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Volles Wartezimmer: Viele Ärzte klagen über zu viele Patienten. - © picture alliance
Volles Wartezimmer: Viele Ärzte klagen über zu viele Patienten. | © picture alliance

Einschränkung der freien Arztwahl Chef der Kassenärzte fordert Strafzahlungen für Patienten - scharfe Kritik aus OWL

Der Ärztefunktionär Andreas Gassen will die freie Arztwahl einschränken. Westfalen-Lippes Ärztekammerpräsident lehnt Sanktionen für Hilfesuchende strikt ab.

Carolin Nieder-Entgelmeier
08.09.2019 | Stand 08.09.2019, 18:08 Uhr

Berlin/Bielefeld. Kassenarzt-Präsident Andreas Gassen will die freie Arztwahl begrenzen, um die mitunter „irrsinnige Anspruchshaltung" von Patienten in den Griff zu bekommen. „Wer jederzeit zu jedem Arzt gehen möchte, müsste mehr bezahlen", sagt der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung der Neuen Osnabrücker Zeitung. „Die Gesundheitskarte funktioniert wie eine Flatrate, und es gibt Patienten, die das gnadenlos ausnutzen." Für seine Forderungen wird Gassen scharf kritisiert. Westfalen-Lippes Ärztekammerpräsident Theo Windhorst warnt mit Blick auf die Solidargemeinschaft der Krankenversicherten in Deutschland davor, Patienten mit Strafzahlungen erziehen zu wollen. „Es gibt Menschen, die das Gesundheitssystem ausnutzen. Doch sollen wir wegen dieser fünf Prozent auch den Rest der Versichertengemeinschaft in Schutzhaft nehmen? Nein, stattdessen müssen wir ein System schaffen, das alle Patienten verstehen. Wir müssen uns auf die Patienten einstellen, nicht umgekehrt." Montagvormittags sind Notaufnahmen am vollsten Laut einer Untersuchung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung sind die Notaufnahmen montagvormittags am vollsten. „Also während der Öffnungszeiten der niedergelassenen Ärzte", erklärt Windhorst. „Das liegt auch daran, dass 40 Prozent der Patienten, die in eine Notaufnahme kommen, diesen Hinweis von einem niedergelassenen Arzt bekommen haben. Das zeigt, dass unser System an einem Ärztemangel krankt." Die Kassenärztlichen Vereinigungen müssen laut Windhorst ihrem Sicherstellungsauftrag nachkommen, statt Patienten erziehen zu wollen. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung warnt zudem davor, dass Gassen mit seinen Forderungen Strafzahlungen für kranke Menschen vorbereitet, die sich hilfesuchend an die vermeintlich falsche Stelle wenden. Chef der Kassenärzte kritisiert Ärzte-Hopping Gassen kritisiert vor allem sogenanntes Ärzte-Hopping: „Es kann dauerhaft kaum jedem Patienten sanktionsfrei gestattet bleiben, jeden Arzt jeder Fachrichtung beliebig oft aufzusuchen, und oft noch zwei oder drei Ärzte derselben Fachrichtung." Das hat Gassens Ansicht nach vor allem mit einer überhöhten Anspruchshaltung bei Patienten zu tun. „Dass die Rettungsstellen am Wochenende überlastet sind, liegt auch an der Einstellung vieler Patienten. Dann haben sie Zeit. Und sie meinen, im Krankenhaus gibt es das Rundum-Sorglos-Paket. Erst zu Ikea, dann in die Notfallambulanz." Um Patienten besser zu steuern, fordert Gassen ein Wahltarifsystem für Kassenpatienten. „Wer sich verpflichtet, sich auf einen koordinierenden Arzt zu beschränken, sollte von einem günstigeren Kassentarif profitieren."

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