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Fast alle Ränge im Düsseldorfer Ausweichstadion sind unbesetzt, die Profi-Reserve führt mit 2:0 - für den KFC Uerdingen ist der Drittliga-Alltag an diesem Januar-Sonntag ziemlich trist. - © Jan Ahlers
Fast alle Ränge im Düsseldorfer Ausweichstadion sind unbesetzt, die Profi-Reserve führt mit 2:0 - für den KFC Uerdingen ist der Drittliga-Alltag an diesem Januar-Sonntag ziemlich trist. | © Jan Ahlers

Außerhalb Arminia (1) Zu Gast beim KFC Uerdingen: Dritte Liga, gespenstische Kulisse

Im ersten Teil der Serie "Außerhalb Arminia" berichtet unser Autor von seinem Besuch einer überdimensionierten Miet-Arena. Und einem Verein, der seit 20 Monaten kein Heimspiel mehr hatte.

Jan Ahlers
27.01.2020 | Stand 27.01.2020, 20:03 Uhr

Bielefeld/Düsseldorf. Im ersten Teil habe ich mir gleich eine ungewöhnliche Konstellation vorgeknöpft. Denn in der „Merkur Spiel-Arena" - nein, es handelt sich dabei nicht um die Lübbecker Kreissporthalle – ist an diesem Sonntagnachmittag rein gar nichts los. Der Stadion-Koloss am Düsseldorfer Messegelände, dessen Namensrechte früher an die 2008 zerschlagene  Fluggesellschaft LTU und dann an Modekonzern Esprit verkauft worden waren, ist imposant. Auch im leeren Zustand.

Warum aber strömen die Leute zur benachbarten Bootsmesse, nicht aber ins Stadion? Weil dort nicht die spielen, die dort eigentlich spielen.

Sechs Prozent Auslastung

Weniger als sechs Prozent beträgt die Auslastung, als der KFC Uerdingen sein „Heimspiel" gegen die Reserve des FC Bayern München austrägt. 3.100 der 54.600 Plätze sind belegt, darunter sind geschätzt 300 Gästefans. Für Uerdingen ist dieser Wert Durchschnitt – und offenbar doch so gering, dass auf eine Durchsage der Zahl während des Spiels verzichtet wird. Fast alle Bereiche des Stadions sind gesperrt, nur der Unterrang einer Seitentribüne sowie der Gästeblock sind geöffnet. Da helfen selbst die auffallend bunten Ränge in der Arena nicht mehr, das Geisterspiel zu vertuschen. Am Preis kann es nicht liegen, ich zahle zwölf Euro für einen Sitzplatz in guter Lage.

Mit einem Banner protestieren die Fans gegen den Sanierungsstau, der nicht nur das Krefelder Grotenburgstadion, sondern auch die Trainingsbedingungen betrifft. - © Jan Ahlers
Mit einem Banner protestieren die Fans gegen den Sanierungsstau, der nicht nur das Krefelder Grotenburgstadion, sondern auch die Trainingsbedingungen betrifft. | © Jan Ahlers

Die Geschichte dahinter ist aus Sicht des Fußballfans unschön, denn die Krefelder sind seit dem Drittliga-Aufstieg im Sommer 2018 heimatlos. Heimatlos, weil die altehrwürdige Grotenburg – die Älteren erinnern sich an das Wunder von Uerdingen gegen Dynamo Dresden, das die Jüngeren wie ich nur aus Erzählungen und Youtube-Videos kennen – den Anforderungen für die 3. Liga nicht genügt.

Saniert wurde bislang nichts. 2018/19 trug der KFC seine Heimspiele in Duisburg (Kapazität: 31.500 Zuschauer) aus, jetzt ist es Düsseldorf. Alles ist noch größer, noch überdimensionierter, noch gespenstischer. Für Uerdingen kann der Umzug nur ein riesiges Minusgeschäft sein. Der russische Investor Mikhail Ponomarev, der auch am Eishockey-Bundesligisten Krefelder Pinguine beteiligt ist, beißt in diesen sauren Apfel. Die Fans auch. "20 Monate lang kein Heimspiel", heißt es auf einem großen Protestbanner. Und: "Drittliga-würdige Verhältnisse in Krefeld schaffen jetzt!"

Längst nicht alle Talente gehen in die Bundesliga

Sportlich treffen zwei völlig verschiedene Konzepte aufeinander: Der FC Bayern bildet Talente aus in der Hoffnung, dass eines irgendwann den Sprung schafft. Thomas Müller ging einst den Weg über die Drittliga-Reserve des FCB, auch David Alabas Profikarriere fing hier an. Von den 18- bis 21-Jährigen wird sich trotzdem kaum einer etwas vormachen: Für die meisten von ihnen führt der Weg nicht in die Startelf des Rekordmeisters, sondern perspektivisch eher in die 2. Bundesliga, manche bleiben auch in Liga 3. Für Scouts sind solche Spiele, in denen die Youngstars auf dem Präsentierteller liegen, ein gefundenes Fressen.

Beim KFC Uerdingen um seinen neuen Manager Stefan Effenberg ist die Gemengelage eine andere. Beim früheren Europapokalteilnehmer wird auf raschen Erfolg mit großen Namen gesetzt, die Jugendarbeit und Talentausbildung spielt aktuell eine untergeordnete Rolle. Kevin Großkreutz, Assani Lukimya und Dominic Maroh sind bei Anpfiff Positionsnachbarn in der Viererkette – zusammen bringt das Trio nicht nur einen WM-Titel 2014, sondern auch hunderte Bundesliga-Spiele Erfahrung aufs Feld. Auch wenn niemand die Gehaltsabrechnungen dieser Profis kennt, so ist ein offenes Geheimnis, dass der Uerdinger Etat dank des Investoren-Zuschusses von Ponomarev im Drittliga-Vergleich ganz weit oben anzusiedeln ist.

Bayern-Bubis beeindrucken

An diesem Sonntagnachmittag wird schnell klar: Die jungen Bayern, mit organisiertem Support unterstützt von einer eigenen „Amateure"-Fanszene, sind körperlich unterlegen, spielerisch aber schweben sie mit Leichtigkeit über das grüne Geläuf. Als Oliver Batista Meier, 2018 ausgezeichnet mit der Fritz-Walter-Medaille für besondere Leistungen im Nachwuchsbereich, nach einer blitzschnellen Passstaffette über gut zehn Stationen kurz vor der Pause zum 2:0 für die Gäste (Endstand 3:0) einschiebt, passt die triste Kulisse nicht ansatzweise zum bundesligatauglichen Spielzug. Selbst von den Heimrängen kommt ein anerkennendes Raunen.

Die Fanszene des KFC sammelt sich auf dem Unterrang der Haupttribüne. - © Jan Ahlers
Die Fanszene des KFC sammelt sich auf dem Unterrang der Haupttribüne. | © Jan Ahlers

Erfahrene Mannschaften wissen um die Schwächen der U23-Teams, die sich im Leichtsinn taktischen Fehlern hingeben. Den Bayern passiert das aber nicht, im Gegenteil: Sie agieren selbstbewusst, profitieren freilich auch von einem hanebüchenen Eigentor Mitte der ersten Halbzeit, lassen danach aber den Gegner laufen wie in einem Trainingsspiel. Nicht nur Batista Meier, auch Stürmer Joshua Zirkzee – ja, genau der Zirkzee – und Lars Lukas Mai als robuster Innenverteidiger fallen auf.

Marktwert-Irrsinn um Drittliga-Profis

Als Zirkzee nach 56 Minuten zum 3:0 einköpft, kurz zuvor hatte ein Uerdinger Gelb-Rot gesehen, ist das Spiel gelaufen. Für Arminia wären Talente dieser Kategorie gewiss interessant – zumindest als Leihgeschäft. Denn alle Genannten weisen schon jetzt, teils ohne eine Bundesliga-Minute gespielt zu haben, Marktwerte im siebenstelligen Bereich auf und sind mit langfristigen Verträgen ausgestattet. Fußball ist nicht erst im Jahr 2020 zum hochspekulativen Geschäft geworden.

Um das Spiel zu Ende zu erzählen: Die finale halbe Stunde ist voller Ballgeschiebe für Neutrale schwer zu ertragen. Dazu stellt der Heimanhang, bis dato relativ durchgängig mit 150 bis 200 Leuten aktiv, den Support ein. Die Atmosphäre ist fortan noch gespenstischer als ohnehin schon. Als dem Ex-FCB-Spieler Jan Kirchhoff, ebenfalls von den Krefeldern angeworben, ein einfacher Fehlpass unterläuft, gibt es kurz sogar höhnischen Applaus. Wie verdirbt man seinen Fans schon im ersten Pflichtspiel des Jahres jegliche Freude an der Restsaison? Der KFC Uerdingen, der Stand jetzt ähnlich wie die Bayern-Reserve im grauen Mittelfeld der 3. Liga verbleiben wird, hat es wohl unfreiwillig vorgemacht.

Sportredakteur Jan Ahlers reist  für nw.de mit Arminia Bielefeld quer durch Deutschland. Doch für die regelmäßige Dosis Fußball geht er noch einen Schritt weiter, fährt in andere Stadien, schaut auf Taktik und Tribünen. In der Serie „Außerhalb Arminia" schaut er in unregelmäßigem Abstand, welche Themen die anderen Profiklubs bewegen, wo Talente aufstreben, wo gute und wo eher maue Stimmung herrscht.

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