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Bielefeld Aufschwung bei Bielefelder Marathon-Assen

Leichtathletik-Forum: Franzi Bossow, Stephanie Strate und Jan Kerkmann zählen zu den westfälischen Spitzentrios. Welche Rolle der Hermannslauf dabei spielt

Claus-Werner Kreft
06.11.2019 | Stand 05.11.2019, 19:34 Uhr

Bielefeld. In der westfälischen Frauen-Marathonbestenliste 2019 belegt Franzi Bossow (TSVE 1890 Bielefeld, 2:27:21 Stunden) den zweiten Rang vor Stephanie Strate (Sportvereinigung Brackwede, 2:49:07), als Dritter bei den Männern behauptet sich Jan Kerkmann (TSVE, 2:27:17). Erstmals gehen drei von sechs Marathon-"Medaillenplätzen" einer Jahresstatistik des Fußball- und Leichtathletik-Verbandes Westfalen nach Bielefeld. Neu ist auch, dass gleich zwei Bielefelderinnen eine Saison mit Zeiten unter 2:50 Stunden abschließen und dafür die Besten-Nadel des Deutschen Leichtathletik-Verbandes für eine Top-30-Platzierung erhalten werden. 2019 zählen Bossow (17.) und Strate (20.) auf nationaler Ebene sogar zu den Top 20 bei den Frauen. Jan Kerkmann, den eine inoffizielle Rangliste auf Platz 31 führt, wird die Besten-Nadel vielleicht ganz knapp verpassen. Aber mit 27 Jahren ist er jung genug, um sich als Marathonläufer weiter zu steigern. "Dass ich in Frankfurt zum früheren Kreisrekordler Horst Rieke und fast auch zu Marcus Biehl aufschließen konnte, macht mich schon ein wenig stolz", erklärte er. Der bereits verstorbene LG-Läufer Rieke lief 1973 exakt die gleiche Zeit wie jetzt Kerkmann und war ebenfalls die Nummer 3 in Westfalen. Rieke hielt den Kreisrekord, bis 1994 der aus Thüringen stammende Top-Läufer Steffen Dittmann zum Kreisverein TuS (später LC) Solbad Ravensberg wechselte und mit 2:14:53 Stunden die Rekordmarke pulverisierte. 1996 wurde er in Berlin Deutscher Meister; elf Jahre später überraschte Ilona Pfeiffer mit ihrem Titelgewinn bei den Deutschen Meisterschaften für den Verein, dessen Markenzeichen eine große Leistungsbreite auf der klassischen Straßendistanz war. Marathontradition kann sich sehen lassen Aber auch die Marathontradition der Bielefelder Vereine kann sich sehen lassen. Als Marcus Biehl (SV Brackwede) 2005 in Minden 2:26:32 Stunden lief, avancierte er zum schnellsten Westfalen der Saison. Diesen Spitzenplatz eroberte im Jahr darauf auch Elias Sansar, der während seiner dreijährigen Zeit beim TuS Eintracht nur einen Marathon absolvierte und ihn in 2:28:02 Stunden beendete. Welche Platzierung in der FLVW-Bestenliste möglich war, hing immer vom Niveau der betreffenden Saison ab. 2015 blieb Stanley Kipkogei (später in Kogei umbenannt) trotz beachtlicher 2:26:29 Stunden "nur" der vierte Rang. Damals vertrat der mit einer Bielefelderin verheiratete und jetzt für die SVB startende Kenianer den SuS Phönix. Seine Zeit ist die beste, die bislang von einem Läufer mit Bielefelder Vereinszugehörigkeit erzielt wurde; Marcus Biehl hatte 2005 nur drei Sekunden mehr gebraucht. Die strittige Frage, ob Athleten ohne deutsche Staatsbürgerschaft einen Kreisrekord aufstellen können, stellt sich hier nicht, weil ein Steffen Dittmann ja schneller lief. Bei den Frauen hat erst eine Bielefelderin die westfälische Marathon-Bestenliste angeführt: 2005 gelang Heike Mohn (geb. Saeger, TSVE) mit 2:57:07 der Sprung auf Platz 1. Viel schneller war sie schon sechs Jahre zuvor, als sie das 2:50-er Limit unterbot und den Kreisrekord von Maria Pautmeier (TuS Solbad, 2:51:53) auf 2:49:11 verbesserte. Ähnlich erfolgreich war ab 2009 Kirsten Heckmann (SVB), die sich mit Zeiten zwischen 2:50:37 und 2:52:28 Std. dreimal im westfälischen Spitzentrio einreihte. »Die Entwicklung der Läufer braucht Zeit« Zwischen Höhenflügen durchlief Bielefelds Marathonszene immer auch tiefe Täler, die Entwicklung war nicht geradlinig, sondern geprägt von starken Schwankungen. 2016 fand man keinen einzigen Läufer und (auf Platz 18) nur eine Läuferin aus Bielefeld in den westfälischen Top 20. Doch für den neuen Aufschwung brauchte es nur drei Jahre. Individuelle Motivation, oft verstärkt durch Erfolge beim Hermannslauf, ist offenbar eine starke Triebfeder, gezieltes Marathontraining in einer vom Trainer geleiteten Gruppe aber eher die Ausnahme. Philosophie-Doktorand Jan Kerkmann arbeitet ja an der Uni Freiburg und läuft nur selten in Bielefeld. Doch mit den neuen TSVE-Hoffnungsträgern Patrick Boehme und Alex Mangel würde er gern ein Team bei der nächsten Deutschen Meisterschaft bilden. Stephanie Strate, Franzi Bossow und auch Pierre Danelak profitieren von der Kompetenz eines Thomas Heidbreder. "Gerade beim Marathon braucht die Entwicklung Zeit", weiß der Trainer, "ein klare Struktur, zu der man Vertrauen fasst, kann ein zunächst instabiles Leistungsbild positiv verändern." Heidbreder, der über eigene Marathon-Erfahrung verfügt (Bestzeit 2:34:22 Stunden), hält den Hermannslauf im Frühjahr und einen Marathon im Herbst für gut vereinbar. "Dazwischen hat Steffi Strate ja auch gute Bahnzeiten erzielt und sich nur relativ kurz auf ihren Köln-Marathon vorbereitet", bemerkt Heidbreder.

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