Arbeitsrechtler kritisiert Redeverbot für Profi-Kicker

Interview mit dem Justiziar der Spielergewerkschaft

Bielefeld. Die Entscheidung Ewald Lienens, Trainer von Arminia Bielefeld, seinen Spielern Interviews mit Journalisten zu untersagen, ist nicht unproblematisch. Dr. Frank Rybak, Justiziar der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VdV), der Gewerkschaft der Fußballprofis in Deutschland, sagt im Interview mit Matthias Tonhäuser, warum.

Herr Dr. Rybak, wie stehen Sie als Justiziar der Spielergewerkschaft zu – salopp gesagt – Maulkörben für Fußballspieler von Profi-Vereinen?
RYBAK: Das kommt drauf an, ob sie mich als Praktiker oder als Jurist fragen.

Fangen wir mit ihrer Sicht als Praktiker an.
RYBAK: Als Praktiker würde ich sagen, dass das rein faktisch nicht zu begrüßen ist. Zum einen wird mündigen, erwachsenen Spielern ein Verbot erteilt, das nicht altersgemäß ist. Zum anderen passt es nicht in die Medienwelt. Wenn man sieht, dass die Bundesliga zu einem Teil über die Medien finanziert wird, sollte man das berücksichtigen.

Und was sagen Sie als Jurist?
RYBAK: Da muss man unterscheiden. Profi-Fußballspieler haben in ihren Arbeitsverträgen, die an den Mustervertrag der Deutschen Fußball-Liga angelehnt sind, eine Klausel stehen, dass sie das Ansehen der Klubs nicht beeinträchtigen sollen. Diese Klausel geht zu weit, sie könnte von Arbeitsgerichten kassiert werden. Eine andere Frage ist es, ob man im Einzelfall ein Redeverbot verhängt. Da kommt es sehr auf den Anlass und die Dauer an. Ich halte es für nicht zulässig, wenn man einen Spieler attackiert, und ihm dann die Möglichkeit nimmt, sich zu wehren.

Dass José Mourinho bei Real Madrid gerade Mesut Özil verbal abgewatscht hat und ihm dann verboten hat, darüber zu sprechen, ist also falsch?
RYBAK: Das unterliegt spanischem Arbeitsrecht (lacht). In der Tat ist das ein Problem. Es gibt leider nur wenige Gerichtsurteile zu diesem Thema. Wenn darüber überhaupt geurteilt wird, dann im Zusammenhang mit Vertragsstrafen. Sonst kenne ich keinen Fall.

Wie verbreitet ist die Praxis, Redeverbote zu verhängen?
RYBAK: Ich glaube nicht, dass sie sehr verbreitet ist. Ab der dritten Liga abwärts kann ich mich an keinen Fall erinnern. In der Bundesliga gab es den ein oder anderen Fall.

Sehen Sie auch Vorteile von Maulkörben?
RYBAK: Es ist immer auch die Frage, wie sie nach außen transportiert werden. Es gibt auch Situationen, in denen die Spieler dankbar sind, sich nicht äußern zu müssen. Nicht alle finden es zudem unangenehm, dass Interviewanfragen über die Pressestelle weitergeleitet werden.

Manche Pressesprecher sagen, Redeverbote seien ein Mittel, Jungstars wie Mario Götze zu schützen.
RYBAK: Wenn derjenige auch geschützt werden will, ist es okay. Ein Zwangsschutz ist aber nicht legitim.

Copyright © Neue Westfälische 2019
Texte und Fotos von nw.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

nw.de bietet Ihnen unter vielen Artikeln und Themen die Gelegenheit, Ihre Meinung abzugeben, mit anderen registrierten Nutzern zu diskutieren und sich zu streiten. nw.de ist jedoch kein Forum für Beleidigungen, Unterstellungen, Diskriminierungen und rassistische Bemerkungen. Deshalb schalten wir bei Artikeln über Prozesse, Straftaten, Demonstrationen von rechts- und linksradikalen Gruppen, Flüchtlinge usw. die Kommentarfunktion aus. Näheres dazu lesen Sie in unseren Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion (Netiquette) und in dem Kommentar unseres Chefredakteurs Thomas Seim zur Meinungsfreiheit im Forum der NW.

realisiert durch evolver group