Versucht, das große Ganze im Blick zu behalten: Samir Arabi, Arminia Bielefelds Geschäftsführer Sport. - © Wolfgang Rudolf
Versucht, das große Ganze im Blick zu behalten: Samir Arabi, Arminia Bielefelds Geschäftsführer Sport. | © Wolfgang Rudolf

Arminia Bielefeld Arminias Samir Arabi im Interview: "Kracher sind nicht umsetzbar"

Den Aufstieg des SC Paderborn bezeichnet der DSC-Sportchef als "Fußball-Wunder"

Philipp Kreutzer
15.06.2019 | Stand 15.06.2019, 14:12 Uhr

Herr Arabi, in der vergangenen Saison hat Arminia elf neue Spieler verpflichtet. Kann man daraus und aus der Tatsache, dass in der aktuellen Transferphase in Cebio Soukou und Agoston Kiss bisher erst zwei Neue feststehen, ableiten, dass aus Ihrer Sicht in diesem Sommer kein so großer Handlungsbedarf besteht? Samir Arabi: Wir haben für die neue Saison in der Mannschaft ein stabiles Gerüst. Der Stamm, der die Rückrunde sehr erfolgreich bestritten hat, steht noch unter Vertrag. Wir haben also nicht den Druck, acht, neun oder zehn Transfers machen zu müssen. Zumindest punktuell besteht aber ja Bedarf. Wo sehen Sie den in erster Linie? Arabi: Den größten Bedarf haben wir auf der Position des Innenverteidigers. Es ist der Wunsch des Trainerteams, mit vier Innenverteidigern in die Saison zu gehen. In Julian Börner hat uns einer verlassen, diese Lücke wollen wir schließen. Was macht die Suche nach einem Innenverteidiger so schwer? Arabi: Gefühlt 80 Prozent der deutschen Profivereine suchen für diese Position die sogenannte „eierlegende Wollmilchsau". Gute Innenverteidiger sind aber rar gesät, zumindest wenn wir über Spieler sprechen, die uns auf diesem Niveau weiterhelfen sollen. Wir haben das auch im Winter gemerkt, als wir uns um einen Spieler eines Bundesligisten bemüht haben, der am Ende an einen anderen Zweitligisten ausgeliehen wurde. Sie meinen Justin Hoogma von Hoffenheim, der die Rückrunde für St. Pauli bestritten hat. Arabi: Er hatte eine Vielzahl an Anfragen aus der 2. Liga. Da sieht man, wie viele Vereine sich auf einen Spieler stürzen und wie schwierig dieser Markt ist. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass wir mit Börner einen Linksfuß verloren haben und versuchen, ihn durch einen Linksfuß zu ersetzen – was kein Muss ist -, dann ist so ein Spieler für einen Verein unserer Kragenweite die Blaue Mauritius. Holen Sie noch einen Spieler für die offensive Außenbahn? Arabi: Mit Cebio Soukou von Hansa Rostock haben wir einen variabel einsetzbaren Spieler verpflichtet, der sowohl auf beiden Außenpositionen als auch auf der Achter-Position im Mittelfeld und sogar zentrale Spitze spielen kann. Natürlich halten wir die Augen und Ohren weiter auf. Aber eines mal grundsätzlich: Spieler der Kategorie „Kracher", zumindest in den Sphären, in denen manche Leute denken, sind wirtschaftlich für Arminia nicht umsetzbar. Es kann sein, dass wir jemanden dazuholen, der uns direkt weiterhilft, aber vielleicht werden wir einen jungen, ganz interessanten Spieler für die Außenbahn verpflichten. Unter Druck sind wir wie gesagt dabei aber nicht. Dank der Unterstützung durch das „Bündnis Ostwestfalen" haben sich Arminias wirtschaftliche Voraussetzungen aber doch für Transfers verbessert, oder? Arabi: Ich möchte es noch mal deutlich herausstellen: Das Bündnis Ostwestfalen hat mit seinem Engagement entscheidend mitgeholfen, dass der DSC Arminia eine Schuldenlast von knapp 30 Millionen Euro abbauen konnte. Dieses in Fußball-Deutschland einzigartige Bündnis regionaler Investoren hat somit das wirtschaftliche Überleben des DSC gesichert. Wie wir bereits mehrfach betont haben, ist das Bündnis Ostwestfalen darüber hinaus nicht dafür da, um die wirtschaftlichen Voraussetzungen für Spielertransfers oder infrastrukturelle Maßnahmen zu verbessern oder zu beeinflussen. Das war zu keinem Zeitpunkt Sinn, Zweck und Wille der engen und lebendigen Partnerschaft mit dem Bündnis Ostwestfalen. Neuer Spielraum ergibt sich aber doch zumindest durch die Aufhebung des Vertrages mit Ex-Trainer Jeff Saibene und aus dem Fernsehgeld. Arminia hat für die vergangene Saison rund 9,7 Millionen Euro erhalten, für die bevorstehende sind es rund 11,2 Millionen Euro. Arabi: Aufgrund von nicht geplanten Mehrerlösen, insbesondere beim Fernsehgeld und durch positive Entwicklungen im Ticketing und Sponsoring, sind wir in der Lage, die infrastrukturellen und sportlichen Rahmenbedingungen zu verbessern. Wie und wo genau wir das Geld einsetzen, besprechen wir mit der nötigen Ruhe und Sorgfalt. Fest steht, dass wir am Trainingsgelände gerade zwei neue Plätze bauen, einen für den Nachwuchs, einen für die Profis. Der Platz für die Profis bekommt eine Rasenheizung. Das sind Dinge, die in den goldenen Bundesliga-Jahren vergessen wurden. Dass sich die Infrastruktur verbessert, ist grundlegend notwendig, um unsere Wettbewerbsfähigkeit zu gewährleisten. Die Nachwuchsarbeit hat eine große Bedeutung für uns. Deshalb war es auch enorm wichtig, dass die U 19 die Rückkehr in die Junioren-Bundesliga geschafft hat. Hat die angesprochene Wettbewerbsfähigkeit, auch und gerade im Jugendbereich, vor dem Hintergrund der positiven Entwicklung beim Nachbarn SC Paderborn für Sie zurzeit einen besonders hohen Stellenwert? Arabi: Hannover 96, VfL Bochum, Jahn Regensburg, Holstein Kiel, Greuther Fürth, SC Paderborn, der Karlsruher SC, Wehen Wiesbaden, der VfL Osnabrück und viele mehr – das sind alles unsere Konkurrenten. Ich weiß, es ist gerade charmant, den Vergleich mit Paderborn herauszupicken, weil sie einer unserer Nachbarn sind, dessen U 19 und U 17 allerdings gerade aus der Junioren-Bundesliga abgestiegen sind. Aber es geht nicht um Paderborn und Bielefeld, sondern um einen viel größeren Ausschnitt. Aber mit den Profis sind die Paderborner in die Bundesliga aufgestiegen. Arabi: Dass die Profis in die Bundesliga aufgestiegen sind: Chapeau! Es wurde in Paderborn sehr gute Arbeit geleistet. Aber das war kein geplanter Aufstieg wie bei Union Berlin, die sich seit Jahren in diese Richtung und mit diesem Ziel weiterentwickelt hatten. In Paderborn ist es ein Fußball-Wunder. So etwas kann immer wieder mal geschehen. Wir können uns mit unseren wirtschaftlichen Möglichkeiten und gerade mit Blick auf die Konkurrenten in der Zweiten Liga jedoch nicht ernsthaft hinstellen und sagen: Wir wollen aufsteigen. Das kann nicht die Erwartungshaltung sein. Wenn ein talentierter Nachwuchsspieler vor der Wahl steht, ob er zu Arminia oder zum SCP wechselt, weil beide Klubs von seinem Wohnort in OWL – anders als beispielsweise Karlsruhe – gut erreichbar sind: Welche Rolle spielt dann für ihn und seine Eltern vielleicht auch die Qualität der Trainingsbedingungen? Arabi: Da haben wir momentan noch einen riesigen Wettbewerbsnachteil. Und gerade deshalb sage ich ja: Wir wollen nicht alles in die erste Mannschaft geben. Uns ist ja bewusst: Was das Trainingsgelände betrifft, sind wir noch lange nicht zweitligareif. Und deshalb haben wir jetzt damit angefangen. In den letzten Jahren waren die wirtschaftlichen Voraussetzungen nicht gegeben, dort voranzukommen. Im Sommer 2020 laufen die Verträge von 13 Profis des aktuellen Kaders aus. Wird die Mannschaft danach ein anderes Gesicht haben? Arabi: Wir werden sicher einige dieser Spieler halten wollen. Aber es stimmt, es könnte einen größeren Umbruch geben als in diesem Sommer. Werden Sie als Lehre aus der abgelaufenen Saison Leistungsträgern mit auslaufenden Verträgen in der kommenden Spielzeit frühzeitiger signalisieren, ob die Zusammenarbeit weitergeht, um Unruhe in der Mannschaft zu vermeiden? Arabi: Wir haben statistisch gesehen die beste Rückrunde gespielt, die der DSC Arminia je in der 2. Liga hatte. Ich glaube also nicht, dass es leistungshemmend war. Es ist richtig, dass es für Julian Börner in der anderen Konstellation (mit Cheftrainer Jeff Saibene, d. Red.) wohl bei Arminia nicht weitergegangen wäre. Das hat man an der Anzahl seiner Kadernominierungen am Ende der Hinrunde ablesen können. Aber welche Lehren soll ich daraus ziehen? Wir werden auch in der nächsten Saison nicht verhindern können, dass es Spieler gibt, die bleiben wollen, für die es aber nicht weitergehen wird. Und umgekehrt. Zu den Spielern, deren Vertrag 2020 ausläuft, gehört in Torwart Stefan Ortega Moreno auch einer, der sich zu einem absoluten Leistungsträger entwickelt hat. Welche sportliche Perspektive können Sie ihm in den Gesprächen aufzeigen? Arabi: Alle, die hier arbeiten, sollten die Gier mitbringen, in die Bundesliga aufsteigen zu wollen. Man darf jetzt aber nicht zwei Themen miteinander vermischen. Das eine Thema ist die Gier. Und das andere? Arabi: Die wirtschaftlichen Möglichkeiten und die Erwartungshaltung. Wir sind gierig, wir wollen uns weiterentwickeln und an vielen Rädchen drehen. Wenn du dann eine Situation hast, in der die Mannschaft einen Lauf bekommt, kann es klappen. Aber wir können nicht von vornherein sagen: Wir wollen aufsteigen. Da sind Mannschaften wie der HSV oder Stuttgart dabei, die haben einfach viel mehr Geld als wir. Auch der Vertrag von Cheftrainer Uwe Neuhaus läuft 2020 aus. Wie stehen die Chancen auf eine vorzeitige Verlängerung? Arabi: Er hat ja mehrfach gesagt, dass es sein großer Wunsch ist, in der Bundesliga zu arbeiten. Das lebt Uwe jeden Tag, in jeder Sekunde. Und wir versuchen, Rahmenbedingungen dafür zu schaffen. Mit dieser Akribie, mit diesem Ehrgeiz kann ich mich zu 100 Prozent identifizieren. Insofern spricht für mich nach jetzigem Stand nichts gegen eine Vertragsverlängerung.

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