Nur noch ein Wunder kann Arminia retten

Fußballverein blickt in den tiefen Abgrund

VON RAINER KLUSMEYER UND TORSTEN ZIEGLER
Die Vorständler Albrecht Lämmchen, Hans-Hermann Schwick und Andreas Mamerow (v.l.) wirken hoffnungslos. Das kleine Bild zeigt Mamerow mit Aufsichtsratsboss Norbert Leopoldseder (l.) auf dem Weg in den Hauptausschuss. - © FOTO: WOLFGANG RUDOLF
Die Vorständler Albrecht Lämmchen, Hans-Hermann Schwick und Andreas Mamerow (v.l.) wirken hoffnungslos. Das kleine Bild zeigt Mamerow mit Aufsichtsratsboss Norbert Leopoldseder (l.) auf dem Weg in den Hauptausschuss. | © FOTO: WOLFGANG RUDOLF
Arminia kann nur noch ein Wunder retten - © ARMINIA 2
Arminia kann nur noch ein Wunder retten | © ARMINIA 2

Bielefeld. Die Sitzung beginnt um 15 Uhr, ist öffentlich und so bedeutungsvoll, wie wohl nie zuvor eine Zusammenkunft des Bielefelder Rates. Es geht um die Existenz eines Sportvereins, der sich in stolzeren Zeiten "Club der Ostwestfalen" nannte. Doch heutzutage ist der Zustand des DSC Arminia nicht einmal mehr geeignet, die Stadt, in der er seit 105 Jahren beheimatet ist, für sich zu gewinnen. 4,85 Millionen Euro als Sofort-Darlehen benötigen die Arminen, um das letzte Riesenloch im Vereinshaushalt zu stopfen.

Das haben Andreas Mamerow vom DSC-Vorstand und Norbert Leopoldseder als Aufsichtsratsvorsitzender dem Hauptausschuss der Stadt gestern in zweieinhalbstündiger Sitzung dargelegt.

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Die folgende Abstimmung lässt jedoch das Schlimmste für Arminia unausweichlich erscheinen. Nur die SPD stimmte für den Kredit, alle anderen Parteien stellten sich dagegen. Bewilligt der Rat die Nothilfe heute erwartungsgemäß nicht, dürfte die Deutsche Fußball Liga (DFL) dem Zweitligisten zum Stichtag 2. Juni die Lizenz endgültig verweigern. Dann wäre nach Aussagen aller Arminia-Verantwortlichen die Insolvenz eine unabwendbare Folge.

Fünf Monate gekämpft

Norbert Leopoldseder, Aufsichtsrats-Vorsitzender, hatte schon vor dem Gang zum Hauptausschuss kein gutes Gefühl. Nach allem, was er gelesen und in persönlichen Gesprächen erfahren habe, glaube er nicht, dass "es zu einem positiven Ende kommt", meinte der zutiefst resigniert klingende Ex-Profi. Die Skepsis war begründet.

Fünf Monate lang hat Leopoldseder nach Bekanntwerden des gigantischen Minus’ in der Vereinskasse gemeinsam mit dem designierten neuen DSC-Präsidenten Wolfgang Brinkmann und den Mitarbeitern der Geschäftsstelle um den Fortbestand der Bielefelder Bundesliga-Tradition gekämpft. Nun, auf der Zielgeraden, hatte sich bei ihm "der Eindruck festgesetzt, dass kurz vor Schluss die Luft ausgegangen ist". "Alles, aber auch wirklich alles", habe der Verein in den letzten Wochen abgeklopft nach Einsparpotenzial und so drei Millionen erwirtschaftet. Und: Die Wirtschaft habe ihren Beitrag zur Sanierung geleistet. Als Gast des Hauptausschusses, der hinter verschlossenen Türen tagte, wollte Leopoldseder "einen letzten Versuch" starten, eine Mehrheit für Arminia zu finden.

Von der Überzeugungskraft seiner Argumente offenbar selbst nicht mehr überzeugt, gab Leopoldseder einen Einblick in sein Seelenleben: "Man muss sich einmal vorstellen: Die Mannschaft wäre sofort frei, die Spieler könnten überall verpflichtet werden. Und unsere vielen Mitarbeiter. Die haben den absoluten Kampfeswillen, brennen darauf, weiterzumachen, haben jeden Tag zehn Stunden für uns geschuftet. Was würde das für Emotionen freisetzen, wenn es doch noch klappt. Deshalb: Das kann doch nicht alles gewesen sein."

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Scheint es doch, wie auch Leopoldseders Mitstreiter Mamerow befürchtet. Dabei hatte er zunächst noch positiv registriert, "dass wir ein sehr offenes und konstruktives Gespräch im Hauptausschuss führen konnten, indem wir viele Detailfragen zu unserem Rettungskonzept beantwortet haben. Wir haben um Hilfe gebeten, nichts gefordert, denn das stand uns nicht zu. Aber am Ende habe ich vernommen, dass nur die SPD für den Kredit gestimmt hat."

In den heutigen Tag geht Mamerow mit der vielzitierten Floskel, nach der die Hoffnung zuletzt stirbt. "Es ist ja nicht das Schlechteste, noch einmal drüber zu schlafen", sagt er und meint die Politiker, die das Arminen-Ansinnen bislang ablehnen. "Außerhalb Bielefelds", betont Mamerow, "vor allem in den Bundesligastädten würde das keiner verstehen, sollte die Ablehnung Bestand haben." Die Ratsmitglieder müssten die Folgen einer Insolvenz von Arminia abschätzen. Mamerow benannte sie schonungslos am Beispiel des Stadions Schüco-Arena: "Das wird eine Bauruine, da machen wir uns nichts vor."

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