Wolfgang Pohl: Der „Latscher“ wird 60

Ex-Profi hat noch Netzers Trikot / Heute Marketing-Direktor eines Verlages

Jörg Fritz

Bielefeld. Auf eine große Sause verspürt Wolfgang Pohl überhaupt keine Lust. Der „Latscher“, wie der ehemalige Profi des DSC Arminia Bielefeld immer noch genannt wird, verbringt seinen heutigen 60. Geburtstag lieber daheim: bei Ehefrau Claudia und seinem sechs Jahre alten Golden Retriever Sunny. „Wir gehen essen. Das war es dann auch. Ich will meine Ruhe haben“, verrät er seine persönlichen Feierpläne. Wolfgang Pohl, der von 1973 bis 1985 für Arminia Bielefeld spielte und in 318 Spielen 19 Tore erzielte, definierte sich zu seiner Zeit nicht ausschließlich als Fußballprofi. Der gelernte Industriekaufmann (Oetker) zeigte abseits des Rasens großes Interesse für sportfremde Aktivitäten. Pohl schmunzelt, wenn er sich an seine früheren Nebengeschäfte erinnert. „Ich gründete den ersten Fanshop, verkaufte Anzeigen für Arminias Stadion-Zeitschrift und vermittelte für die Spieler Autogramme“, erzählt „Latscher“ Pohl, der seinen Spitznamen wegen seiner Schuhgröße von 46 bereits zu Jugendzeiten verpasst bekam. Eine Werbeagentur sowie ein gemeinsam mit seinem früheren Spielerkollegen Roland Peitsch geführtes Reisebüro waren weitere Spielfelder, auf denen sich der umtriebige Wolfgang Pohl bewegte. „Solche Aktivitäten außerhalb des Fußballs wären heute für einen Profispieler absolut undenkbar“, sagt Pohl. Damals waren sie aber möglich, „weil ich im Training und auf dem Platz immer meine Leistung gebracht habe.“ Pohl („Ich konnte den Ball mindestens dreimal hoch halten“) zählte zu den technisch beschlagenen Arminen. Er hatte somit die Voraussetzungen, als Innenverteidiger von hinten das Spiel zu öffnen. Einige seiner Trainer setzten ihn auch im defensiven Mittelfeld ein. Highlights seiner Karriere waren zweifelsohne der Aufstieg 1978 in die 1. Bundesliga „Auch der 4:0-Sieg am 10. März 1979 bei den Bayern in München zählt zu meinen besonderen Spielen.“ Unvergessen bleibt für ihn auch der 2. Februar 1975, als Arminia in einem Freundschaftsspiel 2:4 gegen Real Madrid verlor. Pohls Gegenspieler hieß Günter Netzer. „Dessen Trikot habe ich noch heute“, sagt Wolfgang Pohl. Keinesfalls verdrängt hat das Geburtstagskind auch die zahlreichen Misserfolgserlebnisse mit Arminia: die packenden Relegationsspiele 1976/77 gegen 1860 München, die 1:11-Packung am 6. November 1982 in Dortmund oder den unnötigen Abstieg aus der 1. Liga 1985. Danach beendete Pohl seine Profilaufbahn, nachdem sich die Verhandlungen mit dem FC Aarau und dem damaligen Trainer Ottmar Hitzfeld zerschlagen hatten. Sportlich kickte er zum sportlichen Ausgleich noch beim SV Avenwedde (Kreis Gütersloh) und dem VfL Theesen. Sein Hauptaugenmerk galt danach ausschließlich dem Beruf. Vier Jahre vermarktete er für den ehemaligen Boris-Becker-Manager und Tennis-Unternehmer Ion Tiriac das Magazin Grand Slam. Seit 1990 ist er für den Bielefelder Klocke-Verlag tätig, der Lifestyle-Magazine aus den Bereichen Essen, Trinken, Reisen herausbringt. Als Marketing-Direktor ist er verantwortlich für Anzeigen, Verkauf und Konzeption der Luxusgüter-Segmente. Unmittelbar nach seinem Karriereende als Fußballer hat sich Wolfgang Pohl den kleineren Tennisbällen verschrieben. Beim Bielefelder Tennis- Turnierclub (BTTC) gehört er zur erfolgreichen U-50-Truppe. „Als Fußballer mit Ballgefühl hatte ich keine Probleme bei der Umstellung.“ Aufgrund seiner jobbedingten Reisetätigkeit ist Wolfgang Pohl nur noch selten zu Gast auf der Alm. Als kritischer Begleiter hat er jedoch eine klare Meinung zur aktuellen Lage. „Ich möchte dem jetzigen Geschäftsführer Marcus Uhlig ein Kompliment aussprechen. In den schlimmsten Zeiten ist er bei der Stange geblieben und hat gute Arbeit geleistet.“ Für Pohl wurden die entscheidenden Fehler in den 90er-Jahren gemacht. „Die richtigen Leute fehlten damals, um eine sinnvolle Weiterentwicklung in die Wege zuleiten.“ Beim Rückblick auf seinen bisherigen Lebensweg ist Pohl selbst ein wenig überrascht, dass sich für ihn bislang noch keine Möglichkeit für eine Tätigkeit im Profifußball ergeben hat. Als Vermarktungsprofi mit ausgezeichneten Fußballkenntnissen wäre er geradezu ideal für den Posten eines Managers. „Vielleicht ergibt sich ja eines Tages für mich die Gelegenheit, in diesem Bereich aktiv zu werden“, sagt Wolfgang Pohl. Heribert Bruchhagen, befreundeter Vorstandsvorsitzender der Frankfurter Eintracht, könnte ihm einige gute Tipps geben.

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