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Vorfreude am Start: Der Hermannslauf ist Kult – in Ostwestfalen-Lippe und darüber hinaus. Auch deshalb wollen ihn so viele heimische Läuferinnen und Läufer in ihre Vita aufnehmen. - © Sarah Jonek
Vorfreude am Start: Der Hermannslauf ist Kult – in Ostwestfalen-Lippe und darüber hinaus. Auch deshalb wollen ihn so viele heimische Läuferinnen und Läufer in ihre Vita aufnehmen. | © Sarah Jonek

Mythos Hermannslauf (3) Jede Menge Erstlinge beim Hermannslauf

Jedes Jahr aufs Neue steht eine Vielzahl von Debütanten am Start des Teutoklassikers. Ihre Motive sind ebenso unterschiedlich wie ihre sportliche Herkunft

Stephanie Fust
05.04.2019 | Stand 12.04.2019, 11:29 Uhr |

Bielefeld. Hannes Bensiek sind die Ausreden ausgegangen, „es nicht zu tun". Deshalb setzt der Bielefelder endlich seinen lange gehegten Plan um und startet am 28. April beim Hermannslauf. Er ist damit einer von ungefähr 2.300 Erstlingen, die sich aus unterschiedlichsten Motiven dem anspruchsvollen Teutolauf von Detmold nach Bielefeld stellen. Nicht selten – anders käme es nicht jedes Jahr aufs Neue zu einem so hohen Debütanten-Anteil – ist das erste zugleich das letzte Mal. Eine Begründung weiß Lauftrainer Ingmar Lundström, Hermannslauf-Sieger 1999 und bekennender Wiederholungstäter. Der Gütersloher begrüßt jährlich in seinen insgesamt 200 Läuferinnen und Läufer umfassenden Gruppen 30 Prozent Neulinge, die sich unter Anleitung auf die 31,1 Kilometer vorbereiten wollen. „Viele erzählen mir von ihrem Lebenstraum ’Hermannslauf’, den man als Ostwestfale schließlich mal gelaufen sein muss, wissen aber nicht, was da auf sie zukommt", erzählt Lundström. „Den Hermannslauf zu laufen, hat auch mit Verzicht zu tun. Im Bereich der Ernährung und der sonstigen Freizeitgestaltung." Bierlaunen-Läufer bekommen Probleme Das Debüt beim Teutoklassiker wird meist als unbeschreibliches Erlebnis wahrgenommen. Wenn es aber darum geht, dieses zu wiederholen, schrecken viele vor dem nochmaligen Trainingsaufwand und den damit verbundenen Einschränkungen zurück. Die Vorbereitung auf ein Minimum zu reduzieren, wie es so mancher Bierlaunen-Läufer schon probiert hat, stellt für Lundström keine Alternative dar: „Dann wird der Hermannslauf zur Qual." Genau das soll es für Hannes Bensiek nicht werden. „Mein Ziel ist es, auch die als sehr schwierig bekannten Stellen mit einem Lächeln im Gesicht zu bewältigen und den Lauf ohne Leiden zu genießen", erklärt der 36 Jahre alte Familienvater. Dafür trainiert er in großen Umfängen und selbst bei widrigen Wetterbedingungen zu seiner eigenen Überraschung mit großer Freude. Das gleichförmige Laufen zählte lange Zeit nicht zu Bensieks Lieblingsaktivitäten, er trat viel lieber beim TuS Ost Bielefeld gegen den Ball. Auch, das gab der Terminkalender so vor, am letzten Sonntag im April. Als er sich vor fünf Jahren einen Kreuzbandriss zuzog, war an Fußballspielen nicht mehr zu denken. An den Hermannslauf jedoch auch nicht. Mittlerweile sei seine Genesung so weit fortgeschritten, dass er seinem Knie diese anspruchsvolle Strecke nun zumuten könne und wolle, meint Bensiek. Und weil auch die trainingsfreundlichen Arbeitszeiten von 5 bis 14 Uhr dem Speditionskaufmann keine Ausfluchtmöglichkeit mehr bieten, heißt jetzt die Devise: „Wenn nicht jetzt, wann dann?" Zumal er sich in seinem „anderen Lebenswandel" als Läufer sehr wohlfühle. Über die NW-Aktion "Lauf geht's" zum Hermann Quereinsteiger wie Bensiek gibt es unter Hermannsläufern zuhauf. Markus Klich-Beckmann verdankt sein Debüt im vergangenen Jahr der Hartnäckigkeit seiner Frau. „Ich habe 20 Jahre lang Handball gespielt und konnte mir nicht vorstellen, ohne Ball durch die Straßen zu laufen", erzählt der Gütersloher Fahrschullehrer. Eine Teilnahme an der Isselhorster Nacht, gemeinsame mit seiner Gattin, scheiterte noch an einer Verletzung, die Herausforderung Hermannslauf meisterte der 50-Jährige dann aber mit „großem Stolz". Eine Wiederholung? Ausgeschlossen. Die lädierten Menisken lassen diese Anstrengung nicht mehr zu. Susanne Brinkdöpke, auch ein Neuling in Laufschuhen, ist über die NW-Aktion „Lauf geht’s" auf den Hermann gekommen. „Da ich eine leidenschaftliche Köchin bin, hat mich die Kombination Sport und Ernährung interessiert", erklärt die Bielefelderin. Das Laufen in der Gruppe auch über längere Distanzen ist seitdem zur unverzichtbaren Freude im Leben der 51-Jährigen geworden, die Anmeldung zum Hermann für sie deshalb die logische Konsequenz: „In diesem Jahr geht es mir ums Ankommen, im nächsten Jahr nehme ich dann mal eine Zeit ins Visier. Man will ja weiterkommen im Leben." Für andere ist der Hermannslauf auch das Sprungbrett zum Marathon. Nina Frankrone läuft seit acht Jahren drei Mal wöchentlich mit Freundinnen in ihrem „Wohlfühltempo". 2018 war es dann soweit: Sie meldete sich beim Hermann an, „weil man ihn eben als Läuferin mal gelaufen sein muss", erzählt die 47-Jährige aus Rheda-Wiedenbrück. Jetzt sei sie „auf den Geschmack gekommen" und legt am Sonntag beim Hannover-Marathon noch 11,095 Kilometer drauf. Den Hermann lässt sie deshalb in diesem Jahr aus, werde ihn aber entgegen ihrer ursprünglichen Absicht sicher noch einmal laufen. Weil es so großen Spaß gemacht hat. Ja – das sagen sie erst mal alle. Nächste Folge: Überfliegerin Hilde Aders startet nicht – die Siegchance für eine Ostwestfälin?

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