0

NW-Team Ötztaler Andreas Brockmeyer kämpft und wird belohnt

Lange Zeit sieht es schlecht aus, doch nach vielen Krämpfen erreicht Andreas Brockmeyer das Ziel

Andreas Brockmeyer
04.09.2015 | Stand 03.09.2015, 15:39 Uhr |

Geschafft, jaaaaa – die Freude ist unbeschreiblich bei der Zieldurchfahrt in Sölden. Lange sah es so aus, als wenn die vielen Mühen und Entbehrungen in den Monaten der Vorbereitung nicht belohnt würden. Doch von Anfang an: Um 4.20 Uhr klingelt der Wecker. Anziehen, frühstücken (da passt aufgrund der Aufregung neben dem Müsli nicht viel rein), hab ich alles? Bekleidung, Verpflegung, Brille, etc., Abfahrt mit dem Rad zum Start für ein Teamfoto, bevor es um 6.45 Uhr losgeht. Was für eine beeindruckende Szenerie am Start. Fast 4.300 Starter, gefühlt mindestens 3 – 4 mal so viele Angehörige und Zuschauer, laute Musik, kurz vor dem Start heben noch mit Kameras ausgestattete Hubschrauber ab. Tour-de-France-Atmosphäre – das muss man einfach erlebt haben! Nach dem Startschuss geht es los, erstmal circa 30 Kilometer bergab Richtung Oetz mit hoher Geschwindigkeit in dem riesigen, nervösen Feld. Das schlechte Gefühl in den Beinen, welches ich von Anfang an hatte, bestätigt sich dann leider am ersten Pass. Das ist bereits Quälerei für Körper und Geist – kurz blitzt da der Gedanke auf, doch lieber im Bett geblieben zu sein. Abgelenkt durch Vorfreude auf die schöne Abfahrt vom Kühtai sowie die wunderschöne Aussicht in der durch die Sonne bereits herrlich strahlende Berglandschaft erreiche ich den Gipfel. Getränke auffüllen, etwas Obst runterschlingen und weiter. Mit ein paar Schlenkern um freilaufende Kühe im oberen Bereich geht es mit höchster Geschwindigkeit hinab Richtung Innsbruck. Jetzt heißt es, eine passende Gruppe für die nicht zu steile, aber sehr lange Auffahrt zum Brenner zu finden. Ich schließe zu meinen beiden Teamkollegen Markus und Christoph auf, aber nach 20 Kilometern wird mir klar, dass ich das Tempo in dieser Gruppe nicht halten kann. Erste leichte Krämpfe. Mist – das Abreißen lassen demotiviert erheblich und ich kann mich auch bei den nächsten überholenden Gruppen nicht einklinken. Lange fahre ich allein, ohne Windschatten, bis endlich ziemlich zum Schluss noch eine Gruppe kommt, an die ich mich dranhängen kann.Erste Krämpfe zwingen zum Absteigen Kurz vor der Passhöhe peitscht mich noch eine Zuschauergruppe aus Bielefeld an, die mich am Trikot als einen der „Ihren“ erkennt – ich bin leider zu erschöpft und lethargisch, um mich hierfür zu bedanken, sorry Leute und danke hiermit im Nachhinein! Oben angekommen, dann wieder schnell die Getränke auffüllen – Essen fällt enorm schwer, aber wenigstens mit Apfel- und Bananenstückchen klappt es einigermaßen, für den Energieriegel brauche ich dann die ganze Anfahrt zum Jaufenpass. Hier bremsen mich dann die Krämpfe in beiden Oberschenkeln gleichzeitig ein und ich muss erstmalig absteigen, Mist, Mist, Mist! Die Gedanken an den noch folgenden längsten Anstieg zum Timmelsjoch versuche ich vergeblich, zu verdrängen. Zusätzlich werde ich natürlich durch das immer wieder notwendige Anhalten in diesem Anstieg von gefühlt dem halben Feld überholt – maximale Demotivation für mich. Die Abfahrt vom Jaufenpass verbessert kurzfristig erheblich die Laune – das ist meine Domäne und ich kann meine Platzierung wieder deutlich verbessern – wären diese Abfahrten doch bloß zeitlich genauso lang wie die Anstiege!Glücklicherweise kommt kein Service-Wagen In St. Leonhard angekommen, beginnt direkt der Anstieg zum Timmelsjoch und es dauert keinen Kilometer, bis ich wieder mit Krämpfen vom Rad muss – Sch...!!! Wie soll ich so bloß die folgenden knapp 30 Kilometer bergauf schaffen? Fast resigniere ich hier. Wäre genau in diesem Moment ein Service-Wagen vorbeigekommen, hätte ich diesen gebeten, mich mitzunehmen. Gott sei Dank kommt niemand und ich steige wieder auf. Von nun an muss ich alle paar Kilometer, manchmal nur paar hundert Meter anhalten. Ein Mitstreiter mit ähnlichen Problemen stoppt neben mir, als ich mal wieder mit schmerzverzerrtem Blick am Rand stehe und gibt mir Salztabletten mit dem Hinweis: „In 10 Minuten geht es Dir besser!“ Tatsächlich hilft es etwas und ich schaffe es bis zu dem für mich psychologisch sehr wichtigen, etwas flacheren Mittelabschnitt des Timmelsjoch. Danach sind es „nur“ noch etwa 10 Kilometer wieder knackig mit über 10% bergauf zum Gipfel. Das werde ich irgendwie schaffen! Und tatsächlich – zwar muss ich gefühlt weitere 20 Mal absteigen, bis mir schließlich Mitstreiter zurufen: „Komm, nur noch 3 Kehren und wir sind oben!“ Das schaffe ich dann auch auf dem Rad sitzend – um mich herum höre ich viele Jubelrufe. Jetzt ist es fast geschafft und es geht in den ersten Teil der tollen Abfahrt – bis man den mit 200 Höhenmetern verhältnismäßig kurzen Gegenanstieg zur Mautstation erreicht. Aber was heißt schon „kurz“ nach den bereits erklommenen Höhenmetern. Ich muss wieder absteigen und schiebe den Anstieg hoch. Egal – ich weiß, dass ich das schaffen werde und der Weg zum endgültigen Ziel dann durch eine weitere tolle Abfahrt versüßt wird. Alle Last fällt von meinen Schultern und die letzten Kilometer bis ins Ziel sind Gänsehaut pur mit ganz schön „Pipi“ in den Augen. Es ist geschafft – mein Motto für diesen Tag „Carpe diem“ ist zwar nur zur bedingt Realität geworden aber auch wenn ich realistisch mit „guten“ Beinen sicherlich eine deutlich bessere Zeit hätte erreichen können – Hauptsache gefinished, Schmerz vergeht – Stolz bleibt!

realisiert durch evolver group