KOMMENTAR: Schwarz-weiß-blauer Niedergang

VON SVEN STICKLING

Arminia Bielefeld ist abgestiegen, und das vollkommen zu Recht. Wenn eine Mannschaft nur vier von 34 Spielen gewinnt, wenn sie in keinem Spiel mehr als zwei Tore schießt, wenn sie vor allem gegen direkte Mitkonkurrenten nicht ausreichend punktet, dann muss sie absteigen. Dann hat sie es nicht verdient, weiterhin gegen Bundesligamannschaften wie den VfL Wolfsburg oder Bayern München zu spielen. Dann sind Rot-Weiss Ahlen und 1860 München genau die richtigen Kaliber.

Das erste Zweitliga-Jahr nach fünf Jahren Bundesliga dürfte ein ganz bitteres für Arminia werden. Die ohnehin nur selten gefüllte Haupttribüne wird in der Zweiten Liga einem teuren, selten genutzen Auto ähneln, das man zum Schutz vor der Witterung mit einem Plastikschutz abdeckt.

Der Klub lebt von seinen Fans

Nach der mehr als durchwachsenen Abstiegssaison drohen zahlreiche Fans mit dem Vereinsaustritt, dem Verzicht auf den Kauf einer Dauerkarte, dem Entziehen der Treue. Letzteres trifft Arminia Bielefeld neben dem sportlichen Abstieg mindestens genauso hart, wenn nicht härter. Der Klub lebt von seinen Fans – und sollte seine Fans lieben.

Innerhalb des Vereins schieben die Verantwortlichen sich seit Samstagabend öffentlich die Schuld zu. Präsident Hans-Hermann Schwick beklagt, es seien nicht die nötigen Nachverpflichtungen getätigt worden. Schuld daran trage Sportgeschäftsführer Detlev Dammeier, der mit Michael Frontzeck entschieden habe, dass die Mannschaft intakt sei und keine passenden Spieler da seien, die verpflichtet werden könnten. Geld wäre dagewesen. Die Personalie Dammeier könnte die nächste sein, die den Bilanzposten, unter dem Arminias Abfindungszahlungen gebucht werden, erhöht.

Stillstand statt Fortschritt

"Seien Sie gewiss, Arminia Bielefeld wird an diesen Abfindungen nicht zu Grunde gehen", sagte Finanzgeschäftsführer Roland Kentsch erst unter der Woche. Der Verein sei finanziell gesund. Gesund heißt, am Ende steht die schwarze Null. Das klingt zunächst gut, bedeutet im Umkehrschluss allerdings, dass Weiterentwicklungen nur sporadisch stattfinden. Wer Geld für Abfindungen ausgibt, dem steht dieses Geld an anderer Stelle nicht zur Verfügung.

Die Dummen sind am Ende die Fans. Sie begleiten ihre Mannschaft durch die Saison, fiebern und leiden mit ihr – und sind mehr oder weniger machtlos. Dass sich großer Unmut bei ausbleibenden Erfolgen aufstaut und irgendwann überkocht ist selbstverständlich. Dass Arminias Schatzmeister Kentsch auf die Frage eines Radiojournalisten, ob er sich nach Arminias Niedergang auch selbst in Frage stelle, antwortet "Ich verstehe Ihre Frage nicht", ist traurig und zeigt woran es bei Arminia mangelt - an Selbstkritik auf allen (!) Ebenen.

Selbstkritik und Aufrichtigkeit

Der Philosoph Sir Karl Raimund Popper mahnte einst, "Selbstkritik und Aufrichtigkeit sind die erste Pflicht im Berufsleben". Die Spieler haben diese Selbstkritik zum Teil vorgelebt, allen voran Mannschaftskapitän Rüdiger Kauf. Sie wollten, konnten aber nicht, was sie sich selbst und den Fans am Ende eingestanden haben. Alles andere hätte jegliche Glaubwürdigkeit gekostet.

Jemandem der sich müht, der scheitert und sein Scheitern öffentlich eingesteht können nur schwer Vorwürfe gemacht werden. Wer sich nichts eingesteht, der muss mit Vorwürfen rechnen. Ja, er beschwört sie geradezu herauf. Wer davon überzeugt ist, alles richtig zu machen, der sucht niemals auch nur einen Ansatz von Schuld bei sich selbst, der zieht sich den "Schuh nicht an".

Ihre Fußballschuhe angezogen haben sich die Spieler am Tag nach dem Abstieg nur kurz. Nachdem sie hinter verschlossenen Türen in der Schüco-Arena ihr Auslaufen beendet hatten, gingen sie in die Sommerpause. Dass das Auslaufen im Stadion stattfand, wurde nicht rechtzeitig über die DSC-Homepage an die Fans kommuniziert. Um 10 Uhr hatten sich daher ungefähr 30 Schaulustige am Trainingsgelände an der Friedrich-Hagemann-Straße eingefunden, um ihre Mannschaft ein letztes Mal zu sehen. Sie warteten vergeblich. Eine weitere, traurige Randnotiz - eine von zuletzt vielen.

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