Die Waage hat sich eindeutig in Richtung Nein zur städtischen Finanzhilfe für Arminia eingependelt. - © FOTOMONTAGE: ANDREAS FRÜCHT
Die Waage hat sich eindeutig in Richtung Nein zur städtischen Finanzhilfe für Arminia eingependelt. | © FOTOMONTAGE: ANDREAS FRÜCHT

BIELEFELD Arminia vor dem Aus

Hauptausschuss stimmt mit Mehrheit gegen Darlehen

VON JOACHIM UTHMANN UND ARNO LEY

Bielefeld. Der schlimmste Fall scheint einzutreten. Die Stadt wird dem DSC Arminia die Nothilfe verweigern. Der Hauptausschuss stimmte gestern mit Mehrheit gegen die Gewährung des 4,85-Millionen-Euro-Darlehens an den notleidenden Fußball-Zweitligisten. Ein sichtlich geschockter Oberbürgermeister Pit Clausen (SPD) musste nach dreistündiger Sitzung die schlechte Nachricht verkünden. Er geht davon aus, dass Arminia damit keine Lizenz für die 2. Liga erhält und der Verein Insolvenz anmelden muss. Heute entscheidet der Rat endgültig. Obwohl die Wirtschaft gestern mitteilte, dass sie ihren Beitrag von drei Millionen Euro zum Rettungspaket leisten werde, ließen sich die Gegner nicht mehr umstimmen. Auch der Vortrag der Gutachter sowie der beiden Arminenvertreter Norbert Leopoldseder (Aufsichtsratsvorsitzender) und Andreas Mamerow (Vorstand) beeindruckte CDU, Grüne, FDP, BfB, Bürgernähe und Linke nicht mehr. Allein SPD und Clausen stimmten dafür. Der Oberbürgermeister hat wie Vertreter von Arminia und Wirtschaft auch keine Hoffnung mehr, dass noch ein Wunder geschieht. Clausen: "Es ist kein Dritter in Sicht, der für die Stadt einspringen könnte." Damit könnte die Lücke von 10,2 Millionen Euro, die der Lizenzerteilung entgegensteht, nicht mehr bis zum 2. Juni geschlossen werden. Wolfgang Brinkmann, designierter Arminen-Präsident im Fall des Lizenzerhalts, zeigte sich "überrascht", dass sich die Politik so festlegt. Trotzdem gibt er das letzte Stück Hoffnung nicht auf: "Es muss klappen."

Gegner wollen Argumentation nicht folgen

Clausens letzter Versuch, mit Zahlen die Politiker doch noch zu überzeugen, scheiterte. Seine Rechnung: Im Fall der Insolvenz kämen auf die öffentliche Hand durch Ausfall der Außenstände, Einbußen bei der Sparkasse und Fälligwerden der Landesbürgschaften Verluste von über 16 Millionen Euro zu. Dagegen würde nach Clausens Rechnung das Darlehen bei der Stadt-Tochter BBVG nur eine geringere Kreditaufnahme von fünf Millionen bedeuten, die sich im städtischen Haushalt im Jahr nur mit 75.000 Euro niederschlage. Eine Argumentation, der die Gegner nicht folgen wollten. Ein vertrauenswürdiges mittel- und langfristiges Konzept des Vereins sei nicht zu erkennen, argumentierten sie. Erhebliche Risiken der Stadt seien nicht auszuschließen. Im Fall eines späteren Abstiegs mit dann erneut möglicher Insolvenz habe die Stadt nicht nur die fünf Millionen verpulvert, sondern bliebe auch auf ihren Außenständen hängen und müsste eventuell sogar damit rechnen, für die Landesbürgschaft mit aufkommen zu müssen. CDU-Fraktionschef Rainer Lux: "Unsere Bedenken sind im Hauptausschuss eher verstärkt worden. Die grundsätzlichen Risiken für die Stadt sind zu groß." Lux sieht die Lage aber nicht so schwarz wie der OB: "Wir gehen davon aus, dass es weiterhin Profifußball in Bielefeld geben wird."

Clausen verbarg Enttäuschung nicht

Pessimistischer ist SPD-Fraktionschef Georg Fortmeier. Er zeigte sich gestern Abend "sehr enttäuscht: Nach dem 2. Juni werden alle merken, was es bedeutet, wenn Arminia weg ist." Für Clausen bedeutet das Nein einen schweren Schlag auch für die Stadt: "Uns fallen nicht nur Millionen aus der Insolvenz auf die Füße, wir haben auch ein neues großes Stadtentwicklungsproblem im Westen." Denn er könne sich schwer vorstellen, wie die Schüco-Arena künftig ohne Profifußball genutzt werden kann. Hinzu komme, dass Bielefeld einen wichtigen Imageträger, mit dem sich viele identifizieren, einen "Eventträger", der 11.000-Mitglieder hat, Arbeits- und Ausbildungsplätze sowie Jugendhilfeprojekte wie die Arminis verliere. Clausen verbarg nicht seine große Enttäuschung. Trotzdem bescheinigte er auch den Gegnern, sich die Entscheidung nicht leicht gemacht zu haben. Der Stadtrat wird trotz des negativen Votums heute um 15 Uhr tagen. Gespräche, die vielleicht noch Bewegung bringen könnten, seien nicht verabredet. Der Stadt fehlt aber auch noch grünes Licht aus Detmold. Die Kommunalaufsicht erklärte gestern, dass die Unterlagen nicht ausreichten. Clausen: "Wir haben aber alles weitergeleitet, was wir haben."

KOMMENTAR

Warten auf ein Wunder

VON LOTHAR SCHMALEN       Schwarzer Tag für den Bielefelder Sport: Die Hoffnung der Arminen und mit ihnen tausender von Fußballfans, dass die Stadt den DSC doch noch rettet, hat sich zerschlagen. Wenn nicht noch ein Wunder passiert und irgendein edler Ritter plötzlich fünf Millionen Euro auf den Tisch legt, geht am 2. Juni, wenn die DFL endgültig über die Lizenz für Arminia befindet, die 105-jährige Geschichte der einst stolzen Arminia zu Ende. Offenbar konnten die Befürworter in der Stadtverwaltung und die DSC-Verantwortlichen um Aufsichtsrats-Chef Norbert Leopoldseder die Gegner der Finanzhilfe in den Neinsager-Fraktionen nicht überzeugen. Im Rathaus müssen die Verantwortlichen sich fragen lassen, ob sie wirklich alles getan haben, um das Desaster zu verhindern. Die mehr als dürftige Verwaltungsvorlage für die Politiker jedenfalls war keine Hilfe für Arminia. Festzuhalten bleibt auch, dass in Detmold eine (Noch-)Regierungspräsidentin sitzt, die nicht einmal in der Lage war, zur Frage der Zulässigkeit eines Kredits für Armina ja oder nein zu sagen. Wie ein Lauffeuer sprach sich die Nachricht vom Nein zur Finanzhilfe gestern in der Stadt herum. Schon jetzt ist klar: diese Entscheidung wird die Bielefelder entzweien. Unter dem Strich bleibt: In Bielefeld wird es über Jahre keinen Spitzenfußball mehr geben, die Stadt ist ein Stück ärmer geworden, wenn, ja wenn nicht doch noch ein Wunder geschieht.

Information

Live-Ticker von der Ratssitzung

Am Freitag ab 15 Uhr können Sie im Live-Ticker auf nw-news.de verfolgen, wie sich der Rat der Stadt Bielefeld entscheidet.

Copyright © Neue Westfälische 2019
Texte und Fotos von nw.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

nw.de bietet Ihnen unter vielen Artikeln und Themen die Gelegenheit, Ihre Meinung abzugeben, mit anderen registrierten Nutzern zu diskutieren und sich zu streiten. nw.de ist jedoch kein Forum für Beleidigungen, Unterstellungen, Diskriminierungen und rassistische Bemerkungen. Deshalb schalten wir bei Artikeln über Prozesse, Straftaten, Demonstrationen von rechts- und linksradikalen Gruppen, Flüchtlinge usw. die Kommentarfunktion aus. Näheres dazu lesen Sie in unseren Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion (Netiquette) und in dem Kommentar unseres Chefredakteurs Thomas Seim zur Meinungsfreiheit im Forum der NW.

realisiert durch evolver group