Wie beim Spiel von Arminia gegen Bochum aus der vergangenen Saison, lassen sich Beamte und Fans nicht aus den Augen. Die Anhänger fühlen sich unter Generalverdacht, doch die Polizei muss die Sicherheit jederzeit gewährleisten. - © FOTO: JENS REICHENBACH
Wie beim Spiel von Arminia gegen Bochum aus der vergangenen Saison, lassen sich Beamte und Fans nicht aus den Augen. Die Anhänger fühlen sich unter Generalverdacht, doch die Polizei muss die Sicherheit jederzeit gewährleisten. | © FOTO: JENS REICHENBACH

BIELEFELD Leidenschaft unter Verdacht

Auch in Bielefeld geraten Fußballfans und Polizei immer öfter aneinander

Bielefeld. Festnahmen beim Spiel gegen 1860 München, Randale und Ausschreitungen gegen Koblenz und Union Berlin – auf den ersten Blick nimmt die Gewalt rund um die Schüco-Arena zu. Dagegen wehren sich allerdings die betroffenen Fans. Sie fühlen sich von Polizei und Medien ungerecht behandelt. Auch die Wissenschaft setzte sich kritisch mit dem Problem auseinander – und zeigt Verständnis für Anhänger und Polizei. "Fußball-Fans sind keine Verbrecher", sangen die Koblenzer Fans beim letzten Heimspiel der Arminia. Immer häufiger schallt der Slogan bei Bundesligaspielen von den Rängen. Initiiert ist er meist von den sogenannten "Ultras". "Es sind die engagiertesten Fans, die viel Arbeit und Zeit für ihre Leidenschaft investieren", sagt Ole Wolff vom Bielefelder Fanprojekt. Tatsächlich sind sie es, die im Stadion den Ton angeben. Sie erarbeiten Choreografien, kreieren Fahnen und Gesänge. In der Fachsprache werden sie auch als organisierte Fans bezeichnet. In Bielefeld gibt es rund 200 Ultras. Die meisten sind zwischen 17 und 25 Jahren alt, kommen aus der Mittelschicht und machen Abitur oder studieren. "In der öffentlichen Betrachtung werden sie häufig mit Gewalt in Zusammenhang gebracht, das ist falsch", sagt Gunther Pilz. Der Professor aus Hannover berät den Deutschen Fußball-Bund in Fanfragen. Auch Andreas Kornfeld von der Polizei Bielefeld sieht bei den Ultras keine generelle Gefahr. "Ich finde das Engagement für den Verein toll", sagt Kornfeld. Die Polizei stehe den Ultras neutral gegenüber. "Nur leider sind sie oft bei Ausschreitungen dabei."Solidarisierung gegen die Polizei Fanforscher Pilz und Fanprojektler Wolff glauben , dass Gewaltdelikte unabhängig vom Fußball zu betrachten sind. "Nur wenige Fans sind gewaltbereit – die meisten missbrauchen den Fußball nur", glaubt Pilz. In der Anonymität der Masse können die Unruhestifter untertauchen. "Es gibt bei den Ultras eine große Solidarisierung gegen die Polizei", sagt Wolff. Pilz spricht sogar vom "Feinbild Polizei". Viele glauben, die Beamten würden willkürlich handeln. Sie fühlen sich unter Generalverdacht, außerdem werden viele Stadionverbote als unfair empfunden. Andreas Kornfeld widerspricht. "Wir sind immer in Kontakt mit den Vereinen, versuchen alles um ein Spiel ruhig ablaufen zu lassen". Hauptaufgabe sei trotzdem, die Sicherheit für alle zu gewährleisten. "Unser Vorgehen können wir nicht von einigen Fans diktieren lassen." In Bielefeld erhitzten sich die Gemüter vor allem beim Spiel gegen 1860 München. Vor dem Anpfiff wurden 68 Personen auf der Stapenhorststraße festgenommen. "Einige Idioten haben die Polizei provoziert, dann flog eine Flasche auf die Straße, sofort wurden wir eingekesselt", sagt ein Betroffener. Die Polizei bewertete die Situation anders, sprach von mehreren Flaschen und Feuerwerkskörpern. Alle Eingekesselten wurden mit Kabelbindern abgeführt. "Ich habe nichts gemacht, aber einem Fan glaubt keiner", sagt der Betroffene weiter. Pilz kontert: "Es sind nicht immer nur die Anderen die Fehler machen, die Ultras müssen sich von den Krawallmachern distanzieren." In Bielefeld möchte die Polizei mit den Ultras sprechen – bisher erfolglos. "Ein Gespräch wäre wichtig, aber bei vielen ist das Vertrauen in die Polizei erschüttert", sagt Wolff.

realisiert durch evolver group