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Martin Sprenger, Hermannslauf-Sieger von 1988, kommt bei seinem Virtuellen Hermannslauf am Hof Meyer zu Heepen vorbei. - © Privat
Martin Sprenger, Hermannslauf-Sieger von 1988, kommt bei seinem Virtuellen Hermannslauf am Hof Meyer zu Heepen vorbei. | © Privat

Mein Virtueller Hermannslauf "Nur die Natur spendet Applaus": Hermannslauf-Sieger zum virtuellen Lauf

Rund 900 Laufbegeisterte nehmen im Monat April am Virtuellen Hermannslauf teil. Einer unter ihnen ist Martin Sprenger, Teutolaufsieger von 1988. Als Gastautor nimmt er uns mit auf seine Walking-Runde.

Martin Sprenger
16.04.2021 | Stand 16.04.2021, 16:36 Uhr

Bielefeld. „Mach doch keinen Hermann!", diesen Ausspruch kennen wir in Ostwestfalen als Synonym für „die Sachen nicht zu kompliziert zu machen" und „sich nicht so anzustellen". Im vergangenen Jahr passte der Ausspruch im wahrsten Sinne des Wortes. Und jetzt? „Mach doch keinen Hermann!", aber vielleicht einen anderen? In diesem Jahr kommt „der Hermann" – also der Hermannslauf – zunächst virtuell daher, um im Oktober als Herbstlauf über die Bühne zu gehen.

Zugegeben, ich tue mich etwas schwer mit virtuellen Läufen, es fehlen die Emotionen und die direkte Wettkampfbegegnung – vergleichbar mit den Geisterspielen in der Bundesliga. Gelingt es aber durch Berichte und Fotos für die Teilnehmer*innen eine Plattform zu bilden, so könnte doch so etwas wie eine „gemeinsame" Veranstaltung entstehen.

Auf dem Weg in die Heeper Fichten muss Martin Sprenger diese 15 Stufen bewältigen, die – wenn auch nicht ganz so anspruchsvoll – an die Lämmershagener Treppen erinnern. - © Privat
Auf dem Weg in die Heeper Fichten muss Martin Sprenger diese 15 Stufen bewältigen, die – wenn auch nicht ganz so anspruchsvoll – an die Lämmershagener Treppen erinnern. | © Privat

Außerdem wird das Startgeld der virtuellen Läufe zum Teil gespendet, um die Waldschäden des Klimawandels auszugleichen. Für mich steht also fest: Ich werde den kleinen Hermann über 10 Kilometer in Angriff nehmen. Doch welche Strecke soll es sein? Der Hermannsweg scheidet wegen Waldarbeiten aus, der Obersee ist auch keine Alternative. Mitunter knubbeln sich hier mehr Leute als am Rheinufer in Düsseldorf.

"Der Start von der Haustür aus hat auch seine Vorteile"

Bleibt nur der Start von Zuhause aus. Allerdings entfällt dann die stimmungsvolle Anfahrt zum Start, das erste Highlight beim regulären Hermannslauf. Früher, als wir uns noch zur Vorbereitung die Beine mit Franzbranntwein oder anderen Ölen eingerieben haben, um optimal vorbereitet an den Start zu gehen, da hatten Viren ob der vielen ätherischen Öle keine Chance, sich im Bus zu verbreiten. Es wurde gefachsimpelt, was das Zeug hielt und überhaupt drängte sich der Eindruck auf, im Kreis von lauter Schwerkranken unterwegs zu sein.

Doch spätestens nach dem Startschuss war die Wunderheilung perfekt! „Mach bloß keinen Hermann!", schießt es mir durch den Kopf, ein Start von Zuhause aus hat auch seine Vorteile. Die Zielverpflegung kann individuell vorbereitet, das Bier schon kaltgestellt werden. Und auch die Dusche danach gehört mir ganz alleine.

"Die Treppen kommen anders daher"

Also los geht’s! Meine Runde führt mich in die Heeper Fichten, am Hof Meyer zu Heepen vorbei zum Monte Scherbelino und an den Stauteichen der Lutter wieder zurück. Ich gehe die Strecke noch gedanklich durch, da stehe ich schon an den Treppen. Gut – die von Lämershagen kommen anders daher, hier sind es nur 15 Stufen, durchaus steil auf einen kleinen Wall führend, aber gut zu gehen und zu Beginn meiner 10-Kilometer-Runde. Also alles machbar!

Ein schöner Weg führt entlang des Finkenbaches. Ich überquere die Finkenstraße und die Petristraße. Plötzlich wird der Lärm lauter. Doch es ist nicht der Applaus der Zuschauer wie an der Panzerstraße, auf dem Marktplatz in Oerlinghausen oder an vielen anderen Abschnitten der Originalstrecke, der an mein Ohr dringt. Es handelt sich um weniger wohlklingende von Autos erzeugte Geräusche auf der Ziegelstraße. Schnell weiter! Gut, dass die Heeper Fichten nicht mehr weit entfernt sind.

Ich tauche ein in dieses kleine Waldstück mit hohen Buchen und Eichen, dazwischen kräftige Kiefern. Der Straßenlärm ist wie weggeblasen, es riecht nach Frühling und ich höre die Vögel zwitschern. Hoffentlich helfen die Spendengelder zur Aufforstung des Teutos, damit dort ein gesunder Mischwald heranwachsen kann. Ich drehe eine Extra-Runde und genieße. Nach zirka 30 Minuten verlasse ich den Wald und mache mich auf in Richtung Monte Scherbelino, schließlich benötige ich für meinen virtuellen Hermannslauf auch Höhenmeter.

"Gedanklich befinde ich mich am Ehberg"

Nach Überquerung der Heeper Straße erreiche ich den Bauernhof Meyer zu Heepen. Früher war der mit einem Wassergraben umgebene Hof einer der größten im Ravensberger Land. Heute wird er als Naturfreundehaus und als Reiterhof genutzt. Ich walke durch das dahinter liegende Naturschutzgebiet, immer direkt auf den Monte zu.

Und dann taucht er auf, jener Schuttberg aus der Nachkriegszeit. Seit 1946 wurde hier auf dem Gelände einer Ziegelei das zerstörte Bielefeld aufgetürmt und begrünt. Mittlerweile sind die Bäume haushoch und die Büsche dicht – ein kleiner Mischwald mitten in Bielefeld. Im Volksmund wird der fast 30 Meter hohe Schuttberg „Monte Scherbelino" genannt. In diesem Winter konnte die anspruchsvolle Rodelbahn endlich mal wieder genutzt werden.

Gedanklich befinde ich mich am Ehberg und ebenso steil geht es auch hinauf. Der Weg hinab ist auch nicht ohne und unten angekommen, entschließe ich mich, das Ganze auch in Gegenrichtung zu walken. Schließlich hält der richtige Hermann noch den Tönsberg parat.

Danach muss ich erst einmal kräftig durchpusten. „Mach bloß keinen Hermann!", beim Hermannslauf gilt es wesentlich mehr Höhenmeter zu bewältigen. Jetzt walke ich auf den Luttergrünzug zu. Zwischen den Stauteichen sind an vielen Stellen Narzissen, Tulpen und Krokusse hübsch anzusehen. Man könnte meinen, die Natur spendet mir heute Applaus.

Als ich mich auf den letzten Kilometer begeben will, taucht er auf – der kleine Tränenhügel – jene kleine Erhebung zu Beginn der Promenade, die nach zirka 30 Kilometern beim Hermannslauf so richtig weh tun kann. Mein kleiner Tränenhügel kommt genauso unscheinbar daher und führt mich zur Heeper Straße. Nach nur neun Kilometern stellt er heute kein Problem dar. Ich liege gut in der Zeit.

Die letzten 1.000 Meter meines virtuellen Hermanns sind eher trist, keine Zuschauer, kein schöner Blick über Bielefeld hinweg, einzig die Kirschbaumallee „Auf dem langen Kampe" sorgt für einen Stimmungsaufheller, doch noch sind die vielen Knospen geschlossen. Nur noch die Feldstraße entlang, einen kleinen Schlenker nach links und ich habe mein Ziel erreicht.

Ich schaue auf die Uhr und sage mir: „Mach nicht so nen Hermann! Alles wird gut! Im Oktober können wir hoffentlich den ganzen Hermann zusammen genießen!"

Martin Sprenger, Startnummer 585, 10 Kilometer, Midi- Hermann in 1:25:53, Sportart: Nordic Walking

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