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Für jede Krankheit das richtige Medikament? Häufig helfen auch einfachere Rezepte. - © picture alliance / Frank Duenzl
Für jede Krankheit das richtige Medikament? Häufig helfen auch einfachere Rezepte. | © picture alliance / Frank Duenzl

Gesundheit Antibiotika - zu oft verordnet und eingenommen

Gesundheitsminister, Krankenkassen, Ärzte und Apotheker wollen mit Kampagne gegensteuern

Lothar Schmalen
03.12.2019 | Stand 03.12.2019, 09:58 Uhr

Düsseldorf. Immer noch schlucken Patienten oft Antibiotika, obwohl es gar nicht notwendig ist. Etwa bei Erkältungskrankheiten, obwohl die meistens nicht von Bakterien, sondern von Viren verursacht sind, Antibiotika also gar nicht helfen. Tom Ackermann, Chef der AOK Nordwest, schätzt, dass in zehn bis 20 Prozent der Erklärungskrankheiten fälschlicherweise Antibiotika eingesetzt würden. Bereits seit Jahren versuchen Verantwortliche des Gesundheitswesens, den übermäßigen Gebrauch von Antibiotika zu reduzieren. Mit Erfolg: Immerhin sei die Zahl der Verordnungen seit 2010 um 21 Prozent gesunken – in der Kinder- und Jugendmedizin sogar um gut 40 Prozent innerhalb der vergangenen zehn Jahre. Nach Angaben des NRW-Gesundheitsministeriums gab es aber für die 72 Millionen gesetzlich Versicherten im Jahr 2018 bundesweit immer noch 32 Millionen Verordnungen mit 316 Millionen Tagesdosen. Immer noch liegt der Antibiotika-Verbrauch in NRW zehn Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Insgesamt würden in Ostdeutschland deutlich weniger Antibiotika verschrieben als in Westdeutschland. Eine Erklärung dafür vermochten die Experten nicht zu geben. Auch unsachgemäße Einnahme macht Sorgen Zu den unnötigen Antibiotika-Verordnungen komme häufig auch noch die unsachgemäße Einnahme, berichtet Gabriele Regina Overwiening (Reken), Präsidentin der Apothekerkammer Westfalen-Lippe. Oft würden die Medikamente zu früh wieder abgesetzt. Oder die Abstände bei der Einnahme würden nicht beachtet. Welche Alternativen gibt es zu Antibiotika? Bei Blasenentzündungen etwa könne auch viel Trinken helfen statt gleich zum Antibiotikum zu greifen, raten die Ärzte- und Apothekerverbände. Vorbeugend empfehlen sie: Regelmäßig und gründlich die Hände waschen. Hände aus dem Gesicht. Nicht in die Umgebung, sondern in die Armbeuge husten oder niesen. Einmaltaschentücher benutzen und sofort entsorgen. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hat vor allem die Sorge, dass sich wegen der übermäßigen oder falschen Verwendung der Antibiotika immer mehr antibiotika-resistente Bakterienstämme entwickeln. Damit verliere die Medizin ihre Möglichkeiten bei der Behandlung von bakteriellen Infektionen. „Damit droht eines der schärfsten Schwerter der Menschheit im Kampf gegen Infektionskrankheiten stumpf zu werden", so Laumann. Viele verlassen die Praxis lieber mit einem Rezept Warum verschreiben Ärzte oft unnötig Antibiotika? Manche Patienten setzten ihren Arzt unter Druck, stellt Laumann fest. „Gib mir ein Breitband-Antibiotikum – das wird schon helfen", laute eine häufige Patientenforderung. „Es gibt eine Grundhaltung, die Praxis lieber mit einem Rezept zu verlassen", bestätigte auch Karl-Heinz Großgarten, von der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein. Der Minister startete jetzt gemeinsam mit den Apothekerkammern, Ärztekammern, Kassenärztlichen Vereinigungen, der Krankenhausgesellschaft und den Krankenkassen die Kampagne „Rationale Antibiotikaversorgung in NRW". Arztpraxen, Apotheken, Krankenhäuser und Geschäftsstellen der Krankenkassen verteilen Poster und Faltblätterzur Aufklärung. Die Aktion geht dabei in die gleiche Richtung wie das vor einigen Monaten schon gegründete ABS-Netzwerk Bielefeld. ABS steht für „Antibiotic Stewardship". Dabei kooperieren ambulante Facharztgruppen wie Kinderärzte, Frauenärzte, Allgemeinmediziner mit Kliniken in OWL, Unterstützung kommt von der Kassenärztlichen Vereinigung und der Universität Bielefeld.

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