Das Regime Kentsch

Kritiker Kauf massiv unter Druck gesetzt

VON PETER BURKAMP
Arminias Sport-Geschäftsführer Roland Kentsch. - © FOTO: ANDREAS ZOBE
Arminias Sport-Geschäftsführer Roland Kentsch. | © FOTO: ANDREAS ZOBE
Das Regime

Kentsch - © ARMINIA
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Kentsch | © ARMINIA

Bielefeld. Als Rüdiger Kauf (34), integrer und allseits respektierter Mannschaftskapitän von Arminia Bielefeld, nach dem Rauswurf von Trainer Michael Frontzeck am Sonntag, 17. Mai, auch "den Oberen" riet, sich zu hinterfragen und die Schuld für den sportlichen Niedergang nicht nur bei anderen, sondern auch bei sich selbst zu suchen, wusste er genau, was er sagte.

Kaufs Kritik, in den vergangenen Jahren sei entgegen wiederholter Beteuerungen zu wenig Geld in die Mannschaft investiert worden, würde Arminias Finanz-Geschäftsführer Roland Kentsch auf die Palme bringen. An Kaufs Worten gab es jedoch nichts zu rütteln. TV- und Radioreporter hatten sie längst verbreitet. Am vergangenen Montag, der Abstiegskampf war gerade verloren, wurde Kauf beobachtet, wie er gegen 17.30 Uhr die DSC Arminia Bielefeld-Geschäftsstelle betrat. Zur Standpauke bei der Geschäftsführung. Kentsch soll gewütet, Detlev Dammeier schweigend zugesehen haben.

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Schwick: "Es gibt viel aufzuarbeiten"

Gegenüber Radio Bielefeld äußerte sich DSC-Präsident Hans-Hermann Schwick am Donnerstagnachmittag: "Ich bin tief betrübt über die Diskussion und das öffentliche Erscheinungsbild unserer Arminia. Ich glaube, es gibt in der nächsten Woche in den Gremien viel zu besprechen und aufzuarbeiten."

Kauf sollte eine Geldstrafe akzeptieren. Er tat es trotz einschüchternd wirkender Atmosphäre nicht. "Kentsch hat Kauf gedroht, dass er kein Spiel mehr für Arminia macht, wenn er nicht die Klappe hält", berichtete Kaufs Berater Rainer Störk dem Kicker. Derart unter Druck gesetzt, mag Kauf sich zu diesem Thema im Moment gar nicht äußern: "Dazu etwas zu sagen, ist für mich zu riskant." Wie riskant, war am Montagabend unmittelbar nach Kentschs Ausbruch beim Arminen-Stammtisch von Radio Bielefeld zu spüren. Arminias Rekordbundesligaspieler (170 Spiele) gab sich einsilbig, trat von seiner geäußerten Kritik aber nicht zurück.

Auch Hain erlebte verbales Donnerwetter

Wie es zugegangen ist beim Rapport bei Kentsch, kann sich Mathias Hain lebhaft vorstellen. Kaufs Amtsvorgänger als Kapitän und früherer DSC-Torwart war selbst einige Male mit Kentsch aneinandergeraten. Als Hain es einmal gewagt hatte, sich und die Mannschaft gegen aus seiner Sicht unangebrachte sportliche Kritik des Bänkers Kentsch zu verwahren, brach auch über ihm ein verbales Donnerwetter aus. "Kentsch hat zu mir gesagt, dass er der einzige bei Arminia ist, der machen und sagen kann, was er will", erinnert sich Hain. Der aktuelle Keeper des FC St. Pauli bedauert seine Offenheit nicht. "Ich fand meine Kritik angemessen und möchte grundsätzlich noch jeden Tag in den Spiegel schauen können."

Als es vergangenen Sommer darum ging, seinen Vertrag in Bielefeld zu verlängern, fühlte sich Hain nach langem Hin und Her "vorgeführt". Sowohl Trainer Michael Frontzeck als auch Sport-Geschäftsführer Reinhard Saftig wollten Hain halten. "Ich glaube, dass mir meine offene Art zum Verhängnis geworden ist", meint Hain im Rückblick.

Alleinherrscher über die Alm

Kaum ein anderer für die Finanzen zuständige Kollege in der Liga exponiert sich derart in der Öffentlichkeit wie Roland Kentsch. Vielen Beobachtern erscheint er wie der Alleinherrscher über die Alm. Kritik an seiner Position bedeutet Majestätsbeleidigung. So wird es von Vielen empfunden. Immer wieder mischt er sich massiv in den sportlichen Bereich ein. Mehrfach beklagten seine Geschäftsführer-Kollegen, nahezu handlungsunfähig zu sein. Regelmäßig hat Kentsch direkt Entscheidungen von Trainern kritisiert. Zuletzt die von Michael Frontzeck. Sei es, dass ihm eine Spitze zu wenig aufgeboten oder seiner Meinung nach nicht passend eingewechselt worden war. Mitgliedern von Vorstand und Aufsichtsrat ist dieses Verhalten schon lange ein Dorn im Auge. Wiederholt wurde auf Kentsch eingewirkt. Genützt hat es nichts.

Kentsch scheint beratungsresistent

Auch beim Thema Ämterverquickung scheint Kentsch beratungsresistent. Dass er als Vorstandsmitglied qua Satzung Kontrolle über die Geschäftsführung der Arminia KgaA und damit über seinen eigenen Arbeitsplatz ausübt, wird seit Jahren kritisiert und von Vereinsseite immer damit begründet, dass es nützlich für das Projekt Stadionausbau sei. Und Kentsch betont gern, dass er sich heraushalte, wenn es im Vorstand um sein Geschäftsführer-Pendant Sport gehe. So ganz schafft er das dann wohl doch nicht: Das erste Gespräch mit dem Kandidaten Reinhard Saftig führte er.

Selbst auf Anraten von Vorstands- und Aufsichtsratsmitgliedern, bei der Jahreshauptversammlung 2008 nicht mehr für den Vorstand zu kandidieren, blieb Kentsch stur. Angesichts der schon damals negativen Stimmung gegen ihn darf vermutet werden, dass – hätte nicht der Vorstand im Ganzen zur Wahl gestanden – Kentsch aus dem Amt gewählt worden wäre.


DER KOMMENTAR: Böses Treiben



VON TORSTEN ZIEGLER
    
Keine Sorge, liebe Leserinnen, liebe Leser, wir werden Sie an dieser Stelle nicht täglich mit Kommentaren quälen, die sich mit dem Auftreten des Finanzexperten von Arminia Bielefeld befassen. Nachdem gestern die von Roland Kentsch erzielte öffentliche Wirkung beleuchtet wurde, ist dessen internes Handeln nach unserer heutigen Berichterstattung leider für die Vereinsinteressen als genauso kontraproduktiv einzustufen.

Nach diversen Selbsterfahrungen mit einem aufbrausenden und wüste Drohungen ausstoßenden Kentsch, die wir, Chefredakteure, Sportchef und Sportredakteure, zur Kenntnis nehmen mussten, konnten wir uns schon immer lebendig vorstellen, wie der Geschäftsführer wohl erst mit abhängig Beschäftigten des DSC Arminia umspringen würde. Die Fälle Rüdiger Kauf und Mathias Hain bestätigen diese Vermutungen. Wer es wagt, an der Person Kentsch zu kratzen, muss um seine Karriere bei Arminia fürchten. Es rangiert jedenfalls sicher irgendwo zwischen Einschüchterungs- und Erpressungsversuch, wie Kentsch jetzt den Rekordbundesligaspieler und Leistungsträger Arminias zum Schweigen gebracht hat.

Es ist mutig und wichtig zugleich, dass Kaufs Berater Rainer Störk die von Hain bestätigten Praktiken an die Öffentlichkeit gebracht hat. Denn nur so wird der Aufsichtsrat des Klubs gezwungen, dem bösen Treiben auf der Geschäftsstelle ein Ende zu setzen.

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