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Video-Dreh an der Schönen Aussicht: Franzi Bossow erinnert sich im Gespräch mit Gregor Winkler an ihren Sieg 2009. Foto: Fust - © Stephanie Fust
Video-Dreh an der Schönen Aussicht: Franzi Bossow erinnert sich im Gespräch mit Gregor Winkler an ihren Sieg 2009. Foto: Fust | © Stephanie Fust

Mythos Hermannslauf (4) Franzi Bossow im Video – der Spaß ist ihr Ziel

Überfliegerin Hilde Aders startet nicht beim Hermannslauf. Das eröffnet der Vorjahreszweiten die Chance auf ihren zweiten Triumph nach 2009. Unter Druck setzt sich die Bielefelderin jedoch nicht mehr

Stephanie Fust
12.04.2019 | Stand 12.04.2019, 11:27 Uhr |

Bielefeld. Ortstermin Sparrenburg. Was für viele eine beschwerliche Kraxselei, ist für Franziska Bossow ein Kinderspiel. Mit Leichtigkeit radelt sie den steilen Weg hinauf zu Bielefelds Wahrzeichen, das zugleich Zielankunft des Hermannslaufes oberhalb der Stadt ist. Die Bielefelderin ist oft und gern an diesem für sie positiv behafteten Fleckchen Erde. Hier bereitet sie mit viel Freude ihre Laufgruppe vom Active-Sportshop auf den letzten, nicht enden wollenden Streckenabschnitt des Hermanns vor. Hier hat sie 2009 eine der faszinierendsten Geschichten des Teutoklassikers geschrieben. Und hier ist sie im vergangenen Jahr - geschwächt durch eine  Krankheit - nach qualvollen 31,1 Kilometern als Zweite hinter Ausnahmeläuferin Hilde Aders von der Menge begeistert empfangen worden. Die Norwegerin setzt in diesem Jahr andere Prioritäten und wird nicht teilnehmen. Und so könnte der 28. April 2019 erneut zum Feiertag für Franziska Bossow, die alle nur Franzi nennen, werden. Daran will die 31-Jährige, die auch leidenschaftlich gern auf Triathlonpfaden unterwegs ist, aber lieber noch nicht denken. Zu viel Druck. Zwar bezeichnet sie sich im nw.de-Video selbst als eine Favoritin - alles andere wäre aufgrund ihrer Streckenbestzeit von 2:07:26 Stunden auch unglaubwürdig -, verweist aber schnell auf „andere starke Läuferinnen aus der Region". Die Bielefelderinnen Stephanie Strate, Vorjahresdritte, Jessica Volkmann als Vierte oder Debütantin Michelle Rannacher aus Gütersloh gehen als ernstzunehmende Konkurrentinnen an den Start. „Ich bin schon viele Rennen gegen Michelle gelaufen, und ich habe noch nie gewonnen", sagt Bossow. Wenn beide fit an den Start gingen, werde die Gütersloherin vor ihr im Ziel sein, ist sie überzeugt. Einzig die Länge des Teutolaufes könnte ein Vorteil für die erfahrene Hermannsläuferin sein. Denn Rannacher fühlt sich eher auf den kürzeren Lang-Distanzen bis maximal Halbmarathon zuhause. "Ziele blockieren mich eher, als dass sie mir nützen" Dass Hilde Aders nach zuletzt vier Siegen in Folge den Hermannslauf auslässt, ist Franziska Bossow gar nicht so recht. Ihre Siegchancen sind deshalb zwar ungleich höher, die Gefahr, den eigenen Anspruch zu erhöhen, aber auch. „Ich habe in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht, dass mich Ziele eher blockieren, als dass sie mir nützen", erklärt sie. „Ich nehme mir jetzt lieber vor, das Beste zu geben und schaue dann, was dabei herauskommt. Mehr als rennen kann ich ja nicht." Leichtigkeit ist das Stichwort. Frei von irgendwelchen Erwartungen. So wie 2009, als Franzi, damals noch Schmidt, als Starterin der B-Gruppe an allen vorbeirannte und als erste Frau an der Sparrenburg ankam. Auf der Zielgeraden fing sie noch die führende Kirsten Heckmann ab, obwohl die fünf Minuten vor ihr gestartet war. Emotionaler Ausnahmezustand – niemand hatte die damals 21-Jährige auf der Rechnung. „Das liegt mir. Aus dem Hintergrund kommend kann ich am besten angreifen. Und wichtig ist, dass ich Spaß habe an dem, was ich tue. Nur über Leistung funktioniert das bei mir nicht." "Wichtig ist, dass man sich klar macht, wo man hin muss" Deshalb war rückblickend ihr einjähriges Intermezzo als Triathlon-Professional trotz der Erfolge für sie nicht das Richtige. Sie betreibe den Triathlonsport gemeinsam mit ihrem Mann Chris immer noch gern, sagt die Wertheranerin. Die Langdistanz (3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und 42,2 km Laufen) im mittelfränkischen Roth am 7. Juli ist deshalb auch im Jahreskalender der Bossows terminiert. Aber die Profisaison sei einfach zu leistungsorientiert und zu anstrengend gewesen. „30 Stunden in der Woche habe ich trainiert. Ich saß fast nur noch auf dem Rad. Dabei komme ich doch vom Laufen. Und dann diese Beinahe-Stürze im Straßenverkehr." Das Stöhnen trieft noch jetzt aus jeder Wortsilbe, während sie von ihrem Profijahr 2017 erzählt. Eine Knieverletzung gab ihr die Gelegenheit, alles in Frage zu stellen. Heute ist sie immer noch viel auf zwei Rädern unterwegs, allerdings nutzt sie ihr mit einem Gepäckträger aufgerüstetes Rennrad aufgrund ihrer Abneigung gegen das Autofahren als Fortbewegungsmittel. „Da kommen auch viele Stunden zusammen, aber es ist eine andere Herangehensweise. Die reine Trainingszeit beträgt jetzt vielleicht noch 15 Stunden wöchentlich." Und die verbringt sie meistens auf zwei Beinen – an ihrem Wohnort in Werther oder auf dem Hermannsweg. Denn, so Franziska Bossow, der Hermannslauf lasse sich besser genießen, wenn man auch auf seine unrhythmischen Passagen wie die Lämershagener Treppen und den Tönsberg vorbereitet sei. „Und auch wichtig ist, dass man sich immer wieder klar macht, wo man hin muss. Nicht am Eisernen Anton ist das Ende, sondern an der Sparrenburg." Nächste Folge (18. April): Vom Mythos der Unbestechlichen – die laufende Familie Schulz.

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