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Bielefeld Handball: Diese Bielefelder Mannschaft besteht fast nur aus Trainern

Bezirksligist TuS 97 III verfügt über die qualifizierteste Mannschaft Westfalens - theoretisch. Sieben Spieler haben eine C- oder B-Trainerlizenz

Gregor Winkler
21.09.2019 | Stand 20.09.2019, 18:46 Uhr

Bielefeld. Wenn die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft spielt, dann sitzen - so sagt der Volksmund - 80 Millionen Bundestrainer vor dem Fernseher. Ganz so schlimm ist es bei Auftritten des TuS 97 Bielefeld-Jöllenbeck III natürlich nicht. Oder ist es sogar noch schlimmer? Wenn Trainer Christian Sturhan sein Team aufs Feld schickt, dann hat er zwar (noch) nicht Millionen Anhänger, dafür aber insgesamt acht Akteure im Nacken, die auch alles besser wissen könnten. Fünf C-Lizenz-Trainer und zwei, die sogar über eine B-Lizenz verfügen, stehen im Kader des Bezirksligisten. Inklusive der beiden Cheftrainer sind neun Spieler als Coach tätig: Arne Möller und Marvin Weidner trainieren die männliche B-Jugend. Alex Hoffmann ist für die D-2-Jungen zuständig. Christopher Zinn steht bei den D-1-Jungen an der Seitenlinie. Nelis Heidemann ist als Kreisauswahltrainer schon zu vereinsübergreifenden Ehren gekommen. Daneben steht er als Co-Trainer bei der männlichen C-Jugend an der Linie. Niklas Schild und Jonas Eitner coachen im Bedarfsfall Jugendteams. Bei Turnieren, wie der jährlichen Fahrt nach Dänemark, sind sie auch dabei. Kein Trainerschein und nicht mal ein waschechter Jöllenbecker Gebändigt werden muss die Truppe vom Trainergespann Christian Sturhan und Marc Weszpatat. Ausgerechnet der Chef - Sturhan - hat gar keinen Trainerschein. Und es kommt noch schlimmer: Er ist nicht mal waschechter Jöllenbecker. Darf so einer überhaupt ins Dorf? Er darf, denn der einstige Torwart aus Hüllhorst und Jugendtrainer aus Enger verschaffte sich gleich in seinem ersten Jahr den nötigen Respekt. Nachdem die dritte Mannschaft vor zwei Jahren gar keinen Coach hatte, übergangsweise von Harry Küthe betreut wurde, übernahm Sturhan in den letzten Zügen der Saison 2017/2018. In der vergangenen Spielzeit war er dann Cheftrainer und stieg sofort mit der Mannschaft aus der Kreisliga A auf. Ein Erfolg, der auch bei den Spielern nachwirkt: "Auf den Tisch musste ich aktuell noch nicht hauen. Das Besserwissen hält sich in Grenzen. Dafür lief die vergangene Saison einfach zu erfolgreich", vermutet Sturhan. Er gibt angesichts seines "Kompetenz-Teams" aber auch zu: "Es wird im Training sicher mehr hinterfragt." Eigentlich sei der hohe Qualifikationsstand in seinem jungen Team eine Win-Win-Situation. "Die Jungs geben schon mal Tipps, was sie gerne im Training hätten", beschreibt Sturhan. Und er, der mit der längeren Erfahrung, entscheidet dann, was gemacht wird. Der Coach, der sich die Übungseinheiten jeweils zur Hälfte mit Weszpatat teilt, hält große Stücke auf seine Mannschaft. "Das sind alles feine Kerle. Da ist keiner, der aus der Rolle fällt", sagt er. Was diese Einschätzung nochmals unterstreicht: Das Team nahm "diskutieren" oder "in die Traineransprache rein reden" in den mannschaftsinternen Strafenkatalog auf. Oder im Sportlerjargon formuliert: "Klugscheißen kostet". Umbrüche forderten Veränderungen im Team  Nach den großen Umbrüchen im Klub musste auch Sturhan in seinem Meister-Team Veränderungen vornehmen. "Die Spieler, die aus der Jugend kommen, sind alle sehr gut ausgebildet", hat der Trainer erkannt. Aber jetzt doch mal Hand aufs Herz - es muss doch einen geben, der anstrengend ist: "Wenn, dann Arne Möller. Weil er Torwart ist, so wie ich", sagt Sturhan lachend. Nur ganz ehrlich: Anstrengender als die 80 Millionen Fußballfans kann der auf keinen Fall sein.

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