Jeff Saibene spricht von einem gelungenen Trainingslager. - © Christian Weische
Jeff Saibene spricht von einem gelungenen Trainingslager. | © Christian Weische

Arminia Bielefeld Arminia-Coach Saibene: „Bielefelder sind ein realistisches Volk“

Der Trainer im großen NW-Interview

Im Interview zieht Jeff Saibene eine Bilanz des Trainingslagers in Österreich. Arminias Coach spricht außerdem über sein Verhältnis zu Fabian Klos und die Erwartungshaltung an seine Mannschaft. Herr Saibene, ist Frankreich ein würdiger Weltmeister? Jeff Saibene: Wer so ein Turnier gewinnt, ist ein würdiger Weltmeister. Vielleicht kann man mit Blick auf die Art und Weise, auf das Fair-play sagen: Es hat schon beliebtere Weltmeister gegeben. Was sind für Sie zentrale Erkenntnisse der WM? Saibene: Alle Mannschaften verteidigen sehr gut, das ist ja auch das Einfachste. Immer mehr Mannschaften haben Probleme, offensive Lösungen zu finden. Also geht es über gute Organisation, schnelles Umschalten und stehende Bälle. Und wenn man wie die Deutschen viel Ballbesitz hat, braucht man gute Absicherung, um nicht in Konter zu laufen. Hatten Sie überhaupt Gelegenheit, viele WM-Spiele zu sehen? Saibene: Ja, schon. Ich habe 85 bis 90 Prozent der Spiele gesehen. Aber ich muss schon sagen, gegen Ende habe ich an Lust verloren. Wie zufrieden sind Sie aktuell mit Ihrer Mannschaft? Saibene: Ich bin absolut zufrieden, wir sind im Soll. Man darf nicht vergessen, dass wir nicht mal drei Wochen im Training sind. Wir hatten zum Glück in der Vorbereitung bisher nur ein paar Wehwehchen. Dass Quaschi (Nils Quaschner, d. Red.) nach seiner Verletzung noch nicht so weit ist, dass er mit der Mannschaft trainieren kann, tut mir sehr leid. Zwei der drei Testspiele im Trainingslager in Österreich hat Ihre Mannschaft verloren. Saibene: Natürlich gewinnt man lieber als zu verlieren. Aber man darf die Resultate nicht überbewerten. Dinamo Moskau zum Beispiel ist schon ein Kaliber. Wir waren beim 1:4 etwa 60 bis 70 Minuten, so lange wir fit waren, gut organisiert. Danach waren einige physisch an der Grenze. Das ist normal und besorgt mich nicht. Trotzdem hofft man natürlich, dass die Mannschaft es über die Runden bringt. Worum wird es im Training und in den Testspielen in den verbleibenden knapp drei Wochen bis Saisonbeginn gehen? Saibene: Taktisch werden wir nicht viel ändern. Es geht darum, jetzt personell die richtige Mischung zu finden. Es gibt einige Positionen, die doppelt gut besetzt sind. Da müssen wir sehen, wer sich behauptet. Wie zufrieden sind Sie mit der Integration der sieben Neuzugänge? Saibene: Das läuft gut, aber auch da darf man keine Wunder erwarten. Es sind erst knapp drei Wochen gewesen und wir haben noch Zeit. Jeder von den Neuen kann die Mannschaft weiterbringen, ich bin mit ihnen sehr zufrieden. Ist die Personalplanung, zumindest hinsichtlich der Neuzugänge, jetzt abgeschlossen? Saibene: Ich glaube schon. Man weiß nie, vielleicht bekommt man plötzlich einen interessanten jungen Spieler angeboten. Aber wir sind nicht auf der Suche. Gibt es eine Position, für die Sie sich so ein Angebot wünschen würden? Saibene: Es gibt Positionen wie im Sturm oder auf der Sechs, auf denen wir mit arrivierten Spielern doppelt gut besetzt sind. Dann gibt es Positionen wie zum Beispiel in der Abwehr, wo wir junge Spieler testen und wir erst einmal die weitere Entwicklung abwarten möchten. Sie sind ja ein Trainer, der gern Spieler entwickelt. Saibene: Das Ziel ist, die jungen Spieler dahin zu bringen, dass ich sie aufstellen kann. Aber es ist im Profifußball grundsätzlich so, dass es keine Geschenke, keine Gefühle gibt. Irgendwann kommt der Moment, wo man sagen muss: ja oder nein. Am Schluss zählt nur das Resultat, am Schluss ist der Coach verantwortlich, und am Schluss muss ich auf die Spieler zählen können. Da muss man sich Fristen setzen und sehen, ob ein Spieler so weit ist. Und wenn nicht, muss man andere Lösungen suchen. Wer hat im Kampf um die beiden Plätze im Sturm momentan die Nase vorn? Saibene: Bei Fabian Klos und Andreas Voglsammer weiß man, was man hat. Wenn wir morgen um Punkte spielen würden, würde ich sie aufstellen. Aber es sind noch knapp drei Wochen. Und wir haben in Sven Schipplock und Prince Osei Owusu zwei dazubekommen, die einen guten Eindruck machen und uns weiterhelfen können. Sie werden es spannend machen. Das ist für mich ein Luxusproblem. Fabian Klos hat signalisiert, dass er gern über 2019 hinaus bei Arminia bleiben würde. Würden Sie es begrüßen, wenn es dazu käme? Saibene: Fabi und ich mussten uns erst mal kennenlernen. Ich habe das Gefühl, jetzt kennen wir uns richtig. Ich habe ihn schätzen gelernt, und ich glaube, von seiner Seite ist es dasselbe. Es war ein langes Kennenlernen, weil Fabi – und ich meine das nicht negativ – ein eigener Typ ist. Jetzt, nach 13, 14 Monaten kann ich sagen: Ich finde ihn richtig gut. Er hat eine Entwicklung genommen, auch menschlich und was die Verantwortung auf dem Platz betrifft. Ich bin sehr froh, dass er da ist und glaube nicht, dass man ihn sich woanders vorstellen kann. Er gehört nach Bielefeld. Ich glaube, dass man da eine Lösung finden wird. Gehen Sie davon aus, dass Andreas Voglsammer Ihnen über den 30. August hinaus zur Verfügung stehen wird? Saibene: Der englische Markt wird erst noch in die Gänge kommen. England ist Vogis Traum, und er passt vom Spielertyp her dorthin. Aber sein Vertrag läuft bis 2021 und es ist auf keinen Fall unser Ziel, ihn abzugeben. Überhaupt nicht. Im Gegenteil. Wie beurteilen Sie die jüngste Entwicklung von Roberto Massimo? Saibene: Seine Ausgangslage hat sich verändert. Er ist nicht mehr der Massimo von vor fünf Monaten, den keiner kannte. An den es keine Erwartungen gab. Jetzt wurde er für viel Geld an Stuttgart verkauft, er hat plötzlich einen ganz anderen Stellenwert. Man muss gut aufpassen, dass man ihn nicht verheizt, dass man ihn unterstützt. Und man muss auch mit Rückschlägen rechnen. Roberto hat jetzt mit Jóan Símun Edmundsson einen super Konkurrenten. Aber man darf nicht zu viel Druck machen. Er ist immer noch erst 17. Wer wird die Mannschaft in der neuen Saison als Kapitän anführen? Saibene: Kapitän war in der letzten Saison Börni (Julian Börner, d. Red.), und Vize war Fabi. Ich sehe keinen Grund, daran etwas zu ändern und gehe davon aus, dass es in dieser Konstellation weitergeht. Befürchten Sie nach Platz vier in der Vorsaison eine zu große Erwartungshaltung, die für die Mannschaft zur Hypothek werden könnte? Saibene: So wie ich die Bielefelder kennengelernt habe, glaube ich, dass das ein sehr realistisches Volk ist. Ich glaube, dass alle das richtig einschätzen können. Ein Platz unter den ersten zehn ist ein realistisches und auch schon hohes Ziel. Ich glaube, da sind die Leute einverstanden. Die Liga ist extrem schwer. Es wird ein harter Kampf. Welche Mannschaften spielen um den Aufstieg? Saibene: Hamburg und Köln, klar. Ingolstadt kann ich mir gut vorstellen, auch Union Berlin. Bochum kann eine gute Rolle spielen. Dann kommen wie in der letzten Saison viele sehr ähnlich starke Mannschaften. Duisburg, Regensburg oder wir zum Beispiel. Einfache Gegner wird es kaum geben.

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