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Mitbegründer des Hermannslaufes: Peter Gehrmann präsentiert stolz seine Langlaufski, mit denen er bei neun Wasalauf-Teilnahmen unterwegs war. - © Arne Bensiek
Mitbegründer des Hermannslaufes: Peter Gehrmann präsentiert stolz seine Langlaufski, mit denen er bei neun Wasalauf-Teilnahmen unterwegs war. | © Arne Bensiek

Mythos Hermannslauf (1) „Die Idee zum Hermannslauf ist im Schnee geboren“

Mythos Hermannslauf (1): Mitbegründer Peter Gehrmann spricht im Interview über die Anfänge und die ungebrochene Faszination des Teutoklassikers

Arne Bensiek
22.03.2019 | Stand 12.04.2019, 11:32 Uhr

Herr Gehrmann, Ende April liegt im Teutoburger Wald für gewöhnlich kein Schnee. Wie kam es, dass 1972 der erste Hermannslauf ausgerechnet vom Bielefelder Ski-Club veranstaltet wurde? Peter Gehrmann: Die Idee zum Hermannslauf ist gewissermaßen im Schnee geboren. Das Prinzip eines Laufes von A nach B – also vom Hermannsdenkmal zur Sparrenburg – und Details wie etwa der Lorbeerkranz für Siegerin und Sieger haben wir vom legendären Wasalauf in Schweden übernommen, einem Skilanglauf über 90 Kilometer. Ich war schon in meiner Jugend leichtathletischer Läufer, im Winter aber auch Skilangläufer. Als wir mit einer Gruppe von sechs Freunden aus Ostwestfalen-Lippe 1971 am Wasalauf teilgenommen hatten, stand danach der Entschluss, etwas Ähnliches in unserer Heimat auf die Beine zu stellen – mangels Schnee also einen Volkslauf. Wir waren bekloppt vor Motivation. Der Volkslaufgedanke keimte damals langsam auf. Was gefiel Ihnen als Leistungssportler daran? Gehrmann:Die allermeisten Laufwettkämpfe wurden bis Ende der Sechziger ziemlich übersichtlich. Wenn es hochkam, liefen zehn Kontrahenten gegeneinander auf der Aschenbahn. Natürlich war das Niveau hoch und der Sieger anschließend weit und breit bekannt. Als Lippischer Meister habe ich das selbst genossen. Das Faszinierende am Volkslauf aber ist das Gemeinschaftsgefühl, wenn Hunderte oder – wie mittlerweile beim Hermannslauf – 7.000 Menschen am Start stehen, um zusammen zu laufen. Das ist wahnsinnig erhebend. Beim Volkslauf starten aber auch weniger trainierte Teilnehmer, manche überschätzen sich heillos und bringen sich damit in Gefahr. Gehrmann: Genau das war unsere größte Angst in den Anfangsjahren des „Hermanns". Wir waren überzeugt: Wenn jemand auf der Strecke oder im Ziel kollabieren oder gar sterben würde, dann wäre auch der Lauf tot. Denn dann hätte sich wohl die Stimmung gegen das zarte Pflänzchen Hermannslauf gedreht. Aus diesem Grund ist seit jeher die Sparrenburg das Ziel und nicht das Hermannsdenkmal, das einen knüppelharten Anstieg ganz zum Schluss bedeutet hätte. Und das hat sich bis heute bewährt, auch wenn die Volksläufer mittlerweile im Durchschnitt deutlich besser trainiert sind als damals. »Bei der Premiere waren es 600, beim sechsten schon 2.000 Teilnehmer« Was hat Ihr Hermannslauf der ersten Jahre mit dem von heute noch gemeinsam? Gehrmann: Die Stimmung, das Wettkampferlebnis und die Landschaft. Vom Hermannsdenkmal über die Berge nach Bielefeld zu laufen, das ist einfach fantastisch und das ist bis heute das Erfolgsgeheimnis des Laufes. Am besten sieht man das daran, wie viele Teilnehmer im Vorfeld des Hermannslaufes auf der Wettkampfstrecke trainieren. Das gibt es so bei keinem anderen Volkslauf. Warum haben Sie und die anderen fünf Pioniere der ersten Stunde sich damals nach fünf Jahren aus der Organisation zurückgezogen? Gehrmann:Der Hermannslauf wurde uns, die trotz Unterstützung vom Bielefelder Ski-Club das finanzielle Risiko trugen, einfach zu groß. Bei der Premiere waren 600 Teilnehmer am Start, beim sechsten kamen schon mehr als 2.000. Wir haben gesagt, wir können diese Verantwortung nicht mehr übernehmen. Der Ski-Club wollte aber unbedingt weitermachen und hat das auch acht oder neun Jahre noch getan, bis Günter Entgelmeier als passionierten Volksläufer den „Hermann" zum TSVE Bielefeld geholt hat. Sportmarketing-Agenturen würden sich die Finger lecken nach dem Hermannslauf. Haben Sie die Befürchtung, dass der TSVE Bielefeld den Lauf irgendwann aus der Hand geben könnte? Gehrmann: Wenn man das fortschreitende Ausbluten und Sterben der Sportvereine beobachtet, dann ist diese Befürchtung gar nicht so abwegig. Die Organisation des Hermannslaufes ist für die Verantwortlichen in den letzten Monaten vor dem Wettkampftag ein Full-Time-Job. Man muss schon dafür brennen, um das ehrenamtlich zu leisten. Und ich hoffe, dass sich auch in Zukunft neue Enthusiasten finden. Dem Engagement des TSVE und der vielen unterstützenden Vereine entlang der Strecke verdankt der „Hermann" schließlich seine Seele. »Anfangs galt der Hermann vielen Trainern als Kirmeslauf« Manche Topläufer aus OWL beklagen den großen Hype um den Hermannslauf, weil dadurch Spitzenleistungen abseits des Teutoklassikers deutlich weniger gewürdigt würden. Haben Sie Mitleid? Gehrmann: Ich kann das nachvollziehen. Anfangs galt der „Hermann" vielen Trainern als Kirmeslauf. Die haben ihre Schützlinge stur zu anderen Wettkämpfen geschickt. Burkhard Wrenger, Westfalenmeister und ein guter Kumpel vom dreifachen Hermannslauf-Sieger Theo Pyl, ist ein gutes Beispiel. Er war immer schneller als Pyl, ist die 5.000 Meter auf der Bahn in 14:07 Minuten gelaufen. Aber so lange er richtig im Saft stand, ist er den „Hermann" nie gelaufen. Sonst wäre sein Name heute sicher deutlich bekannter. 2012 sind Sie mit 73 Jahren Ihren letzten Hermannslauf gelaufen. Fehlt er Ihnen? Gehrmann:Ich bin bei meinem letzten „Hermann" nach 3:40 Stunden ins Ziel gekommen und hatte das Gefühl, mein gutes Laufgefühl verloren zu haben. Das fühlte sich plötzlich mehr an nach Stochern als nach Laufen. Ich gebe zu, dass ich mich ein bisschen vor mir selbst geschämt habe. Vielleicht ist das nur menschlich, wenn man den Lauf mal in zwei Stunden geschafft hat. Deshalb habe ich mir gesagt, dass es nach 57 Jahren, in denen ich ununterbrochen gelaufen bin, jetzt mal gut ist. Den Punkt habe ich selbst gesetzt. Was machen Sie seitdem am letzten Sonntag im April? Gehrmann: In diesem Jahr bin ich wahrscheinlich wieder mit dem Mountainbike an der Strecke unterwegs und fotografiere und fiebere mit. In den vergangenen Jahren hatte ich immer auch Schützlinge mit im Rennen, nach denen ich Ausschau gehalten habe. Nächste Folge: Schlau gelaufen: Wie ich den richtigen Rhythmus finde. l

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