Die Polizei kontrollierte die Fans, fotografierte und durchsuchte sie im ersten Kessel (links). Anschließend musste ein Teil der Fans in einem zweiten Kessel verharren (rechts, Richtung Kiosk). - © NW
Die Polizei kontrollierte die Fans, fotografierte und durchsuchte sie im ersten Kessel (links). Anschließend musste ein Teil der Fans in einem zweiten Kessel verharren (rechts, Richtung Kiosk). | © NW

Bielefeld FC St. Pauli stellt nach Polizeikessel Strafanzeige gegen Einsatzleitung

Verein wirft Behörde freiheitsentziehende Maßnahme ohne rechtliche Grundlage vor

Jens Reichenbach
15.05.2019 | Stand 16.05.2019, 10:13 Uhr

Bielefeld. Mit einem Großaufgebot hatte die Polizei am Sonntag, 4. November 2018, rund 250 Anhänger des Arminia-Gegners FC St. Pauli im Neuen Bahnhofsviertel eingekesselt und bis weit nach Ende des Spiels dort festgehalten. Anpfiff war damals um 13.30 Uhr, die Fans durften erst nach 19 Uhr den Kessel in Richtung Hamburg verlassen. Der Hamburger Fußballverein hat jetzt Strafanzeige gegen die damalige Einsatzleitung der Bundespolizei gestellt. Die Fans seien damals ohne Rechtsgrundlage festgehalten worden, heißt es in einer Mitteilung. Die Betroffenen sahen an jenem Spieltag keine Minute des Auswärtssiegs - Arminia verlor 1:2 - und mussten mehr als sechs Stunden ausharren und dann gegen 19.30 Uhr wieder die Heimfahrt antreten. Noch an diesem Abend hatten St. Pauli-Fans das Vorgehen der Polizei scharf kritisiert. 150 der 250 Fans galten als Problemfans Auslöser für die umfassenden Personenkontrollen im Polizeikessel war nach Angaben der Bundespolizei eine Auseinandersetzung zwischen ihren Beamten und Gästefans im Regionalzug zwischen Osnabrück und Bielefeld. Die Beamten zählten damals unter den 250 Fans etwa 150 sogenannten Problemfans. Im Zug soll es zu Provokationen der Fans, zu einer Rangelei und schließlich von Seiten der Beamen zum Einsatz von Pfefferspray gekommen sein. Beim Zwischenhalt in Melle wollten viele Fahrgäste mit Augenreizungen den Zug verlassen, wurden dort aber erneut durch Pfefferspray und Schlagstockeinsatz daran gehindert, heißt es in den Gedächtnisprotokollen der Hamburger Fans. Nach Angriffen mit Stangen wurden später 250 Fans festgehalten Die Darstellung der Bundespolizei sah damals anders aus: Im Zug hätte sich ein Großteil der Fans mit einem Tatverdächtigen solidarisiert: "Beamte wurden geschlagen und mit PVC-Fahnenstangen angegriffen", sagte ein Sprecher der Bundespolizei. "Sie wurden quasi aus dem vollen Zug rausgedrückt." Fans sprangen zudem ins Gleisbett. "Gleise mussten für 30 bis 40 Minuten für den Verkehr gesperrt werden." In einer Pressemitteilung des FC St. Pauli heißt es am Mittwoch: "Auf Grundlage des anwaltlichen Gutachtens, für das über 80 Gedächtnisprotokolle betroffener Fans ausgewertet worden sind, hat der FC St. Pauli Strafanzeige gegen die polizeiliche Einsatzleitung erstattet." Das 21-seitige Gutachten zweier Rechtsanwälte habe das Bild ergeben, so der Verein, dass die Einsatzleitung ohne rechtliche Grundlage rund 250 St. Pauli-Fans mehrere Stunden am Bielefelder Bahnhof eingekesselt hat. Rechtwidrigkeit bei Pfefferspray-Einsatz in Melle und beim zweiten Kessel Die Juristen machen der Polizei den Vorwurf, dass selbst Personen, die im ersten Kessel bereits kontrolliert worden waren und ihre Personalien angegeben hatten, in einem zweiten Kessel landeten. "Sie wurden ohne Angabe von Gründen daran gehindert, das Spiel zu besuchen." Das Gutachten kommt sowohl beim Pfefferspray-Einsatz im Melle als auch beim Kessel in Bielefeld zu dem Schluss, dass die Polizeimaßnahmen "rechtswidrig" waren. Für die Verantwortlichen des FC St. Pauli sei es nicht ersichtlich gewesen, dass die Maßnahmen durch eine Rechtsgrundlage gedeckt waren. Zehn Ermittlungsverfahren, davon sieben ohne Bezug zu den Krawallen Die Bundespolizei ermittelte direkt nach den Vorfällen bereits gegen 18 "dringend tatverdächtige" Personen, die direkt an den Krawallen im Zug beteiligt gewesen sein sollen. Zudem sollte die Auswertung von Polizeivideos weitere Strafanzeigen möglich machen. Doch laut "Fanladen St. Pauli" sind nur zehn Personen bekannt, gegen die Ermittlungsverfahren eingeleitet wurden. Bei fünf Beschuldigten bezögen sich die Tatvorwürfe auf Handlungen nach Eintreffen der Fans am Bahnhof Bielefeld. Bei den anderen "fünf Ermittlungsverfahren haben zwei den Vorwurf des Abklebens von Videokameras im Zug zum Gegenstand, ein Verfahren den Vorwurf der Beleidigung am Bahnhof Melle und zwei weitere den Vorwurf des Landfriedensbruchs, des Widerstands und tätlichen Angriffs gegen Vollstreckungsbeamte und versuchter gefährlicher Körperverletzung" rund um die Zugfahrt zwischen Osnabrück und Bielefeld. Innenminister rechtfertigt geschlossenen Gästeblock als Ingewahrsamnahme Im März waren die Vorfälle rund um den Bielefelder Polizeikessel bereits Thema im NRW-Landtag. Innenminister Herbert Reul nahm dabei aber keine Stellung zu dem Einsatz der Bundespolizei, die lediglich als Verstärkung Bereitschaftspolizisten der Landespolizei hinzugezogen habe. Reul widersprach aber der Aussage, dass die Fans im Bielefelder Kessel keine Toilette aufsuchen durften. Zudem rechtfertigte er auch, dass rund "500 bis 600 zum Teil vermummte St. Pauli-Fans im Stadion" den Gästeblock nicht vor Spielende in Richtung Hauptbahnhof verlassen durften. Massive Ausschreitungen durch Hinzukommende erwartet Offenbar ging man davon aus, dass diese Fans noch während des Spiels den Polizeikessel angreifen könnten: "Zur Gefahrenabwehr, insbesondere zur Verhinderung von erwarteten massiven Ausschreitungen im Hauptbahnhof, wurde durch die Einsatzleitung der Polizei Bielefeld angeordnet, die Ausgangstore geschlossen zu halten. Diese Maßnahme wurde durch die Polizei rechtlich als Ingewahrsamnahme klassifiziert", heißt es in der Antwort vom 14. März 2019 auf die Kleine Anfrage der Grünen. Die Bundespolizei wollte sich zu den aktuellen Vorwürfen nicht weitzer äußern.

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