Bielefeld Achtklässler nimmt NW-Polizeireporter ins Verhör

Christopher Busse analysiert Berichte über Straftaten ganz genau

Ivonne Michel

Bielefeld. Die Mordfälle sind's, die Christopher Busse, Achtklässler an der Martin-Niemöller-Gesamtschule, besonders in der NW interessieren. "Berichterstattung von Straftaten" wählte er als Thema für seine Recherchen beim Zeitungsprojekt "Klasse!". Die sogenannten Blaulichtthemen finden auch viele andere Schüler äußerst faszinierend. Christopher hat dazu unseren Polizeireporter Jens Reichenbach verhört: Herr Reichenbach, warum werden die Artikel überhaupt in die Zeitung genommen? Jens Reichenbach: Deine Frage ist berechtigt: Denn die Berichterstattung über Straftaten kann auch Nachteile haben. So bietet sie Vorbilder für andere Kriminelle, macht ihre Maschen deutlich und zeigt, wo Sicherheitslücken bestehen. Andererseits zeigt sie den Bürgern aber auch, wovor sie sich schützen müssen. Leser, die die Tricks der Kriminellen kennen, fallen in der Regel nicht auf sie herein. Kriminalberichterstattung hat also auch einen hohen vorbeugenden Zweck. Die Polizei hat aber auch ein ganz eigenes Interesse. Denn sehr oft werden über die Medien Zeugen von Straftaten gesucht. Aus polizeilicher Sicht kommt den Medien hier eine große Bedeutung zuteil, wenn die Befragung der bisher ermittelten Zeugen nicht für ein abschließendes Urteil der Ermittler ausreichend war, oder wenn gar keine Zeugen bekannt sind. Immer wieder gelingt es der Polizei, über die Zeitung entscheidende Hinweisgeber zu finden, mit deren Hilfe sie die Taten doch noch aufklären kann. Deshalb hat jede Polizeibehörde eine Pressestelle, die jeden Tag kleine und große Polizeiberichte für die Medien bereitstellt und Anfragen der Journalisten beantwortet. Vieles davon betrifft Straftaten, vieles natürlich auch Verkehrsvergehen. Davon ganz unabhängig wird Kriminalberichterstattung auch sehr gerne gelesen. Das zeigt sich ja auch im Buchhandel. Die Geschäfte sind immer voller Krimis. Aus journalistischer Sicht ist die Berichterstattung über Straftaten also auch ein Teil des großen Blumenstraußes, den wir den Lesern jeden Tag in unserer Zeitung anbieten wollen. Nicht jeder wird sie lesen, aber es sind erfahrungsgemäß viele, die da doch neugierig sind. Und wir haben ja auch noch eine Informationsaufgabe. Die Menschen haben ein Recht zu erfahren, wo etwas in ihrer Stadt schiefgeht. Dazu gehört auch zu zeigen, wie und wo Taten geschehen und wer derzeit besonders gefährdet ist. Das nehmen wir ernst und berichten auch über Fälle, die die Polizei nicht öffentlich gemacht hat. Insbesondere Mordfälle sind oft von öffentlichem Interesse. Wer schreibt sie? Gibt es einen Gerichtsreporter bei der NW? Reichenbach: Ja, wir beschäftigen in der NW-Lokalredaktion einen Polizeireporter (das bin ich) und einen Gerichtsreporter. Ich berichte meistens über Taten, nachdem sie gerade geschehen sind. Bei größeren Fällen, recherchieren meine Kollegen und ich auch Tage später noch, um die Hintergründe einer Tat aufzudecken. Geht es um einen kleineren Vorfall, bleibt es bei einer kurzen Meldung. Der Gerichtsreporter übernimmt die Berichterstattung, nachdem die Staatsanwaltschaft Anklage gegen die Täter erhoben hat. Meistens mit dem Prozessauftakt im Gericht. Da die Verhandlungen für jedermann öffentlich sind, aber niemals alle Bürger in so einen Gerichtssaal passen, übernimmt die Zeitung in solchen Fällen auch die Aufgabe des öffentlichen Beobachters. Warum sind es so viele Artikel über Straftaten? Reichenbach:Ein Großteil der Artikel über Straftaten kommt direkt von der Polizei in Form von Polizeiberichten. Ein Teil erzählt beispielhaft einen Fall, um darin die Folgen für die Opfer deutlich zu machen und anderen Opfern zu zeigen, wo sie Hilfe bekommen. Ein Teil der Berichte geschieht schlicht ereignisabhängig. Je nach Fall berichten wir größer oder kleiner. Alles in allem kommt in einer Stadt mit 330.000 Einwohnern einiges zusammen.

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