Gescheitert: Die Spieler des Hamburger SV trotten nach dem 1:4 in Paderborn enttäuscht vom Platz. - © Witters
Gescheitert: Die Spieler des Hamburger SV trotten nach dem 1:4 in Paderborn enttäuscht vom Platz. | © Witters

2. Bundesliga Analyse: Warum der Hamburger SV schon wieder versagt hat

Fußball: Wie selbstverständlich ging der Hamburger SV die Mission Wiederaufstieg an. Dabei unterliefen ihm aber entscheidende Fehler. Der Ruf leidet weiter

Jan Ahlers
14.05.2019 | Stand 15.05.2019, 10:26 Uhr

Bielefeld/Hamburg. Über Paderborn lacht die Sonne, über den Hamburger SV und seine „beste Zweitliga-Saison aller Zeiten" die Fußballwelt. Investor Klaus-Michael Kühne mischt sich ein und untergräbt die sportliche Leitung. Den Aufstieg hat der Herbstmeister krachend verspielt, Spieler wurden suspendiert, zwei Trainer verschlissen und die Fans mit unansehnlichem Fußball vergrault. Alles wie immer beim HSV – dabei wollte er professioneller werden.

Den Etat, mit dem der Hamburger SV die Mission Wiederaufstieg angegangen war – deutlich über 30 Millionen Euro allein für die Profimannschaft – hätte eine effizient denkende Vereinsführung in der 2. Bundesliga kaum gebraucht. Mit dieser Summe könnte sich der SC Paderborn drei- bis viermal finanzieren. Selbst Union Berlin gab nur gut 16 Millionen Euro aus und darf mit seiner Mannschaft mindestens die Aufstiegsrelegation bestreiten. Allein Stürmer Pierre-Michel Lasogga soll jährlich 3,4 Millionen Euro einstreichen. Im Sommer trennen sich die Wege wohl.

Die Geheimtalente landeten bei anderen Klubs

Wer so viel ausgeben kann, der wird auf einem Auge blind. Die aufgehenden Sterne der Liga hießen Philipp Klement, Sargis Adamyan, Sebastian Vasiliadis, Robert Glatzel. Spieler, die in Deutschland ausgebildet wurden. Stattdessen ließ sich der HSV zum Griff ins Unbekannte hinreißen, holte Akteure aus Schottland, Frankreich und Österreich. Keiner schlug ein. Stattdessen wurde Khaled Narey aus Fürth als einziger Zweitliga-Transfer zum Lichtblick. Der ehemalige Bundesliga-Dino, der 2018 erstmals abstieg, hat ganz offenbar ein Scouting-Problem.

Zudem ging der HSV die Mission Zweitklassigkeit ab dem ersten Tag mit einer Zuversichtlichkeit an, die man heute als überheblich bezeichnen würde. Doch vom ersten Saisonspiel an, einer 0:3-Schlappe gegen Holstein Kiel, konterkarierten die tatsächlichen Leistungen alle Ambitionen. „Wer hinter uns Zweiter wird, ist mir egal", sagte Routinier Aaron Hunt dennoch Anfang November.

Wenige Wochen zuvor hatte Hamburg mit Cheftrainer Christian Titz einen der wenigen Handlungsträger entlassen, die Realismus bewahrt hatten. Zynische Fans merkten an, Hamburg habe eigentlich nur eine gute Saisonleistung gezeigt, als sie beim ungeliebten Lokalrivalen FC St. Pauli Anfang März verdient mit 4:0 besiegten. Seitdem gewann der HSV kein einziges Punktspiel mehr.

Statt Geld gibt Investor Kühne 
jetzt Ratschläge

Als wäre das sportliche Debakel nicht schlimm genug, so meldete sich wie so oft in den vergangenen Jahren Milliardär Klaus-Michael Kühne beim HSV zu Wort. Er hätte Hannes Wolf, dessen Rauswurf täglich erwartet wird, schon Ende Februar entlassen. Neues Geld will der 81-Jährige aber seit 2018 nicht in jenen Verein stecken, an dessen Kapitalgesellschaft er mit mehr als 20 Prozent beteiligt ist.

Sportvorstand Ralf Becker, eigentlich zuständig für Personalien beim Chaosklub, sagte dazu lieber nichts, kündigte aber „knallharte Analysen" an. Man gewinnt den Eindruck: Jeder weiß, wie der Klub geführt werden müsste. In der Praxis schafft es nur niemand.

Für spottende Fußballfans von Flensburg bis Füssen war das Scheitern vom Hamburger SV derweil gefundenes Fressen. Zu Bundesliga-Zeiten hatte sich der Klub durch andauernde Vorstandsquerelen und den sportlichen Niedergang ein einzigartiges Negativimage erarbeitet. Der Abstieg 2018 galt als große Chance, dem entgegenzuwirken, einen strukturellen Neuanfang einzuleiten und den ramponierten Ruf zu retten. Die Mission ist gescheitert, die Quittung dafür ein weiteres Jahr Zweitklassigkeit. Dass Hamburg ab Sommer zum Sparen gezwungen wird, ist für den Verein einer von wenigen Hoffnungsschimmern.

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