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NW-Team Ötztaler Christoph Lescher im Endorphinrausch

Die vordere Startplatzierung war für ihn ein besonderer Spaß

Christoph Lescher
04.09.2015 | Stand 03.09.2015, 16:07 Uhr |

Berichte vom Ötztaler gibt es wie Sand am Meer, durchaus interessant, aber in der Summe sich doch irgendwie ähnelnd. Also: Was schreibt man? Was könnte den NW-Leser, was könnte Euch interessieren? Genau, das Besondere, was sich aus der Teilnahme als Mitglied des NW-Teams Ötztaler ergeben hat – und wenn man genauer schaut, gibt es da einiges. Zuallererst durften wir recht weit vorne im Starterfeld unseren Ritt über die Berge beginnen. Für mich war es ein ganz besonderer Spaß – sozusagen im Dunstkreis der Promis – 25 km lang das Nummernschild des Führungsfahrzeugs fest im Auge in einer dichten Traube zügigst bis Ötz zu rasen. Nach nur 37 Minuten war allerdings dieser Spaß vorbei – der Kühtai war nun das nächste Ziel. Wie erwartet, wurde ich nun von dem einen oder anderen Teammitglied überholt, aber noch verlieh mir der Gedanke an die tolle Abfahrt („das kann dir keiner mehr nehmen“) ausreichend Energie, den unrhythmischen Berg anzugehen. Dennoch schlich sich schon ab der Hälfte dieser Teilstrecke der Gedanke ein: Das geht schon ganz schön schwer, so dachtest du eigentlich, dass du dich am Timmelsjoch fühlen würdest. Na ja, irgendwann ist man oben und die Abfahrt entschädigt für Vieles. Bei bestem Wetter den Kühtai hinunter, das ist wirklich ein Geschenk, Fahrfreude pur! Wider Erwarten sah ich sogar immer wieder Teammitglieder um mich herum, diesmal auf dem Weg nach Innsbruck Andreas und Markus. In recht flottem Tempo ging es dann in großer Gruppe den Brenner hinauf. Nur schade, dass ich dieses Tempo nicht halten konnte: Sowohl die Pumpe als auch die Beine meldeten sich überdeutlich, und zwar so, dass ich es definitiv nicht ignorieren konnte. Also „reißen lassen“, eigenes Tempo finden, in welcher Form auch immer von der (Über-)Anstrengung erholen. Dafür musste nach gemäßigter Abfahrt vom Brenner nun der Jaufenpass herhalten. Aber an einem Berg mit durchschnittlich knapp 8 % Steigung sich „erholen“ wollen, wie soll das gehen?Wunderschöne Talblicke zum Genießen Ich hab versucht, mich abzulenken vom rein Körperlichen, kurbelte im kleinstmöglichen Gang und bei gerade noch akzeptabler Herzfrequenz durch das Schattenspiel des Lichtes in den Waldabschnitten des Jaufenpasses. Weiter oben bescherte die Sonne wunderschöne Talblicke, tatsächlich etwas zum Genießen. Was für ein Unterschied zu 2013, als ich den Jaufenpass nur als tristen, verregneten Abschnitt wahrgenommen hatte. Überhaupt war das Wetter bis hierher ein idealer Begleiter. Für kurze Zeit hatte ich dann auch noch Volker aus unserem Team neben mir. Wer ihn kennt weiß, auch das ist eine gute Ablenkung. Egal wie erschöpft Volker ist, ein freundliches Wort oder ein kesser Spruch kommt immer über seine Lippen. Doch irgendwann schwanden dennoch meine Kräfte und so konnte auch die grandiose Abfahrt vom Jaufen meinen Körper nicht darüber hinwegtäuschen, dass er eigentlich nicht mehr wollte. In dem Maße, in dem Salamander bei 35°C in der Sonne flink werden, wurde ich langsamer. Der untere Teil des Anstiegs zum Timmelsjoch entsprach nun absolut nicht mehr meiner Definition von Radfahren: Hatte ich mir doch zu Hause nach Einschätzungen meiner bisherigen Fahrleistungen alle Werte in einer wunderschönen Excel-Tabelle – angepasst an den Ötztaler – aufgeschrieben und mir im Vorfeld damit selbst Mut zugesprochen, dass ich „wohl immer irgendwie“ eine Trittfrequenz von ca. 60/min „hinbekäme“, so möchte ich das Thema an dieser Stelle nicht vertiefen, meine Fahrleistung war einfach zu grottig. Ob man Radfahren kann, zeigen eben nicht die errechneten Wattwerte auf dem Papier, sondern schlicht und ergreifend, ob’s aktuell funktioniert oder nicht. Geholfen haben mir zu diesem Zeitpunkt nur die Gedanken an die vielen guten Wünsche meiner Vereinskollegen vom RMC SchloßNeuhaus und meine NW-Team-Mitstreiter, die ich nicht enttäuschen wollte.Nicht denken, nur treten Wenn ein eiserner Wille wirklich Berge versetzen könnte, dann wäre das Timmelsjoch in Nullkommanichts weggewesen – und mir viele Mitstreiter am Fuße des Berges dankbar. In der Realität reichte meine Willenskraft immerhin dazu aus, den geschundenen Körper zumindest nach Schönau (Verpflegungsstation) zu schleppen. Nach ordentlicher Pause ging es dann in den Schlussanstieg – nochmal 10 Kilometer bergauf. Ab hier wurde der Gedanke „du schaffst das – egal wie“ bestimmend. Ich fuhr nun in einem ähnlichen Modus wie am Jaufenpass – kleinster Gang, nichts Denken – einfach treten, Ablenkung in der Natur suchen; und da bot die grandiose Berglandschaft rund um das Timmelsjoch bei absolut klarer Sicht tollste Panoramen – Wahnsinn! Zeit für ein Foto mit dem Handy habe ich mir aber nicht genommen. Ich war mir nicht sicher, ob ich dann überhaupt noch fähig gewesen wäre, wieder aufs Rad zu steigen. Nach einer gefühlten Unendlichkeit erreichte ich den Tunnel vor dem Timmelsjoch, dann folgten eine kurze Pass- und Abfahrt, der extrem unangenehme Gegenanstieg (das Radfahren so wehtun kann!) und schließlich die letzte Abfahrt nach Sölden. Ein Endorphinrausch durchflutet mich, plötzlich fühle ich mich wieder stark, rase den Berg hinunter, genieße das Gleiten im Wind – so könnte es ewig weitergehen – registriere dann aber doch demütig, wie meine Beine den milden 2%-Anstieg vor Sölden mit Krämpfen quittieren wollen. Egal, weiter geht’s – jetzt wird’s ein Fest – die 1.000-Meter-Marke, dann einmal rechts, der Zielbogen, geschafft! Schon beim Einfahren auf die Zielgerade höre ich den Kommentator in der Ziel-Arena: „Auch unter 10 Stunden: Christoph Lescher vom NW-Team Ötztaler“ – wie geil ist das denn?!

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