Ausnahme: Stefan Ortega Moreno kam aus der DSC-Jugend und ist Stammspieler. Foto: Rudolf - © Wolfgang Rudolf
Ausnahme: Stefan Ortega Moreno kam aus der DSC-Jugend und ist Stammspieler. Foto: Rudolf | © Wolfgang Rudolf

Arminia Bielefeld Zahl der Eigengewächse schrumpft: Arminias Kreuz mit dem Nachwuchs

Selten schaffen es eigene Jugendspieler, sich bei den Profis durchzusetzen. Ortega Moreno ist der letzte, der es zur Stammkraft gebracht hat. Bayern, Dortmund und Schalke werben schon die jüngsten Bielefelder Talente ab

Peter Burkamp
24.06.2019 | Stand 24.06.2019, 17:50 Uhr
Philipp Kreutzer

Bielefeld. Stolz präsentierte der DSC im Juli 2018 ein Foto aus dem Trainingslager in Österreich. Darauf abgebildet: Sieben Spieler des Profi-Kaders, die alle im eigenen Nachwuchsleistungszentrum ausgebildet wurden. Ein Jahr später ist die Anzahl der Eigengewächse im Zweitliga-Aufgebot deutlich reduziert. Offensivspieler Roberto Massimo (18) ist ab sofort für den VfB Stuttgart aktiv, Rechtsverteidiger Can Özkan (19) wurde an Aachen ausgeliehen, Torwart Baboucarr Gaye (21) ist auf Vereinssuche. Die Defensivspieler Cerruti Siya (20) und Semir Ucar (20) haben zwar noch gültige, zum Teil längerfristige Verträge, finden aber keine Berücksichtigung. Beiden wurde nahegelegt, sich kurzfristig neue Vereine zu suchen. Zwei andere Kicker, die ebenfalls auf dem Foto vom Juli 2018 zu sehen sind, spielen dagegen weiter wichtige Rollen: Torwart Stefan Ortega Moreno (26) ist unumstrittener Stammspieler, Offensivkraft Keanu Staude (22) bewirbt sich um Spielanteile. Sie sind zwei der vier für die Lizenzerteilung nötigen Local Player, die mindestens drei Spielzeiten (von 15 bis 21 Jahren) für den Verein gespielt haben müssen. Die anderen beiden sind Özkan und der zuletzt verliehene Nikolai Rehnen (22). Massimo und Weigelt bringen Millionen ein In der jüngeren Vergangenheit hat Arminia mit Massimo und Henri Weigelt (21) Talente hervorgebracht, denen die Konkurrenz offenbar Größeres zutraut und die Arminia viel Geld einbrachten. Massimo war dem VfB Stuttgart rund 2,5 Millionen wert, Innenverteidiger Weigelt ging für 1,1 Millionen Euro zu AZ Alkmaar. Dort kam er bei den Profis bisher nicht zum Einsatz. Auch der Sprung in Arminias Zweitligakader bleibt für Eigengewächse sehr schwierig. So zeichnet sich aktuell ab, dass Joey Müller (18), Kapitän der jüngst in die Bundesliga aufgestiegenen U 19, ausgeliehen werden soll. Mit U-19-Torwart Jhonny Peitzmeier (18, mittlerweile Sf Lotte) ist nicht verlängert worden, dafür kommt das ungarische Talent Agoston Kiss (18) als dritter Keeper. Kenner der Szene sagen, selbst die besseren Nachwuchsspieler, die Arminias Jugend entwachsen, hätten allenfalls Viertliga-Qualität. Wie die jüngsten Beispiele Özkan, Siya und Ucar zeigen, sind sie (zumindest noch) nicht in der Lage, eine ernsthafte Konkurrenz für die Profis darzustellen, legen zum Teil dennoch ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein an den Tag. Erstligisten bieten mehr Geld und eine bessere Infrastruktur Bei Jomaine Consbruch (17, Vertrag bis 2020) ist die Situation anders. Er hatte sich bereits früh in der abgelaufenen Saison entschieden, zum FC Schalke wechseln zu wollen, um sich unter dem renommierten Trainer Norbert Elgert weiterzuentwickeln. Im Herbst 2018 teilte der Junioren-Nationalspieler dem DSC seine Absicht mit. Gut ein halbes Jahr später unterbreitete Arminia ihm ein Angebot, das für Consbruch und seinen Berater nicht akzeptabel war. Die erste Ablöseforderung der Arminen war den Schalkern zu hoch. Ob es eine Einigung gibt, ist offen. Consbruch war schon in jüngeren Jahrgängen von der Konkurrenz beobachtet worden, blieb jedoch aus Überzeugung und Verbundenheit bei Arminia. Andere nicht. So erlagen jetzt Johannes Siebeking (13, zu RB Leipzig), Marlon Zacharias (14, zu Bor. Dortmund) und Niklas Barthel (14, zu Schalke) den Verlockungen der großen Klubs. Bereits zum 1. Januar 2018 war Ricardo Wagner zum FC Bayern gewechselt. Arminia ist dagegen machtlos. Die namhaften Erstligisten haben schlichtweg mehr zu bieten. Mehr Geld, mehr hauptamtliche Trainer und eine bessere Infrastruktur. „Das ist leider die Realität. So ist das Geschäft", sagt Samir Arabi. Die Tendenz gehe dahin, dass die von großen Klubs gescouteten Talente immer jünger werden. Eine U-23-Mannschaft zu führen, ist nicht wirtschaftlich Arminias Sport-Geschäftsführer und die Verantwortlichen aus dem Jugendbereich wie Nachwuchs-Cheftrainer René Müller halten es für falsch, die jungen Spieler schon so früh aus ihrem Umfeld zu reißen. Viele würden auswärts den Durchbruch nicht schaffen. Die dagebliebenen Älteren allerdings auch kaum. Für Spieler wie Joey Müller Siya, Özkan, Gaye oder Ucar fehlt nach der Abmeldung der U 23 eine Mannschaft, die den Übergang von der Jugend zu den Profis erleichtert. Wie viele andere Bundesligisten hat Arminia die U 23 aus wirtschaftlichen Erwägungen aufgegeben, nachdem es in mehreren Anläufen nicht gelungen war, in die Regionalliga aufzusteigen. Die Oberliga biete nicht das Niveau an Spielpraxis, welches man sich für den eigenen Nachwuchs wünsche, meint Arabi. Andererseits sei die Unterhaltung einer Viertligamannschaft sehr teuer, ohne dass sie sportlichen wie wirtschaftlichen Erfolg garantiere. Arminia befindet sich wie viele Klubs dieser Kategorie in einer Zwickmühle. Gegen Abwerbeversuche großer Klubs können sie sich nicht wehren, dazu konkurrieren sie mit Paderborn und Rödinghausen um regionale Talente. Die Nachwuchsarbeit aufzugeben, kann allein schon wegen der DFL-Bedingungen kein Thema sein. Deswegen versucht der DSC – aktuell mit einem neuen Trainingsplatz – seine Wettbewerbsfähigkeit im Jugendbereich Schritt für Schritt zu verbessern. Das mutet beinahe wie eine Sisyphusarbeit an.

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