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Alles ist dicht: Wie hier der Sportplatz am Wellensiek sind die Anlagen der Stadt verwaist. Der Spielbetrieb ist ausgesetzt. - © Mike-Dennis Müller / www.mdm.photo
Alles ist dicht: Wie hier der Sportplatz am Wellensiek sind die Anlagen der Stadt verwaist. Der Spielbetrieb ist ausgesetzt. | © Mike-Dennis Müller / www.mdm.photo

Bielefeld Stadtsportbund-Chef: "Naiv zu glauben, dass wir nach Ostern wieder auf dem Platz stehen"

Der Geschäftsführer des Stadtsportbundes, Karl-Wilhelm Schulze, appelliert in der Corona-Krise an das Verantwortungsbewusstsein jedes Einzelnen. Vereine sind in erster Linie der Gesundheit ihrer Mitglieder verpflichtet

Gregor Winkler
16.03.2020 | Stand 17.03.2020, 08:11 Uhr

Die Auswirkungen des Corona-Virus auf den Sport sind umfassend und in ihrem Ausmaß sicher einzigartig. Herr Schulze, Sie sind seit fast 30 Jahren Geschäftsführer des Stadtsportbundes Bielefeld und fast genau so lange Vorsitzender der Bielefelder TG. Können Sie mit Ihren langjährigen Erfahrungen die aktuelle Lage zunächst einmal historisch einordnen?
Karl-Wilhelm Schulze: Ein wenig erinnert mich die derzeitige Situation an die Lage im Jahr 1986 nach der Tschernobyl-Katastrophe. Damals stellten sich alle die Frage: Kann ich raus gehen? Darf ich mein Kind draußen spielen lassen? Was ist, wenn es regnet? Was darf ich noch essen? Es war damals sicher ein Stresstest für die Bevölkerung. Im kleinen Rahmen hatten wir solche Ereignisse immer mal wieder in Bielefeld.

Ich denke da an die Kieselrot-Affäre, als reihenweise die Fußballplätze gesperrt waren. Da war auf einen Schlag der Spielbetrieb im Fußball lahm gelegt. Ich weiß noch, wie auf der einen Seite des BTG-Sportplatzes die Kinder trainierten, und einige Meter weiter standen Männer in Schutzanzügen, um Bodenproben zu entnehmen. Das war ein geradezu surreales Szenario. Es gab damals starke Einschränkungen und wir haben insgesamt fast 20 Jahre gebraucht, um das Problem zu beheben, aber in dem Ausmaß, wie wir es derzeit mit dem Corona-Virus erleben, ist es einzigartig und noch nie da gewesen.

Alle Verbände haben den Wettkampf- und Spielbetrieb abgesagt. Vereine setzen den Trainingsbetrieb aus. Sind das aus Ihrer Sicht richtige und notwendige Maßnahmen?
Schulze: Ich sage zunächst: Hört auf die Wissenschaftler. Und die Politiker müssen aufgrund der Erkenntnisse die richtigen Entscheidungen treffen. Der vergangene ’Freitag der 13.’ war ein schwarzer Tag für den Sport. Aber es kommt immer auch ein ’Samstag der 14’. Gesundheit ist ein hohes Gut. Die Vereine und Verbände stehen vordringlich in der Verantwortung, ihre Mitglieder zu schützen.

Das müssen wir jetzt tun. Sport ist bekanntlich die schönste Nebensache der Welt. Wenn beispielsweise Fußballvereine für einige Zeit den Spiel- und Trainingsbetrieb einstellen müssen, werden das die meisten von ihnen verkraften. Wir leben ja gerade in der Fastenzeit. So gesehen ist das momentan eben die Fastenzeit des Sports. Wenn wir jetzt solidarisch sind, kriegen wir das hin.

Die letzten Bahnen: Auch der Betrieb in den Bädern der Stadt, hier das Ishara, wird ab Montag eingestellt. - © Mike-Dennis Müller / www.mdm.photo
Die letzten Bahnen: Auch der Betrieb in den Bädern der Stadt, hier das Ishara, wird ab Montag eingestellt. | © Mike-Dennis Müller / www.mdm.photo

Im Moment befinden sich die Klubs sicher noch in einer Phase der Orientierung. Sehen Sie Probleme, die mit der Zeit unweigerlich kommen werden?
Schulze: Natürlich. Wenn wir mal auf die Statistiken schauen, dann werden wir feststellen, dass die Sportler, die in Verbänden organisiert sind, eine überschaubare Zahl darstellen. Zudem weicht die Zahl der tatsächlich Aktiven immer noch ein bisschen von der offiziellen Erhebung der Fachverbände nach unten ab.

Aber die Älteren und sehr Alten kommen in dieser Statistik gar nicht vor. Das sind diejenigen aus den Rehasport- oder Herzsportgruppen. Wäre Rehasport eine eigene Sportart, sie stände in den Mitgliedererhebungen ganz oben. Da versammeln sich die Menschen, die den Sport aus gesundheitlichen und auch sozialen Gesichtspunkten bitter nötig haben. Aber es sind eben auch die, die am stärksten gefährdet sind. Denen gegenüber haben die Vereine eine besondere Verantwortung. In meinem Klub haben wir die Rehasportkurse abgesagt. Für diese Menschen ist das eine echte Tragik. Für uns war es eine schmerzhafte Entscheidung.

Rehasportkurse bringen den Vereinen auch Einnahmen. Wie beurteilen Sie die ökonomischen Folgen für die Vereine?
Schulze: Darüber muss jeder Verein bei seinen Entscheidungen nachdenken. Ein Klub mit einer semiprofessionellen Mannschaft, wie zum Beispiel die TSG A-H Bielefeld, lebt zum Teil auch von den Zuschauereinnahmen. Viel stärker als etwa ein Fußball-Bundesligaklub. Was passiert, wenn etwa dem VfL Theesen wegen wochenlanger Spielpause ein Sponsor abspringt? Viele Vereine haben hauptamtliche Mitarbeiter, die weiter bezahlt werden müssen.

Der Alpenverein ist beim Bau seines neuen Alpinzentrums bis an die Grenze seiner Ressourcen gegangen. Schließen müssen sie es wohl nicht sofort, schon gar nicht für ihre Mitglieder. Aber die Sektion Bielefeld ist auch auf die externen Einnahmen angewiesen, genau wie jeder Klub, der ein Fitnessstudio betreibt.

Erst wenn es eine offizielle behördliche Anordnung zur Schließung gibt, werden die Einnahmeausfälle rechtlich anders, und eventuell günstiger für die Betreiber behandelt. Aber zuerst müssen wir klären, wie wir unsere Mitglieder schützen können. Dann klären wir die anderen Fragen.

In einer leeren Halle: SSB-Geschäftsführer Karl-Wilhelm Schulze (l.) im Gespräch mit Sportjournalist Gregor Winkler. - © Mike-Dennis Müller / www.mdm.photo
In einer leeren Halle: SSB-Geschäftsführer Karl-Wilhelm Schulze (l.) im Gespräch mit Sportjournalist Gregor Winkler. | © Mike-Dennis Müller / www.mdm.photo

Es ist zu befürchten, dass Leute ihre Beiträge oder bereits gezahlten Startgelder zurück fordern.

Schulze: Da habe ich überhaupt kein Verständnis für. Nehmen wir etwa den abgesagten Hermannslauf. Unabhängig davon, wie der ausrichtende TSVE jetzt damit umgeht: Dieser Verein hat uns mit dieser Veranstaltung über viele Jahre viel Freude gemacht. Da sollte jeder überlegen, ob er in dieser Ausnahmesituation jetzt nicht einmal auf das Startgeld verzichten kann. Gleiches gilt für Gebühren und Beiträge in den Vereinen.

Auch dem Stadtsportbund entgehen ja Einnahmen.

Schulze: Das Sportbildungswerk hat alle Kurse, Reisen und Qualifizierungsmaßnahmen bis zum 1. Mai abgesagt. Alles davon würde nach unserer Checkliste über die kritische Grenze von zehn Punkten kommen. Unser Verhalten könnte ein Leitgedanke sein, aber wir können den Vereinen keine Vorschriften machen. Sie sollten sich an die Empfehlungen ihrer Fachverbände halten. Wir werden wahrscheinlich den für den 20. April geplanten Verbandstag auch absagen. Wir können ja nicht die Kurse ausfallen lassen und dann eine Mitgliederversammlung abhalten.

Bleibt noch die Frage nach Ihrem Ausblick. Wie lange wird uns die Krise beschäftigen, und werden wir ausreichend Geduld aufbringen?

Schulze: Im Moment scheinen die meisten entspannt damit umzugehen. Aber irgendwann kommt sicher eine Linie und dann wird es interessant zu sehen, wie die Leute reagieren. Es ist sicher eine naive Vorstellung zu glauben, dass wir nach Ostern wieder auf dem Platz stehen werden. Wir sollten uns darauf einstellen, dass es länger dauert. Aber die Stärke des Sports ist die Solidarität.

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