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Bielefeld Dominic Klemme blickt auf eine bewegte Karriere zurück

Radsport: Der frühere Profirennfahrer macht bald auch mit dem Amateurrennsport Schluss. In seiner Karriere konnte er viele Höhepunkte feiern, musste aber auch Tiefschläge einstecken

Hans-Joachim Kaspers
27.07.2018 | Stand 26.07.2018, 19:07 Uhr

Bielefeld. Vor vier Jahren war Knall auf Fall Schluss. Dominic Klemme fuhr bei der 14. Etappe der Spanienrundfahrt einfach an den Straßenrand und beendete seine Karriere als Radprofi. "Von einer auf die andere Minute war mir klar, dass ich diesen Job nicht weiter machen wollte", erzählt der heute 31-Jährige, der gerade eine weitere Entscheidung gefällt hat: Zum Saisonende wird er aus dem Stevens Racing Team, für das er drei Jahre bei Rundstreckenrennen der Amateure unterwegs war, austreten. Es sei wichtig gewesen, noch einmal "zurück zu den Wurzeln" zu gehen und - vor allem auch aus medizinischen Gründen - diese drei Jahre abzutrainieren. "Doch ab Oktober fahre ich Fahrrad nur noch zum Spaß", so Klemme. Jedes Jahr 90 Renntage, 30.000 Kilometer auf dem Rad, 30.000 Kilometer im Auto oder Bus und dazu noch gut 40 Flüge - so sah sein Alltag von 2009 bis 2014 aus. Mit dem Job als Radprofi verwirklichte der Bielefelder einen Kindheitstraum. "Ich wollte das immer schon machen", sagt Klemme in der Rückschau und bekommt trotz aller Schicksalsschläge, die ihn während seiner Sportkarriere ereilten, immer noch Glanz in die Augen, wenn er an Höhepunkte wie Paris-Roubaix oder seinen Sieg bei der Deutschen U-23-Meisterschaft denkt. »Leopard Trek galt als Real Madrid des Radsports« Paris-Roubaix 2010: Bei seiner ersten Teilnahme in der "Hölle des Nordens" ist Dominic Klemme als Helfer für den großen Fabian Cancellara eingeteilt - und 55 Kilometer vor dem Ziel immer noch in der Spitzengruppe dabei. Dann kommt der Angriff des Schweizers, der nach einer mehr als einstündigen Alleinfahrt den Sieg für Saxo Bank holt - und es anschließend nicht glauben will, dass sein junger deutscher Teamkollege den Klassiker auf Platz 14 beendet hat. "Wir mussten Fabian tatsächlich die offizielle Ergebnisliste zeigen", lacht Klemme: Sein Chef hatte gemutmaßt, dass der junge Dachs im Besenwagen ins Ziel gekommen sei. Ein Jahr später erwirbt sich Klemme großen Respekt, als er beim GP Samyn in Belgien den ersten Sieg für das neu gegründete Starteam Leopard Trek herausfährt. "Wir galten als das Real Madrid des Radsports, zur Teampräsentation kamen 5.000 Menschen, wir waren ständig auf dem Podium vertreten", erinnert sich der Bielefelder, der trotzdem nach einem Jahr zu Argos Shimano wechselte. "Ich war als Siegfahrer ins Profilager gekommen, bekam aber nur noch untergeordnete Rollen zugewiesen und musste vorwiegend den Rad-Millionären zuarbeiten", erzählt Klemme, der so "irgendwann den Glauben an mich selbst verlor." Bei Argos Shimano, das verstärkt auf junge Fahrer setzte, erhoffte er sich einen neuen Schub, doch es kam ganz anders. Am 9. Mai 2011 stürzt Klemmes Teamkollege Wouter Weylandt auf der dritten Etappe des Giro d'Italia bei einer Abfahrt so schwer, dass er noch an der Unfallstelle stirbt. "Das war fürchterlich. Ich war wohl der Letzte, der mit Wouter gesprochen hat", erzählt Dominik Klemme, der anschließend die "brutale Seite des Radsportgeschäfts" kennenlernt, das - in seinen Augen viel zu schnell - wieder zur Normalität übergeht. "Diesen Tag habe ich nie vergessen, ich konnte das Geschehene nicht ausblenden", sagt der Bielefelder, der anschließend "in einem Massensprint nicht mehr mein Leben riskierte, um vielleicht Sechster zu werden". »Es ging immer nur um den einen Helden« Mehr und mehr ging Klemme auch zum Starkult im Radsport auf Distanz. "Es ging immer nur um den einen Helden, der doch nur eine Winzigkeit über das Feld, das auch großartige Leistungen erbrachte, hinausragte - das behagte mir nicht mehr", erzählt Klemme, der von der Einstellung her ganz nahe bei Heinrich Haussler, seinem Kapitän bei IAM Cycling, war. Der stellte sich eines Tages vor die Manager und forderte vor den Frühjahrsklassikern ein adäquates Equipment für das ganze Team ein: "Mit diesem Schrott werden wir nicht rausgehen", habe Haussler gesagt und angekündigt, dass er die Nachrüstung notfalls aus eigener Tasche bezahlen werde. "Der hatte verstanden, dass der Teamgeist das Wichtigste ist und von allen mitgetragen werden muss", so Klemme. In den dreieinhalb Jahren seit dem Ende der Profikarriere hat sich bei dem Bielefelder viel getan: Er hat sein Abitur nachgemacht (in das Profiabenteuer hatte er sich mit einem Realschulabschluss ohne abgeschlossene Berufsausbildung gestürzt) und hofft darauf, einen Studienplatz in Psychologie zu bekommen. "Ich will irgendwann in einem therapeutischen Rahmen arbeiten, so ganz klar ist mein beruflicher Weg allerdings noch nicht", sagt Klemme, der sich aktuell mit einigen kleineren Jobs über Wasser hält. Bei der Klarheit, mit er sich und die Welt sieht, wird er bestimmt seinen Weg machen. Ob auf dem Rad oder zu Fuß.

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