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Platt: Unterhalb von Arminia tun sich die Fußballer schwer, auch Basketballer, Handballer und Volleyballer bieten nichts Höchstklassiges. - © dpa/Montage: Carsten Berger
Platt: Unterhalb von Arminia tun sich die Fußballer schwer, auch Basketballer, Handballer und Volleyballer bieten nichts Höchstklassiges. | © dpa/Montage: Carsten Berger

Bielefeld Spitzensport in Bielefeld: Arminia – und sonst gar nichts!?

In Bielefeld bekommt außer Fußball keine der TV- und Zuschauersportarten ein Bein auf die Erde. Erfolge gibt es nur am Rand des Sportspektrums

Hans-Joachim Kaspers
09.02.2017 | Stand 09.02.2017, 14:38 Uhr

Bielefeld. Bremerhaven hat 100.000 Einwohner – und mit den Fischtown Penguins und den Eisbären einen Eishockey- und einen Basketball-Bundesligisten. Bielefeld hat Arminia. In der 11.500 Einwohner zählenden süddeutschen Kleinstadt Vilsbiburg hält sich seit Jahren mit den „Roten Raben" ein erfolgreiches Volleyball-Frauenbundesligateam. Die Handballer aus dem hessischen Melsungen, mit 13.500 Einwohnern auch nicht gerade eine Metropole, haben so eben mit Tobias Reichmann und Finn Lemke zwei Weltklassespieler verpflichtet und bieten dem THW Kiel und den Rhein-Neckar Löwen Paroli. Und Bielefeld hat Arminia. „Nur" Arminia, ist der über den Fußball hinaus interessierte Sportfan geneigt festzustellen: Außer dem Zweitligisten ist in den publikumswirksamen Ballsportarten weit und breit kein Verein in Sicht, der das Image der Sportstadt Bielefeld auf nationaler Ebene aufpolieren könnte. Arminias Fußballfrauen, die Tennisspieler des Bielefelder TTC und die Schwimmerinnen der Wasserfreunde sind in der 2. Liga unterwegs, die Tischtenniscracks der SV Brackwede spielen drittklassig. Außerdem mischten in den vergangenen Jahren die Bielefeld Bulldogs die Football-Szene auf, klopften 2013 sogar an das Tor zur 1. Bundesliga. In Sportarten wie Handball, Basketball oder Volleyball scheint sich unsere Stadt indes seit längerem mit der Viertklassigkeit abgefunden zu haben. Andere Kommunen teilen das Schicksal Das ostwestfälische Oberzentrum mit 333.000 Einwohnern teilt damit das Schicksal mancher anderen Kommune. In den strukturschwachen Ruhrgebietsstädten Essen mit fast 600.000 und Duisburg mit beinahe 500.000 Einwohnern läuft sportlich außer ein bisschen Fußball beim MSV gar nichts mehr – die Zeiten, da TuSEM Essen im Handball serienmäßig Meistertitel holte und auch der OSC Rheinhausen, der Ex-Klub von Welthandballer Daniel Stephan, in dieser Sportart eine gute Adresse war, sind lange vorbei. Gleiches gilt für Dortmund und Gelsenkirchen, die ausschließlich mit dem BVB und Schalke 04 sportliche Schlagzeilen schreiben. Und die Millionenstadt Hamburg hat binnen zwei Jahren einen früheren Champions-League-Sieger im Handball und einen ambitionierten Eishockey-Bundesligisten verloren. Voraussetzungen für Spitzensport in Bielefeld sind nicht schlecht Zurück nach Bielefeld, das nur in einigen so genannten Randsportarten „Spitze" ist: Die Trampolinturner der SV Brackwede springen Jahr für Jahr gute Ergebnisse ein, Tausende von Motorsportfans strömen zum Grasbahnrennen auf den Leineweberring oder zum Hallentrial. Auch die Leichtathletik ist mit den Erfolgen von Amanal Petros wieder ein Stück weit hoffähig geworden, doch die Erfolge eines Einzelnen taugen weit weniger dazu, dass eine Stadt sich mit ihnen identifiziert, als Aufstiege in „Zuschauersportarten". Dabei sind die Voraussetzungen eigentlich nicht schlecht. Die Bielefelder Vereinslandschaft ist intakt, das Sportangebot breit gefächert. Es gibt große und wirtschaftlich erfolgreiche Unternehmen, die als Sponsoren aktiv werden könnten, wenn sie es denn wollten. Auch die Infrastruktur passt: Eishockey fällt zwar mangels einer modernen Eishalle flach, doch mit der Seidensticker Halle steht seit 1993 eine attraktive Sportstätte zur Verfügung, die eigentlich nur darauf wartet, von einem höherklassig spielenden Bielefelder Team dauerhaft in Beschlag genommen zu werden. "Die Erkenntnisse von 1992 sind heute eigentlich immer noch aktuell" Die Bedeutung der neuen Sporthalle hatte die sportinteressierte Bielefelder Öffentlichkeit früh erkannt. Schon bevor das Schmuckstück fertig war, hatte der gemeinnützige Verein „Bielefelder Konsens Pro Bielefeld" ihre Bedeutung für den Spitzensport in der Stadt erkannt und in einem „Fachgespräch Sport" im Juni 1992 nach Möglichkeiten der Etablierung von Hochleistungshallensport in Bielefeld gesucht. „Das war eine illustre Runde", erinnert sich Hans-Rudolf Holtkamp, damals Leiter des Amts für Stadtmarketing, an Namen wie Eberhard Munzert, Klaus Willimczik, Rainer Kempa, Karl-Wilhelm Schulze oder auch Wolfgang Böllhoff und Ortwin Goldbeck – ein Personenkreis, der das gesamte Spannungsfeld des Sports von Wissenschaft über Vermarktung bis hin zu Firmeninteressen abdeckte. In einer Broschüre hielten die Teilnehmer der Tagung die Ergebnisse fest: Hochleistungssport in Bielefeld biete eine hervorragende Selbstdarstellungsmöglichkeit für Wirtschaft, Industrie und Handel in Form von Sponsoren- bzw. Patenschaften, beinhalte einen gesellschaftspolitischen Wert und sei auch für Bielefeld als Universitätsstadt bedeutsam, hieß es da. Und dass Leistungssport ohne finanzielle Unterstützung durch die Wirtschaft nicht mehr möglich sei. „Unsere Erkenntnisse von damals sind heute eigentlich immer noch aktuell", meint Holtkamp, vor allem auch die Einschätzung, dass eine Öffentlichkeitswirkung der Halle am besten erreicht werden könne, wenn Bielefelder Sportler dort ihre Leistungsfähigkeit permanent unter Beweis stellten. „Genau das hat, das muss man leider sagen, auf lange Sicht nicht geklappt", konstatiert Holtkamp. Unter anderem deshalb, weil den Unternehmen nicht zu vermitteln gewesen sei, dass zunächst die Finanzierung gesichert sein müsse, um Spitzensport etablieren zu können, und nicht vom umgekehrten Ansatz ausgegangen werden dürfe – so eine weitere Erkenntnis der Gesprächsrunde. Alle Versuche, eine Hallensportart in Bielefeld anzuschieben, sind gescheitert Bislang sind tatsächlich alle Versuche gescheitert, eine Hallensportart in Bielefeld so anzuschieben, dass sie nicht nur auf regionaler Ebene, sondern auch national gesehen konkurrenzfähig werden würde. Die Handballer der TSG Bielefeld hielten sich immerhin ein Jahrzehnt in der 2. Bundesliga, bei den Volleyballern des Telekom Post SV und den Basketballern des TSVE blieb es in punkto Höherklassigkeit bei punktuellen Highlights, die weit von jeder Form von Nachhaltigkeit entfernt waren. Was ist also zu tun, um diesem Missstand abzuhelfen? Die Lokalsportredaktion Bielefeld der NW, die die Misere jahrelang journalistisch begleitet und mitunter neidisch nach Mannheim, Friedrichshafen oder Bamberg geschaut hat, wird in den kommenden Wochen versuchen, das Thema „Spitzensport in Bielefeld – Versäumnisse und Chancen" im Rahmen einer kleinen Artikelserie aufzuarbeiten. Wir haben mit Sportwissenschaftlern, Marketingexperten und Unternehmen, die als Sponsoren infrage kämen, gesprochen und versuchen durch Nachfragen bei den damaligen Machern herauszufinden, woran die Bundesligaprojekte der vergangenen Jahre gescheitert sind. Vielleicht lässt sich ja aus den Fehlern lernen oder – im Idealfall – sogar eine Strategien für künftige Anläufe entwickeln. Und damit keine Missverständnisse entstehen: Natürlich drücken wir alle „unserem" DSC Arminia in Abstiegskampf und Pokal die Daumen. Wir würden aber nur zu gerne auch noch mit anderen Vereinen in höheren Spielklassen mitfiebern.

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