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Das Gericht in Duisburg verhandelt am Mittwoch über den SC Verl. - © Henrik Martinschledde
Das Gericht in Duisburg verhandelt am Mittwoch über den SC Verl. | © Henrik Martinschledde

Verl Ungewöhnlich: SC Verl klagt vor Gericht auf Klassenerhalt der C-Junioren

Das Landgericht Duisburg verhandelt über das außergewöhnliche Ansinnen des Vereins, die Sportgerichtsurteile der Verbände für unwirksam zu erklären.

Wolfgang Temme
04.09.2019 | Stand 04.09.2019, 10:22 Uhr

Verl. Am Samstag beginnt für die C-Juniorenfußballer die neue Saison in der Westfalenliga. Im offiziellen Spielplan fehlt indes eine Mannschaft, die am Ende der letzten Serie den Klassenerhalt bejubelt hatte – der SC Verl. Am grünen Tisch waren die Verler nachträglich zum Abstieg in die Landesliga verurteilt worden. Wochenlang und durch mehrere Instanzen kämpfte der Verein gegen die Entscheidungen der Verbandsgremien – letztlich erfolglos. Nun hat der Fall eine im deutschen Fußball äußerst seltene Stufe erreicht: Der SC Verl entschloss sich zu einer zivilrechtlichen Klage gegen den Westdeutschen Fußball-Verband. Am heutigen Mittwoch kommt es zur Verhandlung vor dem Landgericht Duisburg. Der Sachverhalt Die Ausgangsposition vor dem letzten Spieltag der Westfalenligasaison 2018/2019 war klar: Die C-Junioren des SC Verl brauchten einen Sieg im Abstiegsduell beim SV Lippstadt, um den Klassenerhalt perfekt zu machen. Die deutlich überlegene Mannschaft von Trainer Julian Rohen führte mit 2:0, als Furkan Yilmaz in der 32. Minute eine fünfminütige Zeitstrafe erhielt. Nach deren Verbüßen (dazwischen lag auch die Halbzeitpause) kehrte Yilmaz in der 38. Spielminute aufs Spielfeld zurück. Durch ein Verler Eigentor kam Lippstadt auf 1:2 heran (42.), bevor der Unparteiische Yilmaz in der 44. Minute wegen eines Fouls die gelbe Karte zeigte. Zwingend wäre in diesem Fall allerdings „Rot" gewesen, ein dauerhafter Platzverweis. Von den Lippstädtern darauf aufmerksam gemacht, unterbrach der Schiedsrichter das zunächst weitergeführte Spiel, rief die Trainer zu sich und bemerkte seinen Fehler. Er sah aber keine Möglichkeit mehr, dem Spieler jetzt die Rote Karte zu zeigen. Als Geste des guten Willens wechselte der SC Verl Yilmaz aus. Die Partie wurde elf gegen elf fortgesetzt, die Verler erzielten noch zwei weitere Treffer und gewannen mit 4:1. Während sie den Klassenerhalt feierten, war Lippstadt abgestiegen. Das FLVW-Sportgericht Den Einspruch des SV Lippstadt gegen die Spielwertung lehnte das Jugend-Sportgericht des westfälischen Verbandes (FLVW) nach einer ausführlichen mündlichen Verhandlung in Kaiserau ab. Im Urteil wurde von einer fehlerhaften Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters gesprochen. Eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass der Spielausgang dadurch beeinflusst worden sei, wie es für die Ansetzung eines Wiederholungsspiels notwendig gewesen wäre, konnte das Gericht nicht erkennen. Das WFV-Sportgericht Der SV Lippstadt legte beim Westdeutschen Fußballverband (WFV) Beschwerde gegen das FLVW-Urteil ein. Die Kammer unter Vorsitz von Andreas Buchartz (Dormagen) schlug vor, die Sache im schriftlichen Verfahren zu erledigen. Der SC Verl stimmte zu, „weil uns vom Verband mitgeteilt wurde, der Sachverhalt sei unstreitig", so Jugendkoordinator Michael Volmari. Dann aber erlebten die Verler ihr blaues Wunder: Das Urteil fiel zugunsten des SV Lippstadt aus, zur Ermittlung des Absteigers setzte der Verband ein Wiederholungsspiel an. Verdächtig fanden die Verler, dass die Entscheidung des Sportgerichts schon am selben Tag ausführlich auf der Homepage des SV Lippstadt veröffentlicht wurde, während ihnen das Urteil, das starken Lippstädter Akzent trug, erst später übermittelt wurde. Angeblich sei ein Versäumnis im E-Mail-Verteiler dafür verantwortlich gewesen, wurde ihnen auf entsprechende Beschwerde erklärt. Das Wiederholungsspiel Angesetzt wurde die Partie für den 29. Juni. Schon vorab teilte der SC Verl mit, dass er zu diesem späten Zeitpunkt keine wettbewerbsfähige Mannschaft mehr stellen könne. Zwei Stammspieler (Levent Kaplan, Ziad Nas Baris) hatten notwendige Operationen direkt nach Saisonende terminiert. Zwei Top-Spieler (Furkan Yilmaz und Doppeltorschütze Efe Tirpan) waren inzwischen zu Arminia Bielefeld gewechselt. Andere fehlten aus anderen Gründen. „Uns standen nur fünf Spieler unserer Anfangself zur Verfügung, und wir hatten nur noch einen Kader von insgesamt acht Spielern", begründete Volmari, warum der SC Verl nicht antrat. Dass der Verband darauf hingewiesen hatte, es sei nur eine „spielfähige" und keine „wettbewerbsfähige" Mannschaft notwendig, dass man also auch unterklassige U15- oder gar U13 Spieler hätte einsetzen, hält er für unsportlich. Die Sportgerichte Die vom Staffelleiter vorgenommene Spielwertung (drei Punkte und 2:0-Tore für Lippstadt) bestätigte auf entsprechende Einsprüche und Beschwerden des SC Verl sowohl das Jugend-Sportgericht des FLVW als auch das des WFV. Der SC Verl schien damit endgültig als Absteiger aus der Westfalenliga festzustehen. Der Lösungsversuch Um dennoch zu einer Lösung zu kommen, bei der es keine Leidtragenden gibt, stellte der SC Verl den Antrag, die C-Junioren-Westfalenliga für die Saison 2019/2020 auf 13 Teams aufzustocken. Der zuständige Verbands-Jugendausschuss (VJA) des FLVW, dessen Vorsitzender mit Harald Ollech ein Lippstädter ist, lehnte den Antrag jedoch ab. „Wir haben in zwei Sitzungen ausführlich darüber diskutiert und abgestimmt und den Antrag zweimal abgelehnt", erklärte Ollech. In der schriftlichen Begründung an den SC Verl heißt es: „Es ist nicht Aufgabe des VJA, Urteile sowie Urteilsbegründungen von Sportgerichten zu kommentieren bzw. diese zu bewerten. … Individuelle Einzelfallentscheidungen, die gegebenenfalls eine sportgerichtliche Entscheidung außer Kraft setzen, kann und darf der VJA nicht treffen." Die Klage Der längst durch seinen Ex-Spieler Sascha Brinker anwaltlich vertretene SC Verl ließ zusätzlich von einem nicht mit dem Fußball vertrauten Juristen prüfen, ob eine zivilrechtliche Klage gegen den Verband Erfolgsaussichten haben könnte. „Wir zweifeln die Korrektheit der Urteile und deren Zustandekommen an", erklärt der SCV-Vorsitzende Raimund Bertels. Als auch dieser Anwalt grünes Licht gab, setzte der Verein das entsprechende Schriftstück auf – und wertet es zunächst einmal als Erfolg, dass das Landgericht Duisburg die Klage annahm und einen Verfahrenstermin ansetzte. „Das sind wir den Eltern, Spielern und Trainern schuldig", begründet Bertels, warum der SC Verl auf diesem ungewöhnlichen Weg und mit solcher Beharrlichkeit um sein Recht kämpft. Vor allem aber geht es ihm und den Verantwortlichen der Jugendabteilung um Gerechtigkeit: „Zwischen dem, was anfangs in Kaiserau entschieden wurde und dann in Duisburg sind so große Differenzen – da sind einige Tatsachen verdreht worden." Sollten sie Recht bekommen und der SC Verl doch in der Westfalenliga antreten dürfen, sei der Verein trotz der Kurzfristigkeit sehr wohl in der Lage, eine ausreichend starke Mannschaft zu stellen, sagt Michael Volmari. Zu viel Hoffnung wollen die Verler allerdings nicht verbreiten, auch wenn die Staffelleiter von Westfalen- und Landesliga ihre Vereine bereits vorsorglich darauf hinwiesen, dass es kurzfristig noch eine Änderung der Spielpläne geben könnte. Die Verhandlung Am Termin beim Landgericht Duisburg wird heute kein Funktionär des SC Verl persönlich anwesend sein. Der Verein lässt sich von Rechtsanwalt Sascha Brinker vertreten. Welche Präsenz der beklagte Westdeutsche Fußball-Verband zeigt, ist unklar. Auf jeden Fall kündigte Harald Ollech seine Teilnahme an der Verhandlung an. Der FLVW-Funktionär, der sich im Zuge des Verfahrens mit Ausschusskollegen zu einem persönlichen Gespräch mit Raimund Bertels nach Verl begeben hatte, bedauert, dass es zu dieser juristischen Eskalation gekommen ist. „Ich halte das nicht nur für selten, sondern auch für bedenklich. Wir können ja nicht nach jedem Saisonende eine zivilgerichtliche Entscheidung abwarten."

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