Falsche Richtung für Arminia

Heimkomplex, durchschaubare Taktik und viele offen Fragen

VON RAINER KLUSMEYER UND PETER BURKAMP
Falsche Richtung 

für Arminia - © ARMINIA
Falsche Richtung
für Arminia | © ARMINIA

Bielefeld. Nach der sportlichen Bankrotterklärung, dem 0:1 gegen den Karlsruher SC, ist selbst der Cheftrainer zu der Erkenntnis gekommen, dass es "vermessen ist zu sagen, wir hätten irgendeine Chance irgendetwas zu erreichen". Thomas Gerstner weiß aber auch, dass es tabellarisch nur drei Punkte bis zum "letzten Anker" Relegations-Platz drei sind. Wie weit ist der DSC Arminia vor dem Spiel bei Alemannia Aachen (Freitag, 18.00 Uhr) tatsächlich von seinen Zielen entfernt? Die Analyse:

Mannschaft

Warum die Mannschaft einen Heimkomplex entwickelt hat, ist ein große Mysterium. Gegen Karlsruhe fehlten Aggressivität und Leidenschaft, "dafür war die Angst zu hundert Prozent da", sagte Gerstner. Thema seien nicht die unbestrittenen Fehler Arne Feicks und Nils Fischers vor dem Gegentor, sondern vielmehr, dass "in solchen Momenten Führungsspieler, die Ansprüche stellen, gefordert sind." Arminia fehlte jemand, der "zerrt und tut und Anweisungen gibt, so wie es Rübe Kauf macht".
Gerade in den Heimspielen wirken zu viele Spieler unbeteiligt und emotionslos. Für einige scheint die 2. Liga eine Nummer zu groß (Fischer, Janjic, Kerr, Rotter), andere warten noch immer auf ihren Durchbruch (Halfar, Berisha), wiederum andere scheinen mit dem Thema Arminia abgeschlossen zu haben (Kamper). Die Talfahrt ist umso erstaunlicher, als beim letzten Bundesligaspiel am 23. Mai 2009 (2:2 gegen Hannover 96) neun Profis des aktuellen Kaders zum Einsatz kamen.

Trainer

Thomas Gerstner hält beharrlich an dem von der Konkurrenz längst durchschauten 4-1-4-1-System fest, entwickelt keine Ideen, defensiv orientierte Gegner kreativ zu bezwingen. Seine Warnungen vor dem KSC verhallten ungehört - "manchmal stößt man auf taube Ohren", mutmaßt der Coach. Die Rückendeckung durch Vorstand und Geschäftsführung bröckelt. Deshalb sagt Gerstner: "Wenn Detlev Dammeier der Meinung ist, es muss ein anderer Trainer her, dann werden wir sicherlich darüber reden."

Zukunft

"Ich habe den Eindruck, hier weiß keiner so richtig, wie es weitergeht. Die Zukunft ist ungewiss, und jeder scheint irgendwie zu versuchen, seinen Kopf zu retten." Mit diesen Worten formulierte jüngst ein Arminen-Insider seine subjektive Sichtweise der Vereinslage.
Von außen betrachtet, ergeben sich tatsächlich viele offene Fragen. Es ist der durch Schüco-Chef Dirk U. Hindrichs ausgesprochene Wunsch der potentiellen Arminen-Förderer, dass der Klub auf eine professionellere Basis gestellt werden muss, bevor etwas geschieht. Satzungsänderungen sind geplant. Der Aufsichtsrat soll gestärkt werden, ein bundesligaversierter Vertrauensmann der Fördergruppe soll installiert werden. Auch aktuell handelnde Personen sind betroffen. Dass Vereinspräsident Hans Hermann Schwick zur nächsten Jahreshauptversammlung (voraussichtlich am 6. Juni) abtreten soll, scheint klar. Ob die Wirtschaftsvertreter Posten im Aufsichtsrat besetzen wollen und/oder die aktuellen Geschäftsführer Heinz Anders und Detlev Dammeier im Amt belassen wollen, ist ebenfalls offen.

Finanzen und Lizenz

Zumindest in dieser Szene geht’s am Morgen nach dem 0:1 für die Profis nach links, für den niedergeschlagen wirkenden Trainer nach rechts. - © FOTO: WOLFGANG RUDOLF
Zumindest in dieser Szene geht’s am Morgen nach dem 0:1 für die Profis nach links, für den niedergeschlagen wirkenden Trainer nach rechts. | © FOTO: WOLFGANG RUDOLF

Wann kommt die avisierte Finanzspritze aus der heimischen Wirtschaft und wie hoch fällt sie aus? Die Möglichkeiten der künftigen DSC-Mannschaft hängen in hohem Maß vom Personaletat ab. Nach aktuellem Stand (ohne zusätzliche Gelder der Förderer) wird der Etat von etwa 13 auf deutlich unter zehn Millionen Euro gekürzt. Wichtige und damit auch teurere Spieler wie Chris Katongo, Dennis Eilhoff, Andre Mijatovic und Giovanni Federico müssten wohl gehen. Die Chance, eine Mannschaft aufzubieten, die um den Aufstieg mitspielt, ist sehr gering.
Der Aufsichtsrat-Vorsitzende Norbert Leopoldseder ist zwar über die zuletzt erbrachten Leistungen des Profiteams "einfach nur enttäuscht - wie alle anderen". Wirtschaftlich aber sieht er den Verein auf dem Weg zur Gesundung: "Wir arbeiten Scheibchen für Scheibchen ab." So sei zunächst die Liquidität wieder hergestellt worden. Im zweiten Schritt sei es gelungen, auch die Vorgaben der Deutschen Fußball Liga (DFL) zu erfüllen. Leopoldseder: "Das ist uns bereits mündlich seitens der DFL bestätigt worden."

Stimmung im Umfeld

Die meisten Fans geben Arminia im Kampf um den Aufstieg keine Chance mehr. Viele drücken Resignation und Frust über schwache Spiele in Nichtachtung aus und bleiben der Alm fern. Die sehr lobenswerten Versuche Einzelner und Organisierter ("Wir sind Arminia") drohen zu verpuffen. Beim Training versprach gestern einer der Kiebitze Detlev Dammeier eine Flasche Champagner, wenn der DSC die Relegation erreicht.

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