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Allein mit sich und dem Berg: Jörg Ludewig beim Ötztaler – auch für den Ex-Profi eine Mords-Anstrengung. - © PETER LINTNER
Allein mit sich und dem Berg: Jörg Ludewig beim Ötztaler – auch für den Ex-Profi eine Mords-Anstrengung. | © PETER LINTNER

NW-Team Ötztaler Das sind die acht Starter des NW-Teams Ötztaler

Ex-Profi und Ötztaler-Routinier Ludewig gibt Vorgeschmack auf das große Abenteuer am 30. August 2015

Torsten Ziegler
14.05.2015 | Stand 14.05.2015, 22:20 Uhr |

Bielefeld. Verrückt. Dieses Adjektiv wird häufig im Zusammenhang mit dem Ötztaler Radmarathon ausgesprochen, besonders wenn über Fahrerinnen und Fahrer geredet wird, die sich ranwagen an dieses Eintages-Abenteuer über vier Alpenpässe und 238 Kilometer. Zumindest ein bisschen verrückt muss man wohl sein als Starter in Sölden. Und keiner der acht Teilnehmer für das NW-Team Ötztaler, die wir aus 108 Bewerbern ausgewählt haben, wird das bestreiten. Sie erhalten den Startplatz und ein Team-Outfit im Wert von mehr als 700 Euro von der Neuen Westfälischen und nw.de mit ihren Partnern Ötztal Tourismus, Alpecin, Linola und Kalas. Die interaktive Grafik stellt die Teilnehmer mit einem kurzen Steckbrief vor. Mit einem Klick auf die roten Punkte erfahren Sie mehr über die Sportler. Voller Vorfreude trifft sich das Team am Donnerstag zur ersten gemeinsamen Ausfahrt bei der RTF des RSV Gütersloh. Denn eines ist noch größer als die Verrücktheit: die Begeisterung fürs Rennradfahren.Erlebnisbericht vom Ex-Profi Diese Begeisterung kommt auch beim Ex-Profi Jörg Ludewig, seit Januar Sportmarketing-Manager der Bielefelder Dr.Wolff-Gruppe, zum Ausdruck. Er hat drei Mal die Tour de France gemeistert. Beim Ötztaler wurde er 2013 Zweiter (7:13 Stunden). Er beschreibt nach sieben Starts in seinem Erlebnisbericht eine Art Hassliebe zum Ötztaler: Genau, vier Gipfel sind es. Spätestens bei Kilometer 183 frag‘ ich mich: „Was mach‘ ich hier eigentlich?“ Hinter mir Kühtai, Brenner und Jaufenpass, reckt sich vor mir der Endgegner empor. Lange 28,4 Kilometer Steigung hoch zum Gipfel Nummer vier: das Timmelsjoch. 2.509 Meter über dem Meeresspiegel. Jeder normal denkende Mensch würde sich eine Gondel wünschen. Nur ich sitze, wie meine Mitstreiter, auf dem Rad und möchte doch einfach nur wieder in Sölden sein. Das ist sie, die vielleicht härteste Eintages-Veranstaltung für Breitenradsportler. Für uns „Hobby-Antilopen“. Die vier Gipfel der Erfüllung haben in diesem Bereich der Sportwelt einen Namen: „Ötztaler Radmarathon“. Rennradfahren im Hobbybereich ist ein echtes Phänomen. Wildfremde Menschen grüßen sich, duzen sich plötzlich; noch verrückter, sie rasieren sich freiwillig ihre Beine! Man wächst zusammen, statt gegeneinander zu fahren. Im Vordergrund steht nicht das gesellschaftlich geforderte „Höher-Schneller-Weiter“. Nein, der „Ötzi“ vermittelt vor allem eine Botschaft: Ankommen, durchhalten – stolz auf sich selbst sein dürfen. Es verbindet auf ungeahnte, fast bizarre Weise, da man sich nicht besiegen muss, um erschöpft und zufrieden gemeinsam das Adrenalin getaner Arbeit zu erleben. Der erste „2.000er“ setzt für Newcomer unbekannte Glücksgefühle frei. Und dann taucht da ein früherer Radprofi auf, für den dieses Ereignis doch jahrelang täglich Brot war. Würde man denken. Gefühlt werde ich nachts vor dem Start zwölf Mal wach und muss vor Aufregung auf die Toilette rennen. Der Ötzi verschiebt alles, auch für einen ehemaligen Radprofi – 3:45 Uhr, Komfortzone ade! Mehr als 20.000 Rennradfahrer aus aller Welt versuchen sich Jahr für Jahr in zwei Auslosungen in den Kreis der maximal 4.500 Starter zu manövrieren. Ein eklatantes Ausmaß von einheitlicher Begehrlichkeit. Das führt wohl auch dazu, dass von diesen 4.500 mindestens die Hälfte in der Nacht mein Schicksal der Schlaflosigkeit teilt. Aber jetzt hat sich der Körper und dessen Bedürfnisse ganz weit hinten anzustellen – jetzt ist Ötzi! Für mich war es sieben Jahre lang der Grund, ihn als Ziel und Highlight für mein eigenes Hobby-„TeamAlpecin“ auszusuchen! Perfekte Organisation, nette Menschen vor Ort, super Verpflegung und ein Tourismusverband allererster Güte, mehr findet man sicher nur schwer. Es warten 238 Kilometer, wohlgemerkt an einem Tag. Und die haben es verdammt nochmal in sich! Vier AlpenRiesen summieren sich auf die unangenehme Zahl von knapp 5.500 Höhenmetern. Es geht eigentlich nur rauf oder herunter. Meine persönliche Höchstgeschwindigkeit von 116 km/h zeigt, dass auch die Abfahrten viel Konzentration und Kopfarbeit erfordern. Erholung? Eher selten! Unterwegs weiß mein Körper so langsam: Wahnsinn, das würde einer Königsetappe der Tour de France gerecht werden! Meine Mitstreiter und ich verlieren literweise Schweiß, teilweise auch Blut. Bergab wird im Jahr 2013 auf der Schussfahrt vom Kühtai bei Dauerregen und 0 Grad die gefühlte Temperatur mit -16°C angezeigt. Ein Wechselbad aus Hitzestau und Frosterscheinungen. Man kämpft gegen seinen Körper?! Nein, du kämpfst mit deinem Körper, für die Überwindung. Das macht es aus. Bis zu zwei Jahre trainieren die Hobbysportler auf dieses Event hin. Und eines steht fest: Es ist ein Sportevent, das man in seinem Leben nicht mehr vergisst. Nach fast 7 Stunden steuere ich langsam Richtung Zielgerade. Die schweren Beine und leeren Speicher merke ich erst in 2 Stunden. Ich bin grad einfach nur glücklich, den Ötzi erneut gemeistert zu haben. Und unglaublich platt. Klar blicke ich als ehemaliger Profi auch auf die Zeit, doch die wahren Helden des Ötzis erreichen ab Fahrstunde 10 den Ortskern in Sölden, wo sie um 6:45 in der Dämmerung aufgebrochen sind. 10 Stunden in den höchsten Gipfeln der Alpen. Auf dem Fahrrad. Wahnsinn. Spätestens jetzt paart sich die Erschöpfung mit den Glücksgefühlen, die ein jeder irgendwo sucht. Das Fazit ist die Antwort auf die Frage bei Kilometer 183: Darum machen wir das! Der Ötzi, die schönste Hassliebe der Hobby-Radsportwelt.

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