Genießt alle Arminiamomente: Till Varchmin auf seinem Balkon im ehemaligen Ostbahnhofsbau. Der DSC-Fan wanderte einst auch für ein Spiel nach Osnabrück - über drei Tage. - © Oliver Krato
Genießt alle Arminiamomente: Till Varchmin auf seinem Balkon im ehemaligen Ostbahnhofsbau. Der DSC-Fan wanderte einst auch für ein Spiel nach Osnabrück - über drei Tage. | © Oliver Krato

Bielefeld Till Varchmin hilft Arminia-Anhängern, ihre Traumata zu bewältigen

Arminia-Fan-Geschichten: Wie Varchmin einst zahlreichen DSC-Anhängern dabei half, den brutalen Darmstadt-Relegations-Niederlagen-Schock zu verarbeiten

Ansgar Mönter

Bielefeld. Wer erinnert sich nicht an diesen Abend der Schockstarre, der Leere, der Niedergeschlagenheit? Es ist der 19. Mai 2014, kurz nach 23 Uhr. Das Rückspiel der Relegation auf der Alm gegen Darmstadt wird 2:4 verloren. Drama pur. 3. Liga! Das Grauen. Tagelang wandeln Arminiafans blass, kopfschüttelnd und wortkarg durch die Straßen, unfähig, dass Erlebte zu verarbeiten. Auch Till Varchmin ging es so - bis ihm die rettende Idee kam. Der 49-Jährige lud Fans und Freunde zu einem "Seminar zur Traumabewältigung" ein. Als Tagesordnungspunkte wurden schriftlich festgelegt: 17.00: Sammeln und stimulieren der Sinne; 18.00: Ruckelvideo: Relegation Arminia - Darmstadt; 20:00: Peter liest die demütigsten Teile aus dem 11-Freunde-Interview mit den Darmstädter Helden vor; 20:15: Häppchen, Aussprache; 21:00: "Es war nicht alles schlecht! Highlights aus dem kaiserlichen Videoarchiv, zum Beispiel Aufnahmen legendärer Spiele aus 1. und 2.Liga, Interviews mit dem Jahrhunderttrainer etc. Wie das Seminar dann wirklich gelaufen ist, berichtet Till Varchmin, Arminia-Fan seit seiner Kindheit, mit eigenen Worten: "Schon ab 17 Uhr füllten sich die Seminarräume im alten Bahnhofsgebäude im Bielefelder Osten mit traumatisierten Arminen. "Seit dem schrecklichen Spiel kann ich keinen klaren Gedanken mehr fassen. Alles dreht sich nur noch um diese Schmach", sagte Rudi R., "Warum immer wir?" ergänzte Hasi S. Beiden sah man die Folgen der schweren Demütigung sofort an: gebeugter Gang, gesenkter Kopf und eine leise, unsichere Stimme. Das einte alle Teilnehmer. Sogar Traumaopfer aus Münster und Berlin waren angereist, um sich helfen zu lassen. "Auf das falsche Mitleid der Preußenschw... kann ich gut verzichten", berichtete St. Asi über den sich über ihn ergießenden Spott seiner "Freunde" aus der westfälischen Kleinstadt. "Niemand kümmerte sich um die Opfer, da musste ich einfach etwas unternehmen" sagte Till K,. selbst traumatisiert. "So etwas kann man nur mit professionellen Mitteln bewältigen." Nach einer gezielten Sedierung der Teilnehmer präsentierte ich die Originalaufzeichnung des Geschehens. Alle mussten sich den Bildern und ihren eigenen Gefühlen stellen. Nur durch brutalste Konfrontation kann so ein fester Knoten zum Platzen gebracht werden. Und tatsächlich: Während der Konfrontation änderten sich das Verhalten und die Stimmung unter den Teilnehmern. Nach anfänglichem Kopfschütteln und gelegentlichem Schluchzen wurde zunehmend gewitzelt und gescherzt, die Stimmung entspannte sich zusehends. Am Ende wurde sogar noch mehrfach zurück gespult, um die gemachten Fortschritte abzusichern. Zum Ende der Aufzeichnung hin machte sich eine entspannte Fröhlichkeit unter den Teilnehmern breit, die diese schon lange nicht mehr empfunden hatten. Als gemeinsames Mantra wurde die Zahl 3 ausgerufen. "Die 3 soll unsere Zahl sein!" rief Wolle B. in die Runde, "3. Liga, wen juckt?s?" Natürlich hat die 3 noch eine viel tiefer gehende Bedeutung: Schließlich war es der dritte Abstieg in die 3. Liga und auch der dritte fehlgeschlagene Versuch, ein Relegationsspiel zu gewinnen. Am Ende gab es nur glückliche Gesichter und Teilnehmer, die in seligen Erinnerungen schwelgten."

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