Computerspiel Fußball

Mit neuester Datenanalyse werden Erst- und Zweitliga-Profis gläsern – was nicht allen gefällt

VON UWE KLEINSCHMIDT
Computerspiel Fußball - © FUSSBALL
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Bielefeld. "Fußball ist keine Mathematik" – mit diesen Worten schalt einst Karl-Heinz-Rummenigge als Bayern-Chef seinen Trainer Ottmar Hitzfeld. Der hatte sich bei einem UEFA-Cup-Spiel verrechnet, zwei Stammspieler ausgeklammert, deren drei im Spiel abgezogen – und darum gegen die Bolton Wanderers nur ein Ergebnis von 2:2 erhalten. Die Bayern-Tore schoss im November 2007 Lukas Podolski.

Der wurde wiederum am 6. August 2011 als lauffaulster Bundesligaspieler überführt, weil er in der Partie gegen Wolfsburg nur auf 8,93 Kilometer kam. Die Summe stand in allen Zeitungen. Was nun Volker Finke, Sportdirektor des 1. FC Köln, auf die Palme brachte: Podolskis Marktwert sinkt! Also: Fußball ist doch Mathematik.
Seit kurzem vielleicht nicht unbedingt höhere, in jedem Fall aber öffentliche. Im Auftrag der Deutschen Fußball-Liga (DFL) liefert die Münchner Firma Impire nun zahllose Daten, die zuvor zahlungskräftigen Erst- und Zweitliga-Klubs vorbehalten waren. Diese Daten sind jetzt auf www.bundesliga.de, der offiziellen Seite der DFL, zu sehen.

Beim Spiel des FC Schalke in Mainz (Schalke siegte 4:2) wurde bei allen Schalker Spielern die Geschwindigkeit erfasst. Dunkelgrün = langsames Laufen, Lila = Sprints. Den geringsten Sprint-Anteil unter den Feldspielern hatte offensichtlich Raùl (Nr. 7): Er bereitete zwei Tore vor. Die Spielernamen zu den Rückennummern: 1: Ralf Fährmann, 23: Christian Fuchs; 14: Kyriakos Papadopoulos, 4: Benedikt Höwedes, 12: Marco Höger, 10: Lewis Holtby, 32: Joel Matip, 18: Jurado, 7: Raúl, 16: Jan Moravek, 25: Klaas-Jan Huntelaar, 31: Julian Draxler, 17: Jefferson Farfan, 8: Ciprian Marica. Er hatte den höchsten Sprint-Anteil, spielte aber nur vier Minuten. - © GRAFIK: IMPIRE/GRUNDMANN
Beim Spiel des FC Schalke in Mainz (Schalke siegte 4:2) wurde bei allen Schalker Spielern die Geschwindigkeit erfasst. Dunkelgrün = langsames Laufen, Lila = Sprints. Den geringsten Sprint-Anteil unter den Feldspielern hatte offensichtlich Raùl (Nr. 7): Er bereitete zwei Tore vor. Die Spielernamen zu den Rückennummern: 1: Ralf Fährmann, 23: Christian Fuchs; 14: Kyriakos Papadopoulos, 4: Benedikt Höwedes, 12: Marco Höger, 10: Lewis Holtby, 32: Joel Matip, 18: Jurado, 7: Raúl, 16: Jan Moravek, 25: Klaas-Jan Huntelaar, 31: Julian Draxler, 17: Jefferson Farfan, 8: Ciprian Marica. Er hatte den höchsten Sprint-Anteil, spielte aber nur vier Minuten. | © GRAFIK: IMPIRE/GRUNDMANN

Laufleistungen aller eingesetzter Spieler, die Mannschaftslaufleistung, Laufqualität zwischen langsamem Laufen und Sprint, Ballkontakte, Passgenauigkeit, statistisches Zweikampfverhalten – der Bundesliga-Profi ist jetzt ein (zumindest auf dem Spielfeld) gläserner Profi.

Eulberg: Man muss Statistiken lesen können

Frank Eulberg, zu Erst- und Zweitliga-Zeiten Co-Trainer, Cheftrainer und Scout bei Arminia Bielefeld, beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Datenanalyse. Sein Fazit: "Man muss Statistiken lesen können. Ein Innenverteidiger läuft natürlich deutlich weniger als ein Flügelspieler oder ein ’Sechser’. Die Teamlaufleistung ist da schon interessanter. Denn in 80 Prozent der Fälle gewinnt die Mannschaft, die in der Summe die längsten Wege gegangen ist." Zu den verbleibenden 20 Prozent gehörte in dieser Saison etwa der FC Bayern beim Dusel-1:0 über den laufstärkeren VfL Wolfsburg. Wolfsburg wurde ein reguläres Tor aberkannt.

Zur Datenerhebung hat Impire technisch aufgerüstet. In jedem der Erst- und Zweitliga-Stadien wurden eigens zwei Kameras auf Höhe der Mittellinie installiert. Bis zu fünf Analytiker sind bei Spielen vor Ort. 60 Mitarbeiter hat die Firma in Festanstellung, dazu kommen 180 freiberufliche Statistikfreaks. Neben München hat Impire Sitze in Hamburg, Köln, Wien und Zürich. Bei der Datenübertragung ist Impire inzwischen so schnell, dass die Trainer – wenn der Verein dafür bezahlt – schon in der Halbzeitpause Handfestes zu lesen bekommen können.

Wird bei der Passgenauigkeit ein Wert von 87 Prozent ermittelt, muss das aber kein Beweis für Weltklasse sein. Ein Innenverteidiger kann auf eine solche Quote kommen, da ein Großteil seiner Pässe quer oder auch zurück zum Torwart gespielt wird.

Hans-Dieter Flick, wichtigster Assistent von Bundestrainer Joachim Löw, sagt deshalb: "Die modernste Datenerhebung und eine optimale Analyse gewinnen kein Spiel, tragen aber einen großen Teil zur Vorbereitung bei."

Auch Paderborns Trainer Schmidt nutzt die Daten

Auch Roger Schmidt, Trainer von Zweitligist SC Paderborn nutzt die Daten, um sie "mit meiner subjektiven Wahrnehmung" abzugleichen. Diese subjektive Wahrnehmung sei aber zunächst ein Betrachten des gesamten Gefüges. Dabei falle es natürlich auf, "wenn ein Spieler als Beispiel sehr stark in der Vorwärtsbewegung ist, oder ob spezielle Probleme auf einer Seite bestehen."

Dies könne man jetzt mit den umfassenden Daten abgleichen. Den öffentlichen Zugang, "besonders die Art, wie es populistisch ausgeschlachtet wird", hält er aber für "höchst bedenklich". Die Anforderungen seien auf verschiedenen Positionen sehr unterschiedlich. Dies werde in den Daten ebenso nicht berücksichtigt, "wie die speziellen Aufgaben, die ein Trainer einem Spieler erteilt." Da sei dann nur noch von Raketen oder Schnecken, Fleißigen oder Faulen die Rede.

Also zurück zum lauffaulen Lukas Podolski. Die laut Volker Finke marktwertgefährdende Offenbarung seiner Leistung hat für Frank Eulberg eine tieferschichtige Konsequenz: "Wenn ein hoch dekorierter Nationalspieler wie Lukas Podolski im Verein nur 8,93 Kilometer läuft, in der Nationalmannschaft aber – ohne dass ich die Werte genau kenne – deutlich mehr, sollten sich die Vereinsverantwortlichen fragen, warum das so ist."

Das kann Impire allerdings nicht beantworten.

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