit für eine ausreichende Vorbereitung auf dieses faszinierende Ereignis.

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