0

Schloß Holte-Stukenbrock Nicola Hörndl spielt beim TTSV Schloß Holte-Sende in einem Männerteam

Die Gegner zeigen keine "Beißhemmung"

Wolfgang Temme
03.12.2019 | Stand 02.12.2019, 20:05 Uhr

Schloß Holte-Stukenbrock. Direkte Duelle zwischen Mann und Frau sind im Sport selten und häufig sogar verpönt. Im Tischtennis ist das anders. Hier dürfen Frauen bis zu einer bestimmten Spielklasse in Männerteams mitwirken und stehen an der Platte dann dem anderen Geschlecht gegenüber. Auch der TTSV Schloß Holte-Sende nutzt diese 2018 eingeführte Regelung. Mit Nicola Hörndl kam die Nummer eins des Frauen-Verbandsligateams am Samstag schon zum dritten Mal in dieser Saison in der Bezirksliga-Mannschaft zum Einsatz. Dass die Partie beim Herbstmeister DJK Avenwedde IV mit 1:9 verloren ging und auch sie selbst ohne Erfolgserlebnis blieb, fand die 22-Jährige schade. "Weil mir etwas die Puste ausging, haben mir am Ende ein paar Prozent gefehlt, um die Sätze für mich zu entscheiden", sagte die an Position drei eingesetzte Hörndl nach ihrer 8:11, 11:13, 7:11-Niederlage im Einzel gegen Sven Kuhlmann. »Ich habe keinen Schiss« Nicola Hörndl spielt gerne gegen Männer. "Das ist eine andere Art von Tischtennis, man kämpft anders", hat sie festgestellt. Teamkollege Ricardo Brechmann stellt den Unterschied im Spielsystem heraus: "Frauen spielen häufig sehr kontrolliert mit viel Unterschnitt, Männer dagegen agieren viel mit offensiven Schlägen." Das ist auch die Erfahrung von Nicola Hörndl: "Gegen Männer kann nicht erstmal fünf Bälle schön spielen - da muss man damit rechnen, dass sofort ein Angriff erfolgt. Frauen warten eher auf den Fehler der Gegenspielerin." Da sie selbst aber eine offensive Spielweise bevorzugt - ihr Spezialschlag ist ein starker Vorhand-Schuss - muss sie sich gar nicht so stark umstellen. Dass die Schläge der Männer etwas härter ausfallen, stört sie nicht: "Ich habe keinen Schiss." Umgekehrt haben die Männer, gegen die sie spielt, keine Beißhemmung. "Es ist nichts anderes, wenn eine Frau auf der anderen Seite steht. Wir spielen so, wie wir das gegen eine Mann auch tun würden", sagte Uwe Steinbrink. Der Avenwedder Mannschaftsführer hatte im Doppel zusammen mit Diego Dyck das Vergnügen, gegen Nicola Hörndl und Dennis Henkenjohann zu spielen - und mit 3:0 zu gewinnen. Als sich für die Holter nach Verlusten von 8:11 und 4:11 im dritten Durchgang die Chance zum Satzgewinn ergab, führte ausgerechnet ein missglückter Vorhand-Schuss von Nicola Hörndl zur 10:12-Niederlage. Dass bei ihr nicht mehr alle Schläge so sitzen wie in alten Zeiten, hat auch mit dem fast auf null zurückgefahrenen Tischtennistraining zu tun. "Als ich letzte Woche ausnahmsweise einmal in der Halle erschien, haben mich alle mit großen Augen angeschaut", macht Nicola Hörndl kein Geheimnis aus ihrer Abstinenz. Dafür geht sie viermal pro Woche ins Fitnessstudio. Ihre Routine und ihr nach wie vor funktionierendes "Händchen" reichen aber, um in der Frauen-Verbandsliga eine 18:5-Bilanz aufzuweisen. Das ist ein ganz wesentlicher Grund, warum der TTSV Schloß Holte-Sende als Aufsteiger nach der Hinrunde mit 9:9 Punkten den 6. Tabellenplatz belegt. »Ich mag das Gefühl von Wettkampf« Früher stand Nicola Hörndl an fünf bis sechs Tagen in der Woche an der Tischtennisplatte. Die Pforzheimerin trainierte im Landesstützpunkt Baden-Württemberg in der Sportschule Schöneck und spielte zwei Jahre lang an Position vier bei den Regionalligisten TB Wülferdingen und TTC Weinheim. Kurz nach ihrem 18. Geburtstag verließ sie die Heimat, um bei der Plasmatreat GmbH in Steinhagen eine Ausbildung zur Industriekauffrau zu beginnen. Schon bevor sie deswegen nach Bielefeld umzog, informierte sie sich über die Möglichkeiten, in der Nähe Tischtennis zu spielen, kam mit dem damaligen TTSV-Vorsitzenden Christoph Aßmann in Kontakt und startete ihre "zweite Karriere" in der seinerzeit in der Verbandsliga spielenden 2. Frauenmannschaft. Die erste Priorität räumte sie dem Sport aber nicht mehr ein. "Schule, Ausbildung, einen neuen Freundeskreis aufbauen - das brauchte alles Zeit", erklärt sie, warum sie weitgehend auf Training verzichtete. Den Tischtennisschläger ganz zur Seite zu legen, kommt für sie aber nicht in Frage: "Ich mag das Gefühl von Wettkampf, ich brauche das geradezu. Es reizt mich, gegen jemanden kämpfen zu müssen." Dass Nicola Hörndl, die nach Beendigung der Ausbildung jetzt ein berufsbegleitendes BWL-Studium an der Fachhochschule des Mittelstands in Bielefeld aufgenommen hat, auch das Zusammensein nach den Spielen mag, rundet den sportlichen Erlebniswert für sie ab. Am Samstag war das Zusammensein mit den fünf Männern ihres Teams trotz der 1:9-Niederlage gegen den Titelfavoriten von einer guten Stimmung geprägt. Der als Viertletzter um den Klassenerhalt kämpfende TTSV Schloß Holte Sende hatte nämlich abends zuvor mit dem 9:1-Sieg beim Tabellenvorletzten TuS Bad Driburg den dringend benötigten Pflichtsieg eingefahren. Weil mit Peter Gerkens und Jörg Soormann die etatmäßigen Nummern drei und vier zur Verfügung standen, spielte dabei allerdings keine Frau im Holter Männerteam.

realisiert durch evolver group