BIELEFELD Mutter von Hooligan-Opfer: "Ganz großes Glück gehabt"

Opfer Malte K. auf dem Weg der Besserung / Offener Brief an die innenminister

Bielefeld (-sg-). Endlich gute Nachrichten im Bielefelder Hooligan-Fall: Das Kurzzeitgedächtnis von Malte K. (26), dem Hauptopfer von einer Horde Hooligans in Bielefeld, funktioniert wieder. "Das hatte uns zwischenzeitlich große Sorgen gemacht. Von nun an kann mein Sohn die Gegenwart wieder abspeichern. Was ihm jetzt noch fehlt, sind Kleinigkeiten, die er durch Reha-Maßnahmen in den Griff bekommen wird", berichtet seine Mutter Birgit optimistisch. Leider stehe vorher noch eine Operation ins Haus. Aber in Bielefelds Krankenhaus Gilead I sieht die Mutter ihren Sohn in wirklich in guten Händen. "Das wird schon klappen. Man kann sagen: Wir haben ganz großes Glück gehabt", freut sich Birgit K.. Ihr Sohn war am 5. Mai nach dem Spiel der 2. Mannschaft von Werder Bremen in der Schüco-Arena von Bielefelder Hooligans überfallen und zusammen geschlagen worden. Lange hatte der junge Fußball-Fan mit dem Tod gerungen. Nicht zuletzt durch das Schicksal ihres Sohnes ist der Kampf gegen gewaltbereite Hooligans für die Mutter längst auch ein politisches Anliegen geworden, dass ihr "keine Ruhe lässt". Vor einer Woche tagte die Innenministerkonferenz. Das Ergebnis hat sie so aufgebracht, dass sie einen offenen Brief an die Innenminister verfasst hat. nw-news.de veröffentlicht den Brief nachfolgend in vollem Wortlaut. Offener Brief an die Innenminister der Länder Sehr geehrte Damen und Herren, ich hoffe, Sie haben sich gut erholt an Ihrem wunderschönen Tagungsort am Fleesensee. Hat das Essen geschmeckt? Wie aus den Medien zu erfahren war, wurden Gesetzesänderungen und unmittelbare Maßnahmen gegen gewaltbereite Hooligans, Rockerbanden und Salafisten nicht beschlossen. Man einigte sich wieder einmal darauf "weitere Schritte zu prüfen". Ich gratuliere Ihnen zu dieser "Meisterleistung" deutscher Politik. Wer nichts tut, macht bekanntlich auch keine Fehler. Ihr Vorsitzender, Herr Lorenz Caffier (CDU), fand sich nicht zu schade, die Presse mit folgender Plattitüde zu beglücken: " Sicherheit im Fußballstadion muss in Zukunft oberste Priorität haben." Was steht hinter dieser hohlen Phrase? Was wollen Sie konkret verändern? Alkoholverbot in Bussen und Bahnen? Man muss wohl Politiker sein, um sich für eine derartig weltfremde Entscheidung auch noch selbst auf die Schulter zu klopfen. Gehen Sie doch einmal durch einen mit Fußballfans vollbesetzten Zug und versuchen Sie dort Ihre großartigen Ideen direkt an den Mann zu bringen. Wenn Sie dann aus dem Koma erwachen, finden Sie sich vielleicht auf der Intensivstation neben meinem Sohn wieder, der gerade vom Hooligans zusammengetreten worden ist – außerhalb des Stadions übrigens. Der Verein Arminia Bielefeld hatte nämlich einige Wochen zuvor gegen besonders radikale Fußballfans ein bundesweites Stadionverbot erwirkt. Aus Rache dafür hatten diese Freizeit- Gangster beschlossen, diesmal jemanden zu töten. Mein Sohn war zur falschen Zeit am falschen Ort. Diesen jungen Männern war durchaus klar, dass ihnen in unserem Staat nichts passieren würde. Wie sollten sie auch wissen, dass Tritte gegen den Kopf tödlich sein könnten? Schließlich standen sie unter Alkoholeinfluss und außerdem hatte ihre Mutter ihnen als Kind nicht oft genug über den Kopf gestreichelt. Auch das Gegenteil kann sich als Entschuldigung vor Gericht durchaus gut als Entschuldigung anführen lassen. Die Männer, die es auf das Leben meines Sohnes abgesehen hatten, waren unter anderem Studierende und Gymnasiasten. Sie hatten als militante Freizeitrowdys zwar Stadionverbot, aber in ihrer parallel laufenden bürgerlichen Zweitexistenz waren sie noch nicht strafrechtlich in Erscheinung getreten. Man kann diesen zukünftigen Anwälten, Lehrern oder gar Politikern doch nicht die Zukunft verbauen! Die Zukunft meines Sohnes als Behinderter scheint gesellschaftlich von minderem Interesse zu sein. Ein Großteil dieser feigen Gewaltverbrecher ist noch nicht 21 Jahre alt und fällt somit unter das Jugendstrafrecht. Als Ausnahmegesetz hatte diese juristische Maßnahme durchaus einmal einen Sinn. Aber sie ist im Laufe der letzten Jahrzehnte klammheimlich zur Regel geworden. Jugendlichen wird generell die nötige Reife abgesprochen, um gut von böse zu unterscheiden. Das bedeutet, meine sehr verehrten Damen und Herren Innenminister, dass ein Teil Ihrer Wähler, nämlich diejenigen zwischen 18 und 21, zum Zeitpunkt Ihrer Wahl gar nicht zurechnungsfähig waren. Man sollte das Bundesverfassungsgericht klären lassen, ob die Bundestags- und Landtagswahlen vor diesem Hintergrund nicht als ungültig erklärt werden müssten. Es ist Ihnen am Fleesensee wieder einmal wunderbar gelungen, den Schwarzen Peter anderen zuzuschieben. Die Vereine, die an Fan-Arbeit ohnehin schon viel leisten, sollen noch stärker in die Pflicht genommen werden. Die Verkehrsbetriebe sollen mit dem Leben ihrer Angestellten spielen, um ein Alkoholverbot durchzusetzen. Diese Maßnahmen gehen am Kern des Problems vollkommen vorbei. Denn die Gewalt Jugendlicher begegnet uns überall, auf Schulhöfen, in U-Bahnen, in Parks, in abgelegenen Gassen. Polizisten trauen sich in bestimmte Stadtviertel nicht mehr hinein. Lehrer haben zum großen Teil aufgegeben und längst innerlich gekündigt. Sie alle werden von der Politik, von Ihnen und Ihresgleichen gnadenlos im Stich gelassen. Und wenn jemand es wagt, die realen Verhältnisse in unserem Land auch nur zu beschrei-ben, dann wird er von den so genannten politischen Gutmenschen gleich als Rechter abgestempelt. Gesunder Menschenverstand wird abqualifiziert zum Stammtischgerede. Ich fordere von den gesetzgebenden Kräften in unserem Staat, dass kriminelle Handlungen Jugendlicher wieder Konsequenzen nach sich ziehen – und damit meine ich nicht Ausflüge in die Karibik mit eigenem Sozialarbeiter. Ich fordere, dass wir jungen Menschen wieder die Gelegenheit geben, die Verantwortung für sich und ihre Taten zu übernehmen, nicht zuletzt, um daran zu wachsen. Und glauben Sie nicht, es handele sich hier um die Einzelmeinung einer betroffenen Mutter. Viele frustrierte Nichtwähler, zu denen Sie längst keinen Draht mehr haben, denken ganz ähnlich. Sie beobachten genau, wie sich die politische Elite regelmäßig an Kurorten den Bauch vollschlägt, und heraus kommt im doppelten Sinn der Wortbedeutung "heiße Luft", die zum Himmel stinkt. Was passiert, wenn diese Masse der Nichtwähler eines Tages an einen Guru gerät, der ihnen radikale Wege aus diesem Dilemma aufzeigt? Dann haben wir genau die rechte Bewegung, die die meisten von uns zu Recht fürchten. Noch haben Sie es in der Hand, in rechtsstaatlichem Rahmen Zeichen zu setzen. Werden Sie endlich aktiv! Birgit K., Lehrerin im Landkreis Harburg

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