0

"Das sind klare Straftatbestände"

INTERVIEW: Fan-Anwalt Thorsten Fust spricht über Pyro-Technik, Alkoholkonsum und den Zusammenhalt der Gruppen

23.10.2014 | Stand 23.10.2014, 10:56 Uhr

"Das sind klare Straftatbestände" - © Fußball
"Das sind klare Straftatbestände" | © Fußball

Paderborn. Thorsten Fust (38) ist Rechtsanwalt und Fußball-Fan. Aus beiden Perspektiven ist der Paderborner mit Fans und Pyrotechnik vertraut. Als Zuschauer erlebte er im Dezember 2007, wie im Champions-League-Spiel zwischen Olympiakos Piräus und Werder Bremen "das halbe Stadion brannte". Als Rechtsanwalt vertritt er die Interessen der Fans, die es mit der Staatsmacht zu tun bekommen: Fust ist Fan-Anwalt. Mit ihm sprach Uwe Kleinschmidt.

Herr Fust, beim Drittliga-Spiel zwischen Münster und Bielefeld ist es am vergangenen Wochenende zum Abbrennen von Pyrotechnik gekommen. Niemand wurde verletzt. Alles halb so wild?
THORSTEN FUST:
Nein, das sind erstens Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz und, wie in diesem Fall, als Pyrotechnik auf den Rasen flog, versuchte Körperverletzung. Also klare Straftatbestände.

Sind sich diese Fans aus Ihrer Sicht dessen nicht bewusst?
FUST:
Manche sind es, manche nicht. Für viele gehört Pyrotechnik zur Unterstützung für die Mannschaft. Das meinen die ernst! Das gehört bei denen zur Fankultur, sie verweisen dann etwa auf andere Länder. Bei uns ist es aber rechtlich nicht erlaubt und in jedem Stadion untersagt. Wir sprechen hier von chemischen Reaktionen, bei denen bis zu 2.000 Grad Hitze erzeugt werden.

Die im DSC-Block in Münster gezündeten Bengalos tragen den Tätern, so sie ermittelt werden, strafrechtliche Konsequenzen ein. - © Foto: Christian Weische
Die im DSC-Block in Münster gezündeten Bengalos tragen den Tätern, so sie ermittelt werden, strafrechtliche Konsequenzen ein. | © Foto: Christian Weische

Und wenn ich - ganz legal - kurz vor Silvester im Supermarkt ein paar Böller oder Raketen kaufe, und sie im Stadion zünde?
FUST:
Dann haben wir es zunächst mit sogenannten "konformitätsbewerteten pyrotechnischen Gegenständen" zu tun, deren Besitz ist also nicht strafbar. Wohl aber sprechen wir auch hier von versuchter Körperverletzung. Bei den Fußballfans ist es aber in aller Regel illegale Pyrotechnik, die man sich illegal im Internet besorgen kann.

Wie sind die Abläufe bei solchen Zwischenfällen?
FUST:
Zunächst einmal: Alkohol ist immer dabei. In meinen rund 50 Fällen seit 2011 jedenfalls. Die ganze Gruppe bringt sich auf dem Weg "in Stimmung". Die Fans sprechen von ihrer Gruppe wie von ihrer Familie, das darf man nicht unterschätzen, die hängen zusammen. Einer hat was dabei, Pyrotechnik. Die Gruppe lehnt sich dann nicht dagegen auf, weil alle meinen, das würde ihrem Ultra-Bewusstsein widersprechen. Niemand sagt: "Lass den Scheiß!" Wenn dann Alkohol, die Gruppendynamik und Frust wie beim 1:3 der Arminen in Münster zusammenkommen, geht es los. Und nachher sind sie dann stolz auf sich, weil sie in der Sportschau waren.

Fan-Anwalt Thorsten Fust aus Lichtenau. - © Foto: Uwe Kleinschmidt
Fan-Anwalt Thorsten Fust aus Lichtenau. | © Foto: Uwe Kleinschmidt

Also brauchen Übeltäter, denen das Abbrennen nachgewiesen wird, eher einen Bewährungshelfer als einen Anwalt? Sie wären dann arbeitslos.
FUST:
Bei Pyrotechnik ist die Rechtslage prinzipiell eindeutig, ja. Beim Großteil der Fans, gegen die Ermittlungsverfahren eingeleitet werden, geht es um Landfriedensbruch, Hausfriedensbruch oder Körperverletzung bei Prügeleien - wenn es denn solche gegeben hat.

Das bezweifeln Sie? Was gibt es denn an einer Prügelei zu bezweifeln?
FUST:
Wenn beispielsweise wir beide als langjährige Freunde ins Stadion gingen und ich von zwei gegnerischen Fans angepöbelt würde, würde Sie wahrscheinlich dazwischengehen . . .

. . . könnte sein.
FUST:
Danke. Jedenfalls sind Sie dann mit dabei. Polizei, Aufnahme der Personalien, Ermittlungsverfahren, Stadionverbot. Dann sind Sie dran. Sobald ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wird, kommen sie in die Datei "Gewalttäter Sport". Ein Beispiel: Am 20. Dezember 2012 hat?s beim Derby Schalke gegen den BVB gekracht, 200 Leute werden eingekesselt, alle bekommen ein Ermittlungsverfahren. Bisher ist in der Angelegenheit kaum etwas geschehen, viele Verfahren wurden bisher nicht abgeschlossen. Das um zwei Geschwister, die ich vertrete, jedenfalls nicht. Alle Stadionverbote bestehen. Das ist eigentlich ein Unding.

Zwei Geschwister?
FUST:
Genau. Und durch diese Datei hatten sie 2014 erneut große Probleme. Sie waren mit dem Zug von Paderborn nach Gelsenkirchen unterwegs und haben sich in Hamm am Bahnhofsvorplatz mit anderen Schalkern getroffen, die mit einer Bahn aus dem Sauerland angereist kamen. Scheinbar fand in dieser Sauerlandbahn ein Raub statt. Einem Dortmund- Fan wurde von einem Schalker ein Rucksack und ein Schal gestohlen. Die Dortmunder wandten sich in Hamm an die Polizei.

Und dann?
FUST:
Die Polizei nahm erst mal alle Schalker vom Bahnhofsvorplatz fest und richtete gegen alle ein Ermittlungsverfahren wegen Raubes ein, auch gegen die beiden 18- und 16-jährigen Geschwister. Hier hätte eine einfache Nachfrage bei den Opfern gereicht, wer dabei war und wer nicht. So mussten die Geschwister fast ein halbes Jahr mit einem laufenden Ermittlungsverfahren wegen Raubes leben. Durch meine Einlassung konnten wir den Spuk jetzt glücklicherweise beenden. Hier muss die Polizei viel mehr Fingerspitzengefühl entwickeln, was präventiv zu einer Verbesserung des Verhältnisses Fan-Polizei führen würde.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.

Kommentar abschicken
realisiert durch evolver group