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Sucht die Entscheidung am Netz: Seine Erfahrung als Doppelspieler kommt Pierre-Hugues Herbert auch im Einzel zu Gute. Foto: Sarah Jonek - © Sarah Jonek
Sucht die Entscheidung am Netz: Seine Erfahrung als Doppelspieler kommt Pierre-Hugues Herbert auch im Einzel zu Gute. Foto: Sarah Jonek | © Sarah Jonek

Noventi Open Ex-Haller Herbert trifft auf Kindheitsidol Roger Federer

Als Doppelspieler gewann er alle vier Grand-Slam-Titel und stand doch im Schatten seiner französischen Kollegen. Das ändert sich jetzt schneller als gedacht

Stephanie Fust
21.06.2019 | Stand 21.06.2019, 20:52 Uhr

Halle. Seine Vita liest sich beeindruckend. Im Januar gelang es Tennisprofi Pierre-Hugues Herbert seine Sammlung zu vervollständigen. Nur die Trophäe der Australian Open hatte ihm noch in seiner Grand-Slam-Titelreihe gefehlt. French Open, Wimbledon und die US Open hatte er in den Jahren zuvor gewonnen, darüber hinaus elf weitere Titel auf der ATP-Tour. Trotz dieser Erfolge flog er weitestgehend unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung. Denn Herbert spielte vorrangig Doppel. „Das Einzel ist die Hauptdisziplin im Tennis. In Frankreich interessiert der Doppelwettbewerb kaum", erzählt der 28-Jährige. Deshalb hat den Franzosen der Ehrgeiz gepackt, aus dem Schatten seiner weitaus bekannteren Landsleute Richard Gasquet, Gael Monfils, Jo-Wilfried Tsonga und Gilles Simon herauszutreten oder sich zumindest an deren Seite zu stellen. Bis auf Simon waren alle bei den Noventi Open am Start, keiner ist soweit gekommen wie Herbert, wenngleich Tsonga mit seinem spektakulären Auftritt gegen Rasen-Branchenkönig Roger Federer nah dran war. Mitgefühl mit verletztem Titelverteidiger Borna Coric Herbert, der Doppelspezialist, der im Spätherbst seiner Karriere nach dem Clou bei den Australian Open entschied, den Fokus aufs Einzel zu legen, verteidigt heute im Halbfinale als letzter Musketier im Einzeltableau also die Ehre von Les Bleu. Und überrascht sich damit selbst. „Das ist wirklich unglaublich, dass ich hier bei diesem Turnier so weit gekommen bin." Dass er dabei von der Aufgabe des am Rücken verletzten Titelverteidigers Borna Coric nach dem Gewinn des ersten Satzes profitierte, weckt das Mitgefühl des Teamplayers. „Das tut mir sehr leid für ihn. Ich hoffe, es ist nichts Schlimmes so kurz vor Wimbledon." Verdient hat sich Herbert das Halbfinale gegen sein Kindheitsidol Roger Federer allemal. Nach Siegen gegen Monfils und Sergej Stakhovsky zeigte der Weltranglisten-43. auch gegen Coric exzellentes Rasentennis, was das Publikum lautstark honorierte. Denn Herbert ist in Halle kein Unbekannter. Jahrelang spielte er für den TC BW Halle in der Herren-Bundesliga. Seine Verbindungen nach Deutschland sind sogar noch tiefer. Herbert wurde im französischen Schiltigheim geboren, im Elsass, über allem stand die Familie, die Eltern sind Tennislehrer, die Geschwister Gabriel und Marjolaine spielten ebenfalls Tennis. So stand für ihn fest, dass er seinen Profiwunsch nicht im fernen Sportgymnasium verwirklichen wollte, sondern in der Nähe von Familie und Freunden. Er trainierte unter der Anleitung seines Vaters in Straßburg. Von dort schnell erreichbar war das baden-württembergische Kehl, wo Herbert fast seine gesamte Schulzeit verbrachte. Er schloss mit dem bilingualem Abitur ab, spricht akzentfrei deutsch. Er habe die deutsche Schule, die an jedem Einzelnen interessierten Lehrer besser gefunden, begründete Herbert seine Entscheidung für das Einstein-Gymnasium. Dort ließ man ihm – sofern die Noten stimmten – alle Freiheiten, seinem Tennistraum nachzugehen. Wimbledon-Doppel an der Seite Andy Murrays Der erlebt nun in Halle seinen vorläufigen Höhepunkt. Noch nie stand der Franzose als Solist bei einem 500er-Turnier in der Vorschlussrunde. Große Erfolge sammelte er ausschließlich als Duo. 2016 schaffte es Herbert auf Platz zwei der Doppelweltrangliste. Hinter seinem Partner und Mentor Nicolas Mahut. Jahrelang haben sie sich Seite an Seite zu Höchstleistungen getrieben, gemeinsam die Grand-Slam-Siege gefeiert. Dass Herbert den Fokus aufs Einzel legen will, nimmt ihm Mahut nicht krumm. „Wir haben eine besondere Beziehung zueinander. Wir sind wie Brüder", versichert Herbert, der bei den Grand Slams Kräfte sparen und deshalb aufs Doppel verzichten will. Nur in Wimbledon macht er eine Ausnahme: Andy Murray, der nach einer Wunderheilung wieder auf die Tour zurückgekehrt ist, will in Wimbledon mit ihm spielen. „Da konnte ich nicht nein sagen. Das ist einfach zu groß." Wie alles im Moment.

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