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Trainingstherapie So leistet eine Physiotherapeutin Pionierarbeit für Krebspatienten

Die Physiotherapeutin Nina Rekert aus Hüllhorst kämpft für eine bessere ambulante Versorgung, damit Patienten nach der Krebstherapie weniger leiden. Doch nur wenige Krankenkassen ziehen mit.

Carolin Nieder-Entgelmeier
25.09.2019 | Stand 26.09.2019, 06:44 Uhr

Hüllhorst. 2016 wird André Janicki aus Hüllhorst innerhalb weniger Tage schwer krank. Kurz darauf erhält er die Diagnose Lymphdrüsenkrebs. In den nächsten Monaten kämpft er gegen die Krankheit an, übersteht trotz schwerer Nebenwirkungen und Operationen die Chemotherapie. Mittlerweile hat Janicki die Krebserkrankung überstanden, doch nach der Therapie fühlt er sich schlechter als zuvor. Der 46-Jährige leidet an dem Erschöpfungssyndrom Fatigue. So wie Janicki geht es laut der deutschen Krebsgesellschaft drei Viertel aller Krebspatienten. Sie leiden an lähmender Müdigkeit, Kraftlosigkeit und Antriebsschwäche, sind an einen Punkt völliger körperlicher und geistiger Erschöpfung angekommen. Hilfe findet Janicki bei Physiotherapeutin Nina Rekert, die Krebspatienten mit der onkologischen Trainingstherapie unterstützt. Doch die meisten Patienten können sich die Hilfe nicht leisten, weil die Krankenkassen die Kosten nicht übernehmen. Dagegen will Rekert kämpfen. Jährlich erkranken mehr als 475.000 Menschen in Deutschland neu an Krebs. Dank des medizinischen Fortschritts können immer mehr Patienten ambulant therapiert werden. „Doch vor, während und nach den belastenden Krebstherapien fehlt bislang eine flächendeckende ambulante Versorgung, die dabei hilft, die Nebenwirkungen von Patienten zu reduzieren oder sie davor zu bewahren", moniert Rekert. Um das zu ändern, versuchen zwei Forschungszentren in Deutschland die onkologische Trainingstherapie in der Fläche anzubieten. Hüllhorster Physiotherapeutin schließt sich der Pionierarbeit an Das Centrum für Integrierte Onkologie als gemeinsames Tumorzentrum der Unikliniken Aachen, Bonn, Köln und Düsseldorf sowie das nationale Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg bilden Therapeuten und Ärzte aus und gründen Netzwerke. Dieser Pionierarbeit hat sich auch Rekert angeschlossen, die die onkologische Trainingstherapie in ihrer Praxis in Hüllhorst anbietet. „Es ist belegt, dass Krebspatienten von Bewegung profitieren, allerdings nur, wenn das Training individuell auf sie abgestimmt ist", erklärt Rekert. Falsche Belastung oder Überforderung könne Nebenwirkungen wie die Fatigue noch verstärken. „Deshalb ist der Hinweis, mach einfach mehr Sport, falsch und mitunter gefährlich." Die Forschungszentren in NRW und Heidelberg bestätigen die Einschätzung Rekerts. In verschiedenen Studien belegen die Forscher, dass Krebspatienten von einer Trainingstherapie profitieren, weil Ausdauer, Kraft und Funktionsfähigkeit zunehmen, Nebenwirkungen wie die Fatigue gelindert werden und bei manchen Krebsarten sogar die Heilungschancen steigen und die Rückfallquoten sinken. Patient André Janicki fühlt sich durch die Therapie besser Patient André Janicki bestätigt das kurz vor dem Ende seines zweiten Trainingszyklus bei Rekert. „Ich fühle mich deutlich besser als vor der Therapie, weil mir die regelmäßige Bewegung gut tut. Ich bin nicht mehr so erschöpft und habe gelernt, auf meinen Körper zu hören", erklärt der 46-Jährige. „Genau das ist das Ziel der Therapie", sagt Rekert. „Wir arbeiten daran, dass unsere Patienten von den Behandelten zu den Handelnden werden und nicht länger fremdbestimmt, sondern selbstbestimmt leben." In vielen Fällen reicht laut Rekert ein Trainingszyklus mit 24 Trainingseinheiten aus. „Danach entwickeln wir einen Trainingsplan für zu Hause oder erarbeiten Konzepte für das Training im Vereinssport." Doch hinter jedem Krebspatienten, den Rekert betreut, steckt ein langer Kampf mit den gesetzlichen Krankenkassen. Für jeden Patienten setzt sich die Physiotherapeutin ein. „Bisher sind jedoch nur wenige Einzelfallentscheidungen positiv ausgefallen", sagt Rekert. „Meistens lehnen die Kassen die Anträge auf Kostenübernahme ab, mit der Information, die Patienten sollen halt einfach Sport machen. Die Chance wirklich zu erklären, das hinter dem Konzept mehr steckt als einfach nur Sport, bekommen wir fast nie." Eine Situation, die Rekert und ihre Patienten frustriert. „Die Studienlage ist eindeutig und die Patienten können in vielen Fällen durch die Therapie wieder zügig in ihren Alltag starten. Davon profitieren die Kassen doch auch", so Rekert. „Ich werde dafür kämpfen, dass sich die Versorgung verbessert." André Janicki hat Glück, denn seine Krankenkasse, die mhplus Betriebskrankenkasse, trägt die Kosten der Therapie. Sogar für zwei Trainingszyklen. Ohne Unterstützung der Kassen können sich viele Patienten die Therapie jedoch nicht leisten. Aktuell kostet ein Trainingszyklus mit 24 Einheiten 953 Euro. „Ich werde weiter dafür kämpfen, dass sich die ambulante Versorgung für Krebspatienten verbessert", sagt Rekert.

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