Schreibt exklusiv für die NW über die Bundesliga: Uli Stein. - © NW
Schreibt exklusiv für die NW über die Bundesliga: Uli Stein. | © NW

"Steinwurf" Bundesliga-Kolumne mit Uli Stein: Die Angst vor den Bayern ist passé

Der Ex-Nationaltorwart beobachtet für die Neue Westfälische den deutschen Fußball

Uli Stein

Das Thema in der Fußball-Bundesliga ist aus meiner Sicht derzeit der FC Bayern – daran führt kein Weg vorbei. Die Geschehnisse auf dem Platz und die daneben sind unmittelbar miteinander verknüpft: Wenn es auf dem Platz nicht läuft, kommen die Unstimmigkeiten aus dem Umfeld dazu. Und das wiederum führt nicht zu besseren Leistungen. Wie beim 1:1 in München gegen den SC Freiburg. Jetzt meldet sich die Ehefrau von Thomas Müller über Instagram zu Wort und kritisiert, dass ihr Thomas erst in der 71. Minute eingewechselt wird. So etwas ist ein Nebenkriegsschauplatz, der dann immer mehr an Bedeutung gewinnt. Grundsätzlich leben wir in einer Demokratie, und jeder darf sich äußern, wie er will. Aber es ist mindestens unglücklich. Früher hat es so etwas nicht gegeben: Wenn Spielerfrauen bestimmen wollen, wer spielt und wer nicht spielt, geht das deutlich zu weit. Auch an solchen Auswüchsen sieht man, dass keine Einstimmigkeit innerhalb der Mannschaft herrscht – und auch nicht innerhalb des Vereines. In so einer Situation wie jetzt mit Thomas Müllers Frau muss der Verein dazwischenhauen und sagen: Wenn das noch einmal vorkommt, kann der Mann seine Sachen packen und gehen. Man kann sich nicht alles gefallen lassen. "Die Autorität des Trainers ist untergraben" So aber bleibt immer etwas zurück: Es kommt schon fast einer Demontage des Trainers gleich, was da abläuft. Diese Pressekonferenz vor zwei Wochen, in der die Bayern-Bosse gegen die Medien gewettert haben, hat nur einen Spieltag lang den Druck von der Mannschaft genommen, aber langfristig gesehen haben sich die Bayern damit keinen Gefallen getan. Jetzt, wo es drauf ankommt, wird versucht, alles glattzubügeln, weil Trainer Niko Kovac die Entschuldigung von Lisa Müller angenommen hat. Die Autorität des Trainers ist damit untergraben. Auch innerhalb der Mannschaft stimmt die Einstellung nicht. Beim Gegentor der Freiburger haben die Spieler nicht 100 Prozent gegeben. Da greift im negativen Sinne ein Rädchen ins andere. Wenn es überhaupt zu kitten ist, dann müssen die Bayern jetzt eine Serie von zehn Spielen ohne Niederlage hinlegen, damit endlich mal wieder Ruhe reinkommt. Aber das ist im Moment nicht zu sehen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass diese Bayern-Saison in der Champions League eher endet als im Halbfinale, ist sehr hoch. Niko Kovac muss jetzt einfach weitermachen und, was entscheidend ist, er darf seine Linie nicht verlieren. Egal, wie es am Ende für ihn ausgeht: Dann kann er wenigstens erhobenen Hauptes gehen. Aber ich glaube nicht, dass da noch viel zu kitten ist. Im Moment kann ich mir nicht vorstellen, dass das mit Kovac länger als bis zur Winterpause hält. "Dortmund ist
 zurzeit der genaue Gegenentwurf zu 
den Bayern" Zumal die Angst und der Respekt der anderen Teams vor den Bayern inzwischen weg ist. Früher waren die Gegner der Bayern wie gelähmt, heute laufen sie auf und sagen: Gegen die Bayern haben wir eine Chance! Da will ich gewinnen! Daran zeigt sich, dass der FC Bayern dann doch ein Verein ist wie jeder andere auch. Dass er doch keine Ausnahme-Position hat. Sich den Respekt zurückzuholen, wird nicht einfach.Tabellenführer Borussia Dortmund ist zurzeit der genau Gegenentwurf zu den Bayern: Mannschaftliche Geschlossenheit, schöner Fußball, Ruhe im Umfeld, keine twitternden Spielerfrauen und der Trainer voll akzeptiert. Die Dortmunder verkörpern jetzt das, was die Bayern in den letzten Jahren ausgezeichnet hat. Das macht mir Hoffnung, dass es in dieser Saison mal bis zum Ende spannend bleibt. Und Dortmund den Bayern auch langfristig Paroli bieten kann. Oder Frankfurt: Die Eintracht hat derzeit einen Sturm, den man in Europa lange suchen muss. Dazu Hertha, die Gladbacher, Bremen, auch Leverkusen, das viel Potenzial hat: Das ist doch herrlich. Uli Stein hat in seiner Fußball-Karriere unter anderem für Arminia Bielefeld, den Hamburger SV und Eintracht Frankfurt gespielt und war Nationaltorhüter. Er legte sich mit Ernst Middendorp und Franz Beckenbauer an - und schreibt für die Neue Westfälische exklusiv über die Fußball-Bundesliga.

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