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Andreas Klinkenberg, Michael Riewe, Arthur Podkocki, Iris Klingbeil, Herman Hidajat, Klaus Matthee und Thomas Schöning (v.l.), Ultraläufer der DJK Gütersloh, jubelten, als sie in Sulden nach dem spektakulären Alpentrail ihre Medaillen überreicht bekommen hatten. - © Privat
Andreas Klinkenberg, Michael Riewe, Arthur Podkocki, Iris Klingbeil, Herman Hidajat, Klaus Matthee und Thomas Schöning (v.l.), Ultraläufer der DJK Gütersloh, jubelten, als sie in Sulden nach dem spektakulären Alpentrail ihre Medaillen überreicht bekommen hatten. | © Privat

Gütersloh „Achterbahnfahrt der Gefühle“: Iris Klingbeil schafft 273 Kilometer in acht Tagen

Iris Klingbeil feiert mit drei „Trödeltrupps“ der DJK Gütersloh ihre erfolgreiche Zielankunft beim Transalpine-Run.

Wolfgang Temme
12.09.2019 | Stand 12.09.2019, 09:25 Uhr

Gütersloh. Emotionaler hätte das Finale für Iris Klingbeil nicht sein können: Nach acht Etappen über die Alpen in acht Tagen, einer unglaublichen Schinderei über rund 273 Kilometern mit 16.000 Höhenmetern rauf und 14.000 runter, schien die 45-Jährige von der DJK Gütersloh ganz allein ins Ziel des Transalpine-Run in Sulden (Südtirol) laufen zu müssen. Doch hinter dem letzten Bogen standen plötzlich ihre Jungs vom „Trödeltrupp", bildeten ein Spalier und ließen sie über die letzten Meter fliegen. Im Video hielt der Veranstalter des zum 15. Mal veranstalteten Events fest, wie sich die sieben Finisher der DJK Gütersloh anschließend in den Armen lagen und ihren Erfolg feierten. „Wir haben alle geheult", bekommt Iris Klingbeil immer noch ein Flattern in der Stimme, wenn sie sich an diesen Moment vom vergangenen Samstag erinnert. Acht Tage vorher war sie in Oberstdorf zusammen mit Ulrike Rannacher und drei Männerteams der DJK Gütersloh als „Trödeltrupp 4" zu diesem sportlichen Abenteuer aufgebrochen. „Es war das Verrückteste, was ich je gemacht habe", sagt Iris Klingbeil rückblickend. In Zweierteams galt es, die Alpen von Nord nach Süd, von Deutschland über Österreich und die Schweiz bis nach Italien zu überqueren – auf Wegen, und Pfaden, über unwegsames Klettergelände und Hochgebirgspässe. Die Etappen waren bis zu 46 Kilometer lang, es ging täglich hinauf auf bis über 2.700 Meter und wieder hinunter. Das Wetter meinte es oft gut mit den 600 Teilnehmern, aber zwischendurch gab es auch Regen und Schneefall, und am Ende musste die Route wegen des „Wintereinbruchs" sogar abgeändert werden. Vor sechs Jahren noch undenkbar gewesen Dass Iris Klingbeil, an so einem Ultratrail teilnimmt, wäre noch vor sechs Jahren undenkbar gewesen. Nach 20 Jahren als Volleyballerin und der Geburt von zwei Kindern meldete sich die in Ummeln wohnende Frau beim Vorbereitungskurs zur Isselhorster Nacht an. „Ich habe immer gesagt: Laufen liegt mir nicht", erinnert sie sich an die Anfänge. In kleinen Schritten ging es vorwärts, und irgendwann war die gelernte Reiseverkehrsfrau vom Virus befallen. „Und dann hat die Trödeltruppe von der DJK Gütersloh das Lasso um mich geworfen", lacht sie. Den Namen gab sich die Gruppe der Ultraläufer nicht etwa wegen ihres Lauftempos, sondern wegen der notorischen Trödelei bei Verabredungen zu Trainingsterminen. 2018 sammelte Iris Klingbeil Trail-Erfahrungen an der Zugspitze und am Großglockner, 2019 absolvierte sie nach dem Hermannslauf noch den Keufelskopf-Trail im Bergischen Land und den Pyrmont Marathon. Sechs Trainingsläufe pro Woche Aber eine solche mehrtägige Herausforderung wie den TAR, wie der Transalpine-Run in der Szene abgekürzt wird, hatte sie nicht mal annähernd gewagt. Dementsprechend umfangreich verlief die Vorbereitung. Die letzten Monate standen sechs Trainingsläufe pro Woche an, häufig über drei, vier oder fünf Stunden. „Das war schon ein Brett", stöhnt die als Redakteurin für E-Learning bei einem Software-Entwickler in Brackwede tätige Frau auch noch nachträglich. „Familienleben war nicht möglich", dankt sie vor allem ihrem Ehemann Henning, früher Leichtathlet bei der LAG Gütersloh, für die Rückendeckung. Und dann schien es, als sei der ganze Aufwand ganz früh für die Katz gewesen. Auf der ersten Etappe von Oberstdorf nach Lech über 39,4 Kilometer trafen Iris Klingbeil und Ulrike Rannacher neun Minuten nach der offiziellen Cut-Off-Zeit an der zweiten Verpflegungs- und Kontrollstation ein – laut Reglement hätte das den Ausschluss aus dem Wettbewerb bedeutet. Der Veranstalter bemerkte dann aber einen Fehler bei der Streckenvermessung, setzte das Zeitlimit um 45 Minuten hoch, und die beiden DJK-Läuferinnen (und einige weitere Teilnehmer) blieben im Rennen. "Man fühlt sich etwas einsam" Zusammen bewältigten sie drei weitere schwere Etappen und am fünften Tag auch den „Bergsprint" in Samnaun über 7,8 Kilometer auf die Alp Trider (2.500 m). FürUlrike Rannacher war der TAR danach aber beendet. Die 52-Jährige, Mutter der Gütersloher Top-Läuferin Michelle Rannacher, hatte sich schon Tage zuvor einen Infekt eingefangen und sich tapfer über die Runden gequält. Am Mittwoch aber stieg das Fieber an, so dass sogar eine ärztliche Behandlung im Krankenhaus notwendig wurde. Da sie aus Sicherheitsgründen nicht allein auf die weiteren Etappen gehen durfte, schloss sich Iris Klingbeil beim morgendlichen Einchecken dem Trödeltrupp 3 an, den Güterslohern Arthur Podkocki (37) und Michael Riewe (44). Ausgestattet mit der vorgeschrieben Notfallausrüstung lief sie aber weitgehend allein. „Man ist dann auch mit seinen Gedanken allein und fühlt sich etwas einsam", beschreibt die 45-Jährige den Wechsel im Erleben. Achillessehnenentzündung und Knieschmerzen Geplagt von einer Achillessehnenentzündung und Knieschmerzen und genervt von einer schlechten Nacht in einer Jugendherberge wollte sie zur 7. Etappe von Scuol nach Prad am Stilfserjoch (44,9 km) nicht mehr antreten: „Ich fühlte mich erkältet und dachte, ich hätte Fieber." Routinier Klaus Matthee (50) und die anderen Teamkollegen baute sie wieder auf. Als sie erstmal die Laufschuhe angezogen und die ersten Kilometer locker absolviert hatte, stellte sie fest: Es geht. „Ich bin Klaus sehr dankbar, dass er mich überredet hat", sagt Iris Klingbeil. So kam sie in den „Genuss", bei Schneefall durch die Felswände und Tunnels der spektakulären Uinaschlucht über die Grenze nach Italien zu laufen. Die Schlussetappe, die in einer gewaltigen Tour unterhalb des Ortlers vorbei zur Tabaretta-Scharte (2.886 m) führen sollte, musste wegen der zu tief verschneiten Strecke entschärft und auf 25,8 Kilometer verkürzt werden. Den sieben Güterslohern kam das entgegen, denn sie liefen fast alle längst am Limit. Und sie beweisen in dieser Situation, dass ihnen Teamgeist wichtiger ist als persönlicher Ehrgeiz. Die drei männlichen „Trödeltrupps" begleiteten Iris Klingbeil auf dem gesamten fast sieben Stunden langen Weg – bis sie auf den letzten Bergabkurven plötzlich verschwunden waren, um sie im Ziel mit der kleinen Empfangschoreographie zu überraschen. „Damit haben sie mir ein tolles Geschenk gemacht", bedankt sich die Läuferin und schwärmt von einer „wahnsinnig tollen Gemeinschaft". 60 Stunden, 46 Minuten und 48 Sekunden Dass sie mit ihrer Gesamtzeit von 60 Stunden, 46 Minuten und 48 Sekunden „nur" den vorletzten Platz in der Rangliste der 46 Einzelfinisher belegte stört sie überhaupt nicht. „Für mich war wichtig, die Cuttoff-Zeiten zu schaffen, im Ziel anzukommen und die Medaille zu kriegen." Sie dachte im Ziel auch an ihre kranke Teampartnerin Ulrike Rannacher: „Die hätte das locker gepackt." Jetzt will sich Iris Klingbeil „erstmal ausruhen". Läuferische Pläne verfolgt sie in diesem Jahr nicht mehr: „Mein nächstes Ziel ist der Hermann 2020." Will sie den Transalpine-Run irgendwann noch einmal in Angriff nehmen? „Das weiß ich nicht", sagt sie und fasst das Event noch einmal kurz zusammen: „Es war eine Achterbahnfahrt der Gefühle."

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