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Seit Jahren fordern Wissenschaftler und Gewerkschaft mehr unbefristete Stelen. - © Sarah Jonek
Seit Jahren fordern Wissenschaftler und Gewerkschaft mehr unbefristete Stelen. | © Sarah Jonek

Hochschule und Forschung Kampf um Entfristung von Arbeitsverträgen für Uni-Mitarbeiter

Neun von zehn Arbeitsverträgen in der Wissenschaft sind laut GEW-Vertretern befristet. Trotzdem setzen sich die Uni-Leitungen weiterhin für befristete Stellen ein

Lieselotte Hasselhoff
16.10.2019 | Stand 15.10.2019, 21:10 Uhr

Frankfurt. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat die „Bayreuther Erklärung" der Universitätskanzlerinnen und -kanzler zu Zeitverträgen in der Wissenschaft kritisiert. In ihrer Erklärung halten die Hochschulleitungen daran fest, Arbeitsverträge von Angestellten überwiegend zu befristen. "Lieber arbeitslos als Lehrkraft für besondere Aufgaben"  Die Krux liegt im sogenannten "Wissenschaftszeitvertragsgesetz": "Wissenschaftler müssen ab ihrem Master-Abschluss innerhalb von sechs Jahren die nächsthöhere Qualifikationsstufe erreichen", erläutert Mia Feldmann, GEW-Delegierte für Hochschule und Forschung. "Gelingt das nicht, darf die Wissenschaftlerin oder der Wissenschaftler nicht länger an der Uni beschäftigt werden." Das ist in der Realität schwer zu schaffen: "Wer an der Uni angestellt ist, hat neben Aufgaben in Forschung und Lehre meist auch noch organisatorische Verpflichtungen. Zusätzlich soll er seine Dissertation schreiben - ohne dass dafür ausreichend Arbeitsstunden eingeplant werden." "Ein großes Problem ist die Entgrenzung der Arbeitszeit", sagt Katharina Niedling, ebenfalls, Delegierte für Hochschule und Forschung in NRW. Die 31-Jährige promoviert in Bielefeld über das Thema Angehörigenpflege. "In der Wissenschaft wird immer davon ausgegangen, dass wir unsere Arbeit ja aus Leidenschaft machen. Dafür könne man ja auch mal länger am Schreibtisch sitzen bleiben." Doch das können sich nicht alle leisten. Feldmann sagt: "Wer noch Angehörige pflegen muss oder Kinder hat, lebt unter diesen Umständen prekär." Selbst regelmäßige Seminare werden von befristet Angestellten gegeben  Feldmann ist mehrfache Mutter. Sechs Jahre lang lebte sie mit befristeten Arbeitsverträgen. "Ungefähr am 22. Dezember haben ich und die anderen Mitarbeitenden immer den Vertrag für das kommende Jahr unterschrieben. Drei Monate vorher mussten wir uns arbeitssuchend melden, Anträge ausfüllen, uns beim Jobcenter vorstellen", berichtet sie - "obwohl klar war, dass wir im Januar wieder angestellt würden." "Es wollen ja gar nicht alle entfristet werden", sagt Niedling. "Die Idee ist, wer Daueraufgaben hat, soll entfristet werden. Aber in der Praxis ist genau das nicht der Fall." Entfristet würden zum Beispiel Professoren oder akademische Räte. "Es gibt aber auch Seminare, die jedes Semester wieder stattfinden müssen." Dennoch würden diese oft von befristet angestellten Dozenten angeboten - beispielsweise von sogenannten "Lehrkräften für besondere Aufgaben" (LbA). Wie beliebt diese Art der Anstellung ist, erklärt Niedling so: "Eine Freundin von mir hat mal gesagt: 'Lieber werde ich arbeitslos, als dass ich LbA werde'." Neun von zehn Stellen sind befristet „Die Uni-Verwaltungschefs tun sich schwer mit den immer lauter werdenden Forderungen, mehr Dauerstellen im akademischen Mittelbau zu schaffen", sagt Andreas Keller, stellvertretender GEW-Vorsitzender und Hochschulexperte. "Eisern halten sie an der Vorstellung fest, dass nur befristet beschäftigte wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gute Leistungen erbringen." In OWL beteuern sowohl die Universität Bielefeld als auch die Uni Paderborn, sich der "Ausgestaltung" beziehungsweise der "Verbesserung" befristeter Beschäftigungsverhältnisse gewidmet zu haben. Verschiedene Formate sollen demnach in Bielefeld Nachwuchswissenschaftler "unterstützen und fit machen für Karrieren innerhalb aber auch außerhalb der Universität". Vertragslaufzeiten sollen sich dabei "an der Dauer der jeweiligen Qualifikationsphase orientieren". Auch die Uni Paderborn habe sich 2015 mit dem "Vertrag über gute Beschäftigungsbedingungen verpflichtet, insbesondere die Situation von befristet beschäftigten Mitarbeitern durch längere Vertragslaufzeiten zu verbessern". Offenbar mit begrenztem Erfolg: Keller zufolge liegt der Anteil von befristeten zu unbefristeten Stellen an den deutschen Unis derzeit bei etwa eins zu neun. Universitäten als Zwischenstation In der "Bayreuther Erklärung" hatten die Hochschulkanzlerinnen und -kanzler hervorgehoben, dass es sich bei Universitäten um Qualifizierungssysteme handele. Ein wesentlicher Auftrag der Unis bestehe darin, den wissenschaftlichen Nachwuchs zu qualifizieren und zu fördern: "Dies erfolgt in unterschiedlichen Bildungsformaten und bereitet überwiegend auf eine berufliche Karriere außerhalb des Wissenschaftssystems vor." Dem hält Keller entgegen: „Eine Hochschule ist vor allem auch ein Lehr- und Forschungssystem, dessen Betrieb ohne die über 200.000 wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusammenbrechen würde." Die Hochschulen haben es in der Hand "Es ist die Entscheidung der Hochschulen, ob sie von der Befristungsmöglichkeit Gebrauch machen", sagt Keller. Ein Großteil auch der befristeten Stellen werde durch Haushaltsmittel finanziert. "Die Lage der Unis ist da nicht viel anders als die anderer Wirtschaftsunternehmen", merkt Keller an. Auch Wissenschaftler, deren Stellen aus Drittmitteln finanziert würden, könnten unbefristet eingestellt werden: "Dann müssen Lücken eben durch Haushaltsmittel überbrückt werden."

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