Ein Moment tiefster Zufriedenheit: Dieses Foto, das beim 5:3 im Heimspiel gegen Jahn Regensburg entstand, trägt Arminias Trainer Jeff Saibene (Mitte) in seinem Handy bei sich. - © Wolfgang Rudolf
Ein Moment tiefster Zufriedenheit: Dieses Foto, das beim 5:3 im Heimspiel gegen Jahn Regensburg entstand, trägt Arminias Trainer Jeff Saibene (Mitte) in seinem Handy bei sich. | © Wolfgang Rudolf

Arminia Arminia-Trainer Jeff Saibene wird 50: Vernarrt ins Spiel

Porträt des Arminia-Trainers

Peter M. Birrer

Bielefeld. Es ist ein Moment tiefster Zufriedenheit, festgehalten auf einem Bild, und Jeff Saibene hat es in seinem Handy abgespeichert. Er erkennt darauf einen Menschen, der die Arme nach oben reißt. Der die Welt umarmen könnte. Der weiß: Diesen Job möchte ich niemals gegen einen anderen eintauschen. Saibene dürstet nach solch intensiven Emotionen. An einem Sommerabend sitzt er in der Bielefelder Altstadt, hinter sich hat er den Saisonauftakt mit der Arminia, vor sich eine Portion Spaghetti. Auf einmal legt er die Gabel auf den Tellerrand, weil er die Gedanken, die ihm durch den Kopf schießen, teilen möchte. Und mit jeder Silbe dringt durch, dass er in dieses Spiel vernarrt ist. Er schwärmt vom „wahnsinnigen Stellenwert" des Fußballs in Deutschland, von den vorzüglichen Bedingungen bei Arminia; erzählt von Begegnungen mit Uli Stein und Uwe Fuchs; wechselt thematisch mühelos in die Premier League und landet bei Jürgen Klopp; und dann erkundigt er sich nach Neuigkeiten aus der Schweiz. Saibenes Leidenschaft für den Fußball entsteht in jungen Jahren. Er wächst in Keispelt auf, einem kleinen Dorf in Luxemburg, kickt in jeder freien Minute und eifert Michel Platini nach. Wann immer sich die Gelegenheit bietet, schaut er dem Franzosen zu, er liebt die Art, wie er Freistöße tritt, er ist angetan von seiner Ausstrahlung: „Platini war noch ein richtiger Zehner." Das Team seines Herzens ist der Hamburger SV aus glanzvollen Zeiten. Die Sympathien haben jede Krise ausgehalten. Saibene kann mit dem Ball auch ganz gut umgehen, er gilt zu jener Zeit als Luxemburgs größtes Talent. Mit 17 Jahren bricht er das Gymnasium ab, weil Standard Lüttich mit einem Profivertrag lockt. Die Reise führt ihn von Belgien nach Aarau, aber von dort nicht weiter an eine namhafte Adresse in einer beachteten Liga. Seine weiteren Stationen heißen Old Boys Basel, Locarno und zum Abschluss Hesperange in der luxemburgischen Heimat. „Vielleicht fehlte mir der Biss", sagt der 64-fache Nationalspieler, der inzwischen auch den Schweizer Pass besitzt. "Jeff, hast du das nötig?" Aber nichts hat ihm in den Jahren die Lust am Fußball nehmen können. Saibene wird Trainer, und als er die U-19-Mannschaft der Luxemburger coacht, hat er ein Schlüsselerlebnis. Er ist wütend über den Auftritt seiner Mannschaft, vergreift sich im Ton und in der Wortwahl. Aber stolz ist er nicht darauf. Die Teamärztin fragt ihn hinterher: „Jeff, hast du das nötig?" Saibene sagt heute: „Es hat mir die Augen geöffnet. Ich habe mich geschämt und mir vorgenommen, dass so etwas nicht mehr vorkommt." Also orientiert er sich an Trainern, die Wert auf korrekten Umgang gelegt haben. Wolfgang Frank war einer, Rolf Fringer ein anderer. Das bedeutet nicht, dass er immer nur der nette Jeff ist: „Ich kann Unangenehmes auch klar ansprechen, ohne laut werden zu müssen." In der Schweiz bringt Saibene den FC St. Gallen zurück in die Erstklassigkeit. Aber nach viereinhalb Jahren geht er am 1. September 2015 freiwillig, er kommt zu dem Schluss, dass der Verein eine Veränderung benötigt. Er ist temporär raus aus einem Kreislauf, der ihn vereinnahmt und Substanz kostet. Und er rechnet nicht damit, dass er sehr schnell wieder einsteigt. Aber fünf Wochen später meldet sich Thun. Und schon ist er zurück im Geschäft. „Er hat die Gabe, Wahrheiten und harte Entscheidungen auf undramatische Weise zu kommunizieren" Als die Parteien über die Zukunft sprechen, kommen sie auf keinen gemeinsamen Nenner und einigen sich darauf, im Sommer 2017 getrennte Wege zu gehen. Aber das tun sie bereits im März, weil Arminia Bielefeld anklopft. Saibene ist schnell informiert, kennt die prekäre Lage in der 2. Bundesliga, den Ruf der Mannschaft, die Trainer verschleißt. Es ist ein Sonntag, als er nach Deutschland fliegt, am Montag soll er erstmals vor die Medien treten. Aber auf einmal quälen ihn Zweifel: Bin ich fähig, das zu machen? Was denken die Leute von mir? Solche Fragen treiben ihm Schweiß auf die Stirn, er ruft seine Frau an: „Ich weiß nicht, ob ich das durchziehe." Sie spricht ihm Mut zu. Saibene fährt zur Pressekonferenz. Spricht. Trainiert. Und die Zweifel verfliegen. Er rettet Bielefeld, beendet die erste volle Saison mit der Arminia auf Platz 4 und präsentiert sich meist unaufgeregt. So, wie ihn Christian Marcolli kennt. Marcolli ist Sportpsychologe, früher Teamkollege bei Old Boys Bern und inzwischen der beste Freund von Saibene. „Er hat die Gabe, Wahrheiten und harte Entscheidungen auf undramatische Weise zu kommunizieren", sagt er, „diese Ehrlichkeit schmerzt zwar manchmal, aber die Spieler schätzen ihn dafür, weil er ihnen nichts vormacht. Im Fußballbusiness sind Unehrlichkeiten und falsche Versprechungen an der Tagesordnung. Jeff ist da beeindruckend anders." "Mein Gott, Jeff, nimm es doch ein wenig lockerer" In Thun war Marcolli während drei Monaten auch sein Assistent, und aus jener Zeit stammt eine Erinnerung, die ihn beeindruckt. Die zwei saßen auf der Tribüne, um die nächsten Gegner zu beobachten. Saibene verzichtete darauf, Notizen zu machen. Marcolli fragte: „Wieso schreibst du nichts auf?" Saibene erwiderte: „Ich habe mir alles gemerkt." Die Intuition, die Fähigkeit, ein Spiel detailliert zu lesen – das hält Marcolli für herausragende Qualitäten Saibenes. Und: „Trotz seines detaillierten Wissens ist er neugierig auf andere Meinungen. Er ist überhaupt kein Besserwisser." Am Tag nach dem 5:3 gegen Jahn Regensburg ist Saibene müde. Bis um 5 Uhr hat er den Schlaf nicht gefunden, um 7 Uhr ist er wieder aufgestanden. Manchmal denkt er: „Mein Gott, Jeff, nimm es doch ein bisschen lockerer." Aber das funktioniert nicht auf Knopfdruck, und darum dauert es zwei Tage, bis er sich nach einem Spiel wieder erholt hat. 50? "Ein bisschen stört mich die Zahl schon" An jenem Sonntag fährt er nach dem Auslaufen nach Hause in seine Dachwohnung mitten in Bielefeld, zieht die Trainingshose an, legt sich aufs Sofa und schaut Fußball, 2. Bundesliga, 1. Liga, was die Fernsehkanäle hergeben. Saibenes Frau lebt mit den zwei Söhnen weiterhin in der Schweiz, das Haus im Kanton Aargau geben sie nicht auf. Es ist für den Trainer eine Oase, dorthin kann er sich zurückziehen. Dort schaut er auch zusammen mit seinen Jungs immer noch gern Fußball. Und im Ort lebt auch Marcolli, sein Kumpel. Zu viert waren sie vergangene Woche vier Tage auf Mallorca. Heute, am Tag seines 50. Geburtstages, ist Saibene längst wieder in Bielefeld. 50? „Ganz so jung bin ich nicht mehr", sagt er, „ein bisschen stört mich die Zahl schon." Aber es gibt ein wirksames Mittel, um die Gedanken daran zu verdrängen: das Bild auf dem Handy betrachten, das ihn jubelnd zeigt. Und glücklich. Der Autor ist Redakteur beim Zürcher Tages-Anzeiger und kennt Jeff Saibene seit dessen aktiver Profi-Laufbahn.

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