Denkwürdige Partie: Reinhold Yabo (links) und Florian Hartherz bejubeln einen Treffer bei Arminias 6:0 über Braunschweig im Mai 2017. Ein Spiel, das auch "Halb vier"-Autor Andreas Beune nachhaltig beeindruckt hat. - © Christian Weische
Denkwürdige Partie: Reinhold Yabo (links) und Florian Hartherz bejubeln einen Treffer bei Arminias 6:0 über Braunschweig im Mai 2017. Ein Spiel, das auch "Halb vier"-Autor Andreas Beune nachhaltig beeindruckt hat. | © Christian Weische

Arminia Bielefeld Arminia-Fanzine "Halb vier": Witz und Leidenschaft auf 42 Seiten

Im Magazin „Um halb vier war die Welt noch in Ordnung“, das zum Sandhausen-Spiel neu aufgelegt wird, berichten Redakteure von ihren schönsten und schrecklichsten DSC-Spielen. Hier gibt es vorab einen Auszug.

Bielefeld. Alte Kalauer, geschönte Erinnerungen, erfundene Anekdoten: All das und noch viel mehr findet sich im Arminia-Fanzine „Um halb vier war die Welt noch in Ordnung". Verspricht jedenfalls Philipp Köster, Geschäftsführer und Chefredakteur des Fußballmagazins 11Freunde. Zusammen mit Andreas Beune, Arminias Ex-Präsident Hans-Joachim Faber, Jens Kirschneck, Rainer Sprehe und Stephan Stricker lässt er die von 1995 bis 2001 erschienene „Halb vier" jetzt einmalig wiederaufleben. Vor dem Zweitliga-Heimspiel des DSC am Sonntag gegen Sandhausen (Anstoß: 13.30 Uhr) werden sie vor der Schüco-Arena die 21. Ausgabe des 42 Seiten starken, kostenlosen Heftes verteilen. Einen ersten Vorgeschmack gibt es hier mit vier der Geschichten, die die Macher unter der Überschrift „Gottes Werk und Teufels Beitrag" im Magazin zusammengefasst haben. Kleine Teewurst Arminia Bielefeld – Eintracht Braunschweig 6:0, 2. Bundesliga, 14. Mai 2017 Andreas Beune: Mein erstes Spiel auf der Alm war ein Spiel gegen Eintracht Braunschweig in der Bundesligasaison 1983/84. Ein Kindergeburtstagsausflug hatte uns direkt in den ordnungskräftelosen Gästeblock geführt, was ein Geburtstagsgast mit dem vorübergehenden Verlust eines Schuhes bezahlte. Braunschweiger Fans hatten den Schuh aufs Spielfeld geworfen, wo er fast deren Torwart Bernd Franke getroffen hätte, der für den kleinen Schuh aber keine weitere Verwendung hatte und ihn freundlicherweise zurückgab. So waren wir in den folgenden 90 Minuten mehr damit beschäftigt, weiteren Entwendungsversuchen der Braunschweiger Anhänger standzuhalten, als Grillemeier und Westerwinter dabei anzufeuern, ein Tor zu erzielen. Mein persönliches Braunschweig-Trauma gipfelte in die Weigerung, Teewurst zu essen. Viele Jahre war das nicht therapierbar, da einfach zu viele Ligen zwischen beiden Mannschaften lagen. 2017 kreuzten sich jedoch die Wege auf sonderbare Weise. Arminia drohte nach einer Deppensaison mit mannigfachen Trainerwechseln der Abstieg, Braunschweig konnte beim Auswärtsspiel in Bielefeld am vorletzten Spieltag den Aufstieg eintüten. Und Arminia gelang plötzlich alles. Wirklich alles. Dribblings, Weitschüsse, Flanken, Einwürfe, eigentlich jeder Torversuch landete im Kasten. Die Mannschaft spielte, als wäre sie vor dem Spiel in der Kabine verhext worden (wie sich später herausstellen sollte, war so etwas Ähnliches wohl auch der Fall). Das Küchenverbot für den Brotstreich „Braunschweiger" ist seit diesem Tag auf jeden Fall aufgehoben. Ruhrpottmafia VfL Bochum – Arminia Bielefeld 4:1 n.V., DFB-Pokal, 7. September 1988 Philipp Köster: Es war ein Mittwochabend im August 1988. Wir hatten schreckliche Jahre hinter uns. 1985 war Arminia Bielefeld aus der Bundesliga abgestiegen und anschließend unter wechselnden Trainern ausgetrudelt. Als abgeschlagener Tabellenletzter der zweiten Liga hatte dann ein junger Trainer die Mannschaft übernommen, der die Pressekonferenzen damit verbrachte, den anwesenden Journalisten seinen Namen zu buchstabieren („Ich heiße Middendorp"). Das letzte Spiel der Arminia auf der Alm hatten 400 Zuschauer gesehen. Nach dem Schlusspfiff hatten wir mit dreißig Mann am Spielertunnel gestanden und „Bielefeld, Bielefeld" gerufen. Helmut Schröder, der Friseur aus Sudhagen, hatte sich zu uns umgedreht und bedächtigt gesagt: „Lasst gut sein." In der ersten Pokalrunde waren wir dem Bundesligisten VfL Bochum zugelost worden. Das Ruhrstadion war gähnend leer, nur im Gästeblock lärmten etwa 2000 Bielefelder. Jeder weggeschlagene Ball wurde euphorisch bejubelt, und irgendwie stand es plötzlich 1:0 für Arminia, natürlich durch ein Bochumer Eigentor durch Walter Oswald. Nun war erst recht kein Halten mehr, dutzende Fans wollten auf den Rasen und holten sich eine blutige Nase. In der Halbzeitpause drängten sich die Bielefelder hinter den Tribünen und schüttelten aus Spaß die Bratwurstbude kräftig durch. Plötzlich kletterte ein Arminia-Anhänger, der wegen seines erstaunlichen Überbisses „Steinbeißer" gerufen wurde, auf das Dach eines Bierstandes und bat theatralisch um Ruhe. Erwartungsvolle Stille senkte sich über die Menschenmenge, und Steinbeißer stimmte mit kehliger Stimme an: „Eine Arminia ..." 2000 Bielefelder Fans hoben ihre Bierbecher und stimmten selig ein: „Es gibt nur eine Arminia!" Die Augen der seit Jahren gepeinigten Fans leuchteten. In diesem Moment wussten wir: Wir werden aufsteigen, alles wird gut. Wir verloren allerdings durch einen von der Ruhrpottmafia gedungenen Schiri nach Verlängerung noch mit 1:4 und stiegen erst 1995 wieder auf. Tochter Delron Arminia Bielefeld – Borussia Dortmund 1:0, Bundesliga, 6.11.2004 Rainer Sprehe: Seien wir mal ehrlich. Irgendwann, nach zig Saisons Fandasein, gibt das Fußballgedächtnis den Geist auf. Manch Kicker, etliche Torfolgen, ja ganze Spiele, die einen seinerzeit in Jauchzen und Tobsucht gestürzt haben – inzwischen sehr erfolgreich verdrängt. Es bedarf schon gewisser Zutaten, dass ein Match alle Amnesien unbeschadet überdauert. In meinem Fall zum Beispiel, dass es gegen Dortmund ging. Da hab ich ein Trauma, diese Partien vergesse ich nie, denn ich hab da gelebt, aus heutiger Sicht absurd viele Semester lang. Noch dazu in den die Neunzigern, als der BVB dermaßen euphorisiert durch Europa zog, dass die meisten Neukommilitonen sich als Neu-Dortmunder flugs ein Trikot überstreiften, dessen Farbwahl doch Ordnerwesten oder Aerobic-Ouftits vorbehalten sein sollte. Wenn man sich da trotzig an seinen Fanschal Modell „Arminia Power" festkrallte, durfte man sich bestenfalls freuen, dass Dortmund strategisch gut positioniert war, um das Gros der Auswärtsspiele in der Oberliga Westfalen zu erreichen. Offenbar musste ich das Kapitel Dortmund im Lebenslauf nur beenden, um Genugtuung zu erfahren. Drei Monate erst hatte ich die Stadt verlassen, als Dirk van der Ven vergaß, dass er ja eigentlich ein Schwarz-Gelber war und einen memorablen Auswärtssieg in die Wege leitete. Voller Lust und Häme bölkten wir „Absteiger, Absteiger" in Richtung einer bestenfalls noch grummelnden Süd. Und mussten es noch nicht mal ironisch meinen. Noch weitaus schöner in Erinnerung jedoch bleibt der 12. Spieltag 2004/2005. Es war die Saison, in der Uwe Rapolder vorübergehend zum heißesten Scheiß unter den bundesdeutschen Fußballstrategen avancierte, und ein junger Südafrikaner mit kahlgeschorener Pläte alles richtig machte, ob über links oder rechts stets perfekt in die Gasse startete und die Bälle reihenweise ansatzlos im Knick versenkte. An diesem Abend brauchte er keine acht Minuten, um die Partie zu entscheiden. Der Rest war seliges Feiern und weitere „Absteiger, Absteiger"-Spottgesänge, diesmal gen schwarzgelber Nordtribüne. Als ich zu später Stunden endlich ins Bett plumpste, trug ich mit noch immer freudetrunkener Inbrunst einen Singsang vor, der um die Vokabeln „Dääääällrn Backliiiee", „Weltherrschaft" und „Alleswirdgut" kreiste, aber jäh unterbrochen wurde, als ich etwas Nasses am Schenkel verspürte. „Oha, pack ma’ meine Tasche fürs Krankenhaus. Fruchtblase geplatzt", klärte die Lebensgefährtin auf. Das kam doch etwas überraschend, hatte das gynäkologische Fachpersonal uns doch ursprünglich auf den 16. Spieltag eingestellt. Aber: Alles ging gut, alles wurde gut. Inzwischen hat auch die Tochter längst ihre eigene Dauerkarte für die Blauen. Und ist froh, dass wir sie trotz allem nicht Delron genannt haben. Büschers Tränen Arminia Bielefeld – 1. FC Saarbrücken 1:1, Bundesliga-Relegations-Rückspiel, 17. Juni 1985 Philipp Köster: Das schlimmste Spiel aller Zeiten fing eigentlich ganz gut an. Zwar hatte Arminia 1985 das Hinspiel um den Bundesliga-Verbleib in Saarbrücken nach indiskutabler Leistung 0:2 gegen Saarbrücken verloren, trotzdem waren alle guter Dinge, es zu drehen. Die Alm war pickepackevoll, auf der Holztribüne der Gegengerade drängelten sich gut gelaunte Menschen und sangen lauthals mit, als Stadion-DJ Lothar den damals aktuellen Smashhit „Life is live" auflegte. Arminia legte dann auch los wie die Feuerwehr, hatte Chancen um Chancen und hätte zur Halbzeit deutlich führen müssen. Und nie wieder zuvor und danach habe ich ein Stadion so laut brüllen hören wie die Alm nach dem 1:0 durch Siggi Reich Anfang der zweiten Halbzeit. Mein Vater, der an der Uni Bielefeld arbeitete, erzählte mir später, selbst bei ihm hätten die Fenster geklirrt. Das mag Einbildung gewesen sein, aber zu diesem Zeitpunkt war klar, dass Arminia die Klasse halten würde. Junge Fans im Bundeswehrparka sprangen entfesselt an den Zaun, begeisterte Rentner schrien sich die Kehle aus dem Leib. Bis in der achtzigsten Minute Sascha Jusufi für den 1. FC Saarbrücken zum Freistoß antrat und den Ball unhaltbar für Wolfgang Kneib versenkte. Der Rest war Agonie. Vor entsetzt schweigendem Publikum rannte Arminia noch mal zaghaft an, bis der Referee endlich das Spiel abpfiff. Die Arminia-Spieler sanken verzweifelt auf den Rasen, das alte Mittelfeldpferd Uli Büscher saß minutenlang regungslos auf dem Feld, bis ihn irgendwer hochzog und mühsam in die Kabine geleitete. Wir verstanden seine Erschütterung, uns ging es nämlich ganz genauso.

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