0
André Schürrle vor einem Spiel für seinen damaligen Verein Fulham. - © picture alliance / Actionplus
André Schürrle vor einem Spiel für seinen damaligen Verein Fulham. | © picture alliance / Actionplus

Rückblick Zum Karriereende von André Schürrle: Ein später Großer

Der Weltmeister von 2014 wurde von manchen schon als ausrangiert bezeichnet. Dabei war er nie einer der ganz großen Fußballkünstler. Dafür einer, der im Gedächtnis bleiben wird - nicht nur wegen seiner Flanke.

Björn Vahle
18.07.2020 | Stand 18.07.2020, 12:01 Uhr |

Die Dokumentation über das Leben und fußballerische Wirken von Mario Götze bot seinerzeit etliches Erhellende. Wie durchgetaktet, marken- und PR-bestimmt das Leben von Profifußballern ist, zum Beispiel. Aber auch, wie viel reflektierter diese Menschen sind, als sie in den häppchenartigen Interviews erkennen lassen (wollen).

Darin kam auch das zweite Opfer des Finalerfolgs der deutschen Nationalmannschaft vor, wie man ihn fast nennen möchte: André Schürrle. Und zwar, für manchen überraschend, als Ansprechpartner Götzes, wenn es um die Turbulenzen und Verwirbelungen von Erwartung, Anspruch und Realität nach dem WM-Titel ging. Mit Schürrle sprach Götze darüber. In den kurzen Passagen mit beiden Spielern wurde deutlich: Da hat einer die Probleme des anderen verstanden.

"Sonst verlierst du deinen Job"

Nach außen getragen hat Schürrle seine eigenen Emotionen selten. "Man muss ja immer eine gewisse Rolle spielen, um in dem Business zu überleben, sonst verlierst du deinen Job und bekommst auch keinen neuen mehr", sagte Schürrle dem Spiegel, den er seinen Abschied vom Profifußball mit 29 Jahren verbreiten ließ. Dabei dürften "Verletzlichkeit und Schwäche zu keinem Zeitpunkt existieren".

Die Aussagen führen leidvoll vor Augen, dass sich trotz aller Beteuerungen und Vorsätze nach dem Tod Robert Enkes offenbar wenig am Druck der Branche auf ihre sensibleren Protagonisten geändert hat. Götze hatte das Gefühl, das Tor zum WM-Titel sei von nun an die Messlatte der Erwartungen gewesen - die er nie mehr erfüllen konnte. Dem Vorlagengeber scheint es ähnlich ergangen zu sein.

In Erinnerung bleiben Momente, kein konstanter Überflug

Der Bundestrainer motivierte Götze im WM-Finale mit den berühmten Worten: "Zeig der Welt, dass du besser bist als Messi." Doch hätte man eine solche Reihe anhand der nüchternen Errungenschaften, der sportlichen Konstanz, der Genialität tatsächlich so schreiben können? War ein Mario Götze oder eben ein WM-Held Schürrle je so konstant auf Weltklasseniveau unterwegs wie die echten Titanen des Fußballzirkus?

Tatsächlich bleiben von ihnen eher die Einzelmomente in Erinnerung. Götzes sechs, sieben brillante Dribblings, die Abwehrspielern Knoten in die Beine drehten. Fünf oder sechs Tore für Vereine und Nationalteam. Auch Schürrle schaffte es, für fast jeden Verein spektakuläre Treffer zu erzielen, die in Highlight-Videos auftauchten - für Mainz, Dortmund oder Chelsea.

"Ausrangierter Weltmeister" war noch schmeichelhaft

Doch zur Säule einer Mannschaft, einem Leistungsträger, an dem sich die anderen aufrichten, wurde Schürrle nie. Vielleicht wollte er es nie. Auch im WM-Finale wurde er "nur" eingewechselt, glich dann das Kräfteverhältnis mit Argentinien aber zunehmend aus und hatte nach einem kräftezehrenden Ritt durchs Maracana noch die nötige Kraft für den Sprint zur Vorlage zum wichtigsten Tor, dass je zwei schwache Füße (jeweils der linke von Schürrle und Götze) erzielt haben.

Wenig überraschend nennt Schürrle die Wochen in Brasilien "die geilste Zeit meines Lebens". Die Nationalmannschaft habe er immer als "ein Nest" empfunden, weg vom Trott des Vereinsalltags. Er hat sich nie öffentlich beschwert, aber jetzt gibt er zu, dass er sich vieles zu Herzen genommen hat, was an Stationen bei Chelsea, Wolfsburg oder Dortmund, aber spätestens seit seiner Leihe zu Spartak Moskau über ihn geschrieben wurde. "Ausrangierter Weltmeister" war da womöglich noch das schmeichelhafteste Attribut.

Sein fußballerisches Erbe bleibt

Schürrle bezeichnet das viele Geld, das er verdient hat, als "Erleichterung". So könne er sich jetzt immerhin Zeit dafür nehmen, herauszufinden, was er mit der vielen Zeit anfängt, die ihm noch bleibt. Dass er trotzdem das System kritisiert, das ihm das ermöglicht hat, mag man heuchlerisch finden. Doch es macht ihn viel mehr zu einem späten Großen. Einem, der die leisen Töne bevorzugte, und womöglich deshalb erst jetzt seine Stimme gefunden hat, als er das Gefühl hat, nichts und niemand hänge mehr von ihm ab.

Es wird sein fußballerisches Erbe in Deutschland nicht trüben. Wenn er kam, lag immer Verheißung in der Luft. Die wunderbare Aura dessen, was sein könnte. Die Gänsehaut, das merkt man bei der Betrachtung des finalen WM-Tors von 2014 immer wieder, beginnt deshalb nicht mit Götzes Ballannahme oder Tom Bartels Ausruf: "Mach ihn!" Sie beginnt, als Schürrle in der 113. Minute seinen Körper mit einem kurzen Stoppschritt aus dem Zugriffsbereich des argentinischen Bewachers windet, den Ball bekommt und losläuft.

Der Rest ist Geschichte. Und Schürrles Platz darin ist sicher. Wie viele können das mit 29 schon von sich sagen?

Links zum Thema
WM-Glanz verblasst: Die Helden von 2014 sind keine mehr

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.

Kommentar abschicken
realisiert durch evolver group