Bielefeld Opfer von Bielefelder Hooligan-Angriff müssen Prozesskosten zahlen

Malte K. wurde fast totgeprügelt und muss jetzt knapp 3.000 Euro zahlen

Bielefeld. Werder-Bremen-Fan Malte K. wird den 5. Mai 2012 in Bielefeld nie vergessen. Auf dem Weg vom Stadion zum Bahnhof wird er von Hooligans angegriffen, niedergeschlagen und von einem der Täter mit Tritten lebensgefährlich verletzt. Gut zwei Jahre später ist der Fall für das 28-jährige Opfer und seinen ebenfalls verletzten Freund Sebastian W. (31) noch immer nicht abgeschlossen. Denn das Landgericht fordert nun die Erstattung eines Teils der Prozesskosten von ihnen. Dabei wurde der Haupttäter Philipp G. aus Espelkamp im Januar 2013 wegen versuchten Mordes zu einer Jugendstrafe von vier Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt; neun Mittäter erhielten Bewährungsstrafen. Philipp G. wurde damals außerdem zu Schmerzensgeldzahlungen in Höhe von 35.000 Euro für K. und 3.000 Euro für W. verurteilt. Und genau um das Schmerzensgeld gehe es, erklärt Landgerichtssprecher Guiskard Eisenberg: "Es ist Ergebnis eines zivilrechtlichen Anspruchs, der innerhalb des Strafprozesses geltend gemacht wurde." Juristen nennen diese Kosten und Zeit sparende Möglichkeit, Straf- und Zivilprozess zusammenzuführen, "Adhäsionsverfahren". "In dem Prozess wurde Philipp G. auferlegt, die notwendigen Auslagen der Nebenkläger zu tragen", so Eisenberg. Die neun übrigen Verurteilten sind von der Kostengrundentscheidung nicht betroffen.Prozesskostenrisiko jeder Zivilklage Kann der Primärschuldner, also Philipp G., dann nicht zahlen, holt sich die Gerichtskasse das Geld, das zuvor im Rahmen der Prozesskostenhilfe vorgestreckt worden war, vom Nebenkläger wieder. Eisenberg spricht von dem Prozesskostenrisiko jeder Zivilklage. "Es gab zehn Verurteilte, und die Opfer müssen zahlen", sagt Sebastian W. (31) verständnislos. Er soll 964 Euro aufbringen. "Bevor ich diese Summe zahle, gehe ich lieber ins Gefängnis." Auch Malte K. ist entsetzt. Er war zweimal klinisch tot, konnte nur mit großem Glück ins Leben zurückgeholt werden. Weil sein Schadenersatz höher lag, ist auch seine Rechnung höher: "Ich muss 2.969 Euro bezahlen. Ich empfinde diese Rechnung als Bestrafung." Vom Schmerzensgeld hat er noch keinen Cent gesehen, und sein Schuldtitel über 35.000 Euro bei G. wird lange Zeit nichts wert sein: Davor stehen die hohen Gerichts- und Anwaltskosten des Täters selbst sowie die Ansprüche der Krankenkassen und des Versorgungsamtes. "All diese Forderungen haben Vorrang", sagt K. Der Opferschutzverein "Weißer Ring" hatte angeboten, die Prozesskosten für beide Opfer zu übernehmen. Aber K.s Familie hat abgelehnt. "Sie will zugunsten anderer Opfer auf das Geld verzichten", bestätigte Ilse Haase vom Weißen Ring Bielefeld. Wichtiger sei es der Familie, auf politischer Ebene für ein Ende dieser Ungerechtigkeit einzutreten. Haase: "Der Weiße Ring fordert, dass zwischen Vergehen und Verbrechen in solchen Fällen unterschieden werden sollte. Malte K. ist Opfer eines schweren Verbrechens geworden. Ihm ist eine solche Zahlung nicht zuzumuten." Ihr Vorschlag, dass die Landeskasse die Kosten übernehmen solle, dürfte kaum umsetzbar sein. Aber der Weiße Ring fordert einen Fonds, in den Straftäter einzahlen sollen. Das würde den Steuerzahler nichts kosten.

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