Schlange stehen für Netzer

Nachmittags Prämie für einen Beinschuss, abends auf der Piste mit Breitner

Bielefeld. Ach wäre es doch noch mal so schön wie einst im Februar 1975, das werden sich die Verantwortlichen des DSC Arminia wohl gedacht haben bei ihrem leider gescheiterten Versuch, Real Madrid als Freundschaftsspielpartner für den 100. Vereins-Geburtstag zu gewinnen. Vor 30 Jahren bei den Jubiläums-Feierlichkeiten zum 70-jährigen Bestehen hat es mit der Attraktion geklappt, und ich habe an diesen Schlager auf der Alm gute, aber auch schlechte Erinnerungen.

Unser Trainer Ehrhard Ahmann war von dem Vergleich mit den Königlichen überhaupt nicht angetan. 24 Stunden vor dem Spiel mussten wir unser Meisterschaftsspiel in der 2. Liga Nord bei den Münsteraner Preußen bestreiten. Wie immer gegen die Preußen ging es sehr hektisch zu. Am Ende siegten wir vor 28.000 Zuschauern durch zwei Tore von Ewald Lienen 2:1.

Große Freude über diesen Sieg wollte aber nicht aufkommen. Statt dessen waren wir geschockt. In der 60. Minute brach unser Abwehrspieler Hans-Peter Miss wie von einem Blitz getroffen bewusstlos zusammen. Die Ärzte diagnostizierten einen Schädelbasisbruch, den er sich bei einem Zusammenprall in der ersten Halbzeit zugezogen hatte. Miss schwebte einige Tage in Lebensgefahr. Seine Fußballkarriere konnte er nie fortsetzen. Unser Entsetzen war groß, als wir abends in Marienfeld in der Klosterpforte zu Abend aßen. Die Stimmung war auf dem Nullpunkt. Von Vorfreude auf das Real-Spiel keine Spur. Wir haben den Kummer mit einigen Gläsern Bier weggespült.

Der Tag des großen Spiels: Fürchterliches Sauwetter herrschte in Ostwestfalen. Als Nachwirkungen des Spiels in Münster waren unsere Beine schwer wie Blei. Und die Köpfe dröhnten - es muss wohl ein Bier zu viel gewesen sein.

Auf der Alm war die Hölle los. 30.000 Zuschauer wollten Real sehen und vor allem Paul Breitner und Günter Netzer. Vor dem Anpfiff spielten sich einige komische Dinge ab. Eine englische Militärkapelle spielte die Nationalhymnen. ZDF-Reporter Wolfram Esser verzögerte den Spielbeginn, weil er auf dem Rasen ein Interview mit Netzer führte. Real bot neben Breitner und Netzer viele seiner Weltstars auf. Der Del Bosque war ebenso mit dabei wie ein Velasquez, Amancio oder Santillana.

In der Kabine haben wir uns ein schönes Spielchen ausgedacht. Wer den Netzer als erstes tunnelt, erhält eine Prämie von allen anderen. Besonders heiß war Werner Brosda, unser mit Abstand bester Techniker. Aber auch Latscher Pohl besaß gute Chancen, schließlich war Netzer sein Gegenspieler. Sie hatten alle die Rechnung ohne Volker Graul gemacht. In der 15. Minute täuschte ich nach rechts an, Netzer machte einen Ausfallschritt, und ich schoss den Ball durch seine Beine. Das Gelächter im Stadion war groß. Ich war zufrieden, da ich den internen Wettbewerb gewonnnen hatte. Nur Netzer war sauer: "Du Arsch", brüllte er hinter mir her. Musste das sein?

Ehrhard Ahmann durfte sich letztlich über unsere Leistung gegen Real freuen. Wir legten ein tolles Spiel hin und unterlagen nur 2:4. Werner Brosda war unser Dreh- und Angelpunkt im Mittelfeld. Ihm gelang auch der Treffer zum 1:2. Für den Schlussstrich zum 2:4 sorgte ich, als ich in der 89. Minute einen Foulelfmeter verwandelte. Wir hatten uns gut verkauft. Es war eine tolle Werbung für den Verein.

Gut ab ging es auch in der dritten Halbzeit. Am Morgen vor dem Spiel hatte mich Paul Breitner, den ich aus der Jugend-Nationalmannschaft kenne, angerufen. Paule wollte abends auf die Piste, und ich sollte ihm brauchbare Tipps geben. Wir einigten uns darauf, dass ich ihn im Maritim in Bad Salzuflen abhole und Kneipenführer spiele. Einige Real-Spieler schlossen sich uns an, und wir erlebten einen lustigen Abend in der Bielefelder Altstadt. Am längsten hielt es mein direkter Gegenspieler vom Nachmittag aus. Seine Name ist mir entfallen. Auf dem Platz war es ein übler Treter, in den Kneipen ein netter Kerl, der den größten Durst hatte.

Diese Saison 1974/75 war die beste für mich bei Arminia. Mit 30 Toren wurde ich Torschützenkönig in der Zweiten Liga. Die Bayern wollten mich haben und 800.000 Mark Ablöse zahlen. Neben Jupp Kapellmann wäre ich dann der teuerste Spieler in der Bundesliga gewesen. Einen Vierjahresvertrag hatte ich mit Robert Schwan bereits unterschrieben. Mein großer Traum platzte wie eine Seifenblase. Arminia verlangte für mich 1,2 Millionen Ablöse. Die Bayern sagten Nein. Meine große Chance war dahin. Es war der Knackpunkt in meiner Karriere. Deshalb nimmt das Jahr 1975 - auch wegen des Beinschusses gegen Netzer - eine besondere Bedeutung in meinem Leben ein.

Volker Graul (52) zählte Mitte der 70-er Jahre zu den größten Fußballtalenten in Deutschland. Der Stürmer erzielte 1974/75 in der Zweiten Liga Nord Tore wie am Fließband für Arminia. Eins davon gelang ihm im Freundschaftsspiel am 2. Februar 1975 gegen Real Madrid.

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