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Erweiterter Werkzeugkasten: Tablets, Laptops- und Co. gehören heute für viele Handwerker ebenso zur Ausrüstung wie Hammer, Zange und Schraubenzieher. - © iStock
Erweiterter Werkzeugkasten: Tablets, Laptops- und Co. gehören heute für viele Handwerker ebenso zur Ausrüstung wie Hammer, Zange und Schraubenzieher. | © iStock
Wirtschaft

Elmar M. Barella: "Wer Industrie 4.0 sagt, muss auch Handwerk 4.0 sagen"

Interview mit dem Geschäftsführer Bildung von der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe

Monika Dütmeyer
25.05.2016 | Stand 25.05.2016, 18:49 Uhr
Geschäftsführer Berufsbildung: Elmar M. Barella. - © Dütmeyer
Geschäftsführer Berufsbildung: Elmar M. Barella. | © Dütmeyer

Elmar M. Barella von der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe erklärt, wie die neuen Technologien die Ansprüche an Mitarbeiter und Betriebe verändern.

Herr Barella, Handwerk und Hightech – passen diese Begriffe überhaupt zusammen?
Barella:
Man könnte meinen, dass das ein Widerspruch ist. Im Handwerk wird aber keinesfalls nur Handarbeit geleistet. Handwerk und Hightech gehören heute in den meisten Berufsbildern zusammen.

Zum Beispiel?
Barella:
Im Bereich Sanitär, Heizung und Klima spielt vernetzte und intelligente Gebäudetechnik heute eine große Rolle. Oder die anspruchsvolle elektronische Wartung und Reparatur von Autos durch einen KFZ-Mechatroniker. Computerkenntnisse und die Fähigkeit, mit moderner Mess- und Regeltechnik umzugehen, gehören dazu. Und die Anforderungen werden noch steigen, wenn man zum Beispiel an die Autos denkt, die dann selbstständig einparken und irgendwann auch fahren sollen. Die Entwicklungen der Industrie 4.0 und Handwerk 4.0 sind untrennbar verbunden.

Was ändert sich durch den technischen Fortschritt für die Menschen im Handwerk?
Barella:
Viele Berufe werden anspruchsvoller: Neben den technischen Aspekten ist auch ein höheres Abstraktionsvermögen erforderlich. Während meines Studiums fuhr ich einen VW-Käfer, den ich selbst reparieren konnte. So etwas ist heute nicht mehr möglich. Dass sich die Anforderungen an die Menschen stetig wandeln, davon zeugen auch die Ausbildungsordnungen für die Berufe. Während sie in der Vergangenheit nicht selten für einen Zeitraum von zehn Jahren Gültigkeit behielten, ist es heute keine Seltenheit, wenn sie alle zwei bis drei Jahre angepasst werden.

Wirtschaftsbeilage Mai 2016

Verstärken die steigenden Anforderungen den vorherrschenden Fachkräftemangel?
Barella: Im Handwerk gab es Berufe, die das Image hatten, einfach zu sein. Wir versuchen mehr und mehr auch Abiturienten für das Handwerk zu begeistern, da auch die theoretischen Anforderungen in vielen Berufe erheblich gestiegen sind.

Aber der Anteil der Abiturienten unter den Azubis im Handwerk hat doch zugenommen.
Barella:
Er liegt derzeit bei rund 14 Prozent, vor sieben bis acht Jahren waren es noch circa vier Prozent. Das ist aber kein Grund für zu großen Optimismus. Hintergrund des steigenden Prozentsatzes ist auch, dass mehr Schulabgänger Abitur machen. Eine Gruppe, um die wir uns stark bemühen, sind Studienaussteiger.

Wie machen Sie Studienaussteigern Handwerksberufe schmackhaft?
Barella:
Wir möchten Studienaussteigern dabei helfen, diese Richtungsänderung im Berufsleben nicht als Scheitern zu begreifen, sondern es als Stärke zu verstehen, sich auf ihre persönlichen Stärken und Interessen zu fokussieren. Mit dem Projekt „Karriere im Handwerk" möchten wir all denen eine Perspektive bieten, die gerne praktisch arbeiten, am Feierabend sehen möchten, was sie getan haben, und den direkten Kontakt zu Kunden mögen. Und neben Facharbeitern braucht das Handwerk auch Führungskräfte und Unternehmensnachfolger.

Welche Karriereangebote machen Sie Schülern?
Barella:
Es gibt schon jetzt die Möglichkeit, mit der Ausbildung durch den Besuch zusätzlicher Kurse abends und am Wochenende das Fachabitur zu erwerben. Wir sind derzeit auch auf Bundesebene im Gespräch, um mit einem solchen Modell auch das Vollabitur erwerben zu können und hoffen, dass wir Ende dieses Jahres ein solches Angebot machen können. Den Absolventen stehen viele Türen offen.

Information
Betriebe und Auszubildende, die die Beratungsangebote nutzen möchten, können sich an die Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld wenden:
Campus Handwerk 1, 33613 Bielefeld, 
Tel.: 0521 / 56 08 – 0, E-Mail: hwk@hwk-owl.de, Internet: www.hwk-owl.de

Klingt, als ob auch die Azubis anspruchsvoller werden.
Barella: Ja, die Zahl der Abbrecher ist deutlich gestiegen. Auf der einen Seite gibt es in Zeiten des Fachkräftemangels auch viele schwächere Kandidaten. Aber das ist nicht der einzige Grund. Die jungen Leute der „Generation Y" haben Erwartungen und Ansprüche, und darauf müssen sich die Betriebe einstellen.

Also müssen sich auch die Handwerksbetriebe bewegen?
Baerlla:
Ja, wir bieten beispielsweise einen Kurs zur Verbesserung der Ausbildungsqualität in Betrieben an. Wir wünschen uns, dass die Unternehmen sich stärker engagieren, wenn es um Werbung qualifizierten Nachwuchses geht. Wir unterstützen dabei und machen viele Angebote.

An wen können sich Firmen wenden?
Barella:
Wir haben zum Beispiel so genannte Starthelfer und passgenaue Besetzer im Einsatz. Sie sind Ansprechpartner für Betriebe und Schüler und helfen dabei, zum Beispiel in Schulen, geeignete Bewerber zu finden. Als Teil des übergreifenden Landesprojektes „Kein Anschluss ohne Abschluss" helfen wir, an einer Berufsfelderkundung teilzunehmen. Schüler der achten und neunten Klassen besuchen Betriebe dabei für jeweils einen Tag und haben die Chance, einander unkompliziert kennenzulernen.

Gibt es weitere Angebote?
Barella:
Wir haben eine neue Koordinatorin für Ausbildungsbotschafter. Sie schult Auszubildende, die Schülern auf Augenhöhe von ihrem Job berichten. In diesem Jahr gibt es auch wieder ein Azubi-Speeddating, das am 13. Juni stattfindet.

Welche Chancen eröffnen Flüchtlinge den Betrieben – und umgekehrt?
Barella:
Hürden sind in vielen Fällen die Sprache und die heterogene Vorbildung. Eine weiteres Problem ist, dass viele eine vergleichbare Ausbildung aus ihrem Heimatland gar nicht kennen und eher nach Hilfsarbeiten suchen. Um hier Hilfestellung zu geben, haben wir eine Willkommenslotsin eingestellt. Das Interesse der Firmen ist groß und auch die Bereitschaft zur Unterstützung. Im Handwerk gilt vielleicht noch ein bisschen mehr als woanders die Regel: „Es kommt nicht drauf an, wo du herkommst, sondern wo du hinwillst."

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