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Viele Pflegebedürftige werden von ihren Angehörigen zuhause unterstützt. - © picture alliance
Viele Pflegebedürftige werden von ihren Angehörigen zuhause unterstützt. | © picture alliance

Leser fragen, Experten antworten Die wichtigsten Tipps zur Pflege

Viele Menschen haben den Wunsch, möglichst lange in ihren eigenen vier Wänden gepflegt zu werden. Für sie und ihre Angehörigen stellen sich dabei viele Fragen.

09.09.2019 | Stand 09.09.2019, 09:10 Uhr

Bielefeld. Die meisten Pflegebedürftigen möchten, so lange es geht, zu Hause betreut werden. Die Leistungen der Pflegeversicherung ermöglichen das weitgehend. Man muss jedoch wissen, was einem im Fall des Falles zusteht. Die Experten Monika Meißner von der Compass private Pflegeberatung, Sandra Seydel vom Pflegestützpunkt der Stadt Bielefeld und Sara Taboschat von der AOK NordWest geben Antworten auf die Fragen von Lesern: Meine Mutter hat Pflegegrad 3 und ist dement. Bisher erhielt sie Pflegegeld. Wir betreuen sie allein. Das schaffen wir nicht mehr. Was kann man tun? Sie informieren die Pflegekasse ihrer Mutter, dass Sie die so genannte Kombi-Leistung nutzen möchten. Das heißt, Ihre Mutter erhält prozentual sowohl Pflegegeld als auch Sachleistungen. Wenn Sie beispielsweise halbe-halbe machen, bekommt sie 272,50 Euro Pflegegeld aufs Konto. Das ist die Hälfte des ihr im Pflegegrad 3 zustehenden Pflegegeldes. Als Sachleistungen würden ihr 1.298 Euro monatlich zustehen. Hälftig könnten dann 649 Euro mit einem ambulanten Pflegedienst abgerechnet werden. Aufgrund meines Alters und Gesundheitszustandes benötige ich sehr viel Hilfe meiner Kinder. Die sind jetzt an ihre Grenzen gekommen. Ich würde jetzt gern einen Pflegegrad beantragen. Wie macht man das? Sie stellen einen Antrag auf Pflegeleistungen bei ihrer Pflegekasse. Diese beauftragt den Medizinischen Dienst der Krankenkassen beziehungsweise, wenn Sie privat versichert sind, medicproof mit der Begutachtung in Ihrem häuslichen Umfeld. Wenn diese erfolgt ist, wird auf der Grundlage des Gutachtens ein entsprechender Pflegegrad zuerkannt. Sie können dann wählen ob Sie Pflegegeld, Sachleistungen oder eine Kombination aus beidem in Anspruch nehmen. Ich bin in meiner Selbstständigkeit sehr beeinträchtigt, weiß aber nicht, ob das schon Pflegebedürftigkeit ist. Sollte ich einen Antrag bei meiner Pflegekasse stellen? Sie sollten auf alle Fälle einen Antrag auf Leistungen der Pflegeversicherung bei Ihrer Pflegekasse stellen. Bei der darauf folgenden Begutachtung in der Häuslichkeit wird beurteilt, in welchem Maße Ihre Selbstständigkeit beeinträchtigt ist. Das wird in sechs Modulen berücksichtigt. Die Selbstversorgung spielt dabei die größte Rolle, aber es werden auch Mobilität, Einschränkungen in der Alltagskompetenz, psychische Probleme, der Umgang mit Medikamenten und soziale Kontakte einbezogen. Meine Schwiegermutter hat mir eine Vorsorgevollmacht erteilt. Sie wohnt in einer anderen Stadt. Was ist, wenn sie pflegebedürftig wird? Kann ich sie dann zu mir in meinen Wohnort holen und ihr gegebenenfalls einen Heimplatz besorgen? Die Vorsorgevollmacht greift in der Regel, wenn der Aussteller nicht mehr selbst geschäftsfähig ist. Wenn Ihre Schwiegermutter zwar pflegebedürftig ist, aber ihre Dinge noch selbst regeln kann, müsste sie natürlich sowohl mit einem Umzug an Ihren Wohnort als auch mit einem Umzug in ein Heim einverstanden. In Bielefeld gibt es beispielsweise eine Stelle für Betreuungsrecht und rechtliche Vertretung im Neuen Rathaus, Niederwall 23, die im Zweifel aufklärt und weiter hilft. Sie können telefonisch unter der 0521/51-6092 oder per E-Mail einen Termin mit Frau Böker unter stephanie.boeker@bielefeld.de vereinbaren. Stimmt es, dass ich mit Pflegegrad 1 auch Anspruch auf diese zusätzlichen Entlastungsleistungen habe? Wie sieht das genau aus? Ja, auch mit Pflegegrad 1 haben Sie Anspruch auf zusätzliche Entlastungsleistungen von 125 Euro im Monat. Dieser Betrag wird aber nicht wie etwa Pflegegeld aufs Konto des Pflegebedürftigen gezahlt. Bei den zusätzlichen Entlastungsleistungen handelt es sich vielmehr um einen sogenannten Erstattungsbetrag. Das heißt, in der Höhe von 125 Euro monatlich können Leistungen mit einem anerkannten Dienst oder einer anerkannten Person der/die diese Leistungen nach Landesrecht erbringen darf, verrechnet. Dabei kann es sich beispielsweise um die Begleitung zum Arzt, bei einem Spaziergang, um Vorlesen oder Hilfe im Haushalt handeln. Eine Liste mit Anbietern in Wohnortnähe, die dazu berechtigt sind, kann man von seiner Pflegekasse anfordern. Sie finden die Anbieter auch unter www.pfaduia.nrw.de. Ich habe einen Antrag auf einen Pflegegrad gestellt, das riet mir meine Freundin, die mich täglich betreut. Jetzt hat sich der Gutachter angemeldet. Wie bereite ich mich darauf vor? Es wäre empfehlenswert, wenn Ihre bisherige Betreuerin beim Termin anwesend sind. Neben dem eigenen Pflegetagebuch sollten auch alle anderen relevanten Unterlagen zur Hand sein. Dazu gehören insbesondere medizinische Dokumente zu Erkrankungen, ärztliche Verordnungen, Arztberichte und Bescheinigungen, Medikamenten- und Therapiepläne, Entlassungsberichte, MRT oder Röntgenbilder und alles, was sonst noch wichtig erscheint. Eine Übersicht der behandelnden Ärzte und der in letzter Zeit erfolgten Arzttermine und Behandlungen gehört ebenso dazu. Wenn Sie bereits Pflegehilfsmittel nutzen, sollten Sie das natürlich auch angeben. Nach einer Notoperation sollte mein Vater aus der Klinik in die Reha. Das geht aufgrund der offenen Wunde nicht. Er hat nur Pflegegrad 1, da kommt eine Kurzzeitpflege kaum infrage. Wie kann man jetzt die notwendige Versorgung im Zeitraum bis zur Reha überbrücken? Es stimmt, bei Pflegegrad 1, greift die Kurzzeitpflege noch nicht. Eventuell kann ihm über eine ärztliche Verordnung eine Hilfe ihm Haushalt beziehungsweise häusliche Krankenpflege gewährt werden. Das ist aber dann Sache der Krankenkasse. Die Verordnung wiederum kann nur der behandelnde Arzt ausstellen. Über eine solche Verordnung kann im Eilverfahren auch Kurzzeitpflege beantragt werden. Ich pflege meinen Mann seit vielen Jahren. Er hat Pflegegrad 2, und es wird zunehmend schwieriger mit ihm. Wie kann man mich etwas entlasten, ohne das sein Pflegegeld gekürzt wird? Die Tagespflege ist beispielsweise eine Möglichkeit, um Sie zu entlasten. Ihr Mann kommt dann einmal in andere Gesellschaft, kann vielfältige Freizeitangebote nutzen, und Sie haben Zeit für sich. Wenn Sie dieses Angebot nutzen, wird das Pflegegeld Ihres Mannes nicht gekürzt. Es fällt jedoch ein Eigenanteil für Unterkunft und Verpflegung an. Dafür kann man den Entlastungsbetrag nutzen. Unsere Eltern haben noch keinen Pflegegrad, benötigen aber immer mehr Hilfe. Wir bräuchten eine Beratung, ob und wie man Leistungen der Pflegeversicherung nutzen kann. Würde da auch jemand kommen, um sich vor Ort ein Bild zu machen? Ja, das ist möglich. Die Pflegeberatung findet in der Regel innerhalb von zwei Wochen nach Anforderung statt - auf Wunsch in der Wohnung des Pflegebedürftigen. Zuständig ist die Pflegekasse Ihrer Eltern, bei privat Versicherten die bundesweite Compass private Pflegeberatung. In der Region stehen zudem Pflegestützpunkte zur Verfügung. Ich pflege meine Frau seit zwei Jahren und möchte etwas Zeit für mich nutzen. Eine Freundin der Familie würde dann stundenweise für mich einspringen. Kann man dafür etwas von der Pflegekasse bekommen? Ja, es gibt die Leistung der Verhinderungspflege. 1.612 Euro stehen damit jährlich als Erstattungsbetrag zur Verfügung. Dieses Geld wird dann für die Finanzierung der Ersatz-Pflegekraft - ihre Freundin - verrechnet. Sie geben ihr ein vereinbartes Entgelt, lassen sich das quittieren und reichen die Belege zur Erstattung bei der Pflegekasse Ihrer Frau ein. Sollte Ihre Frau innerhalb eines Kalenderjahres zudem noch keine Kurzzeitpflege in Anspruch genommen haben, kann sich der genannte Betrag um die Hälfte des Kurzzeitpflegegeldes, welches ebenfalls 1.612 Euro beträgt, erhöhen. Sie könnten gegebenenfalls 2.418 Euro abrechnen. Den entsprechenden Antrag stellen Sie bei der Pflegekasse Ihrer Frau. Ich würde mit meinem dementen Mann gern ins betreute Wohnen umziehen und suche etwas mit Anschluss an eine vollstationäre Einrichtung. Dann können wir gegebenenfalls am Ort bleiben. Wie findet man Derartiges? Beim Pflegestützpunkt Bielefeld gibt es unter www.bielefeld-pflegeberatung.de unter dem Punkt "Wohnen mit Service" eine Liste mit solchen Angeboten. Da es meinem Mann, der jetzt Pflegegrad 2 hat, inzwischen sehr viel schlechter geht, benötigen wir mehr Hilfe von der Pflegekasse. Wie sollen wir vorgehen? Stellen Sie bei der Pflegekasse Ihres Mannes unbedingt einen Antrag auf Höherstufung. Wenn bei der erneuten Begutachtung der höhere Pflegegrad herauskommt, erhält Ihr Mann entsprechend des erreichten Grades mehr Pflegegeld oder Sachleistungen. Bei Pflegegrad 3 sind das 545 Euro monatlich Pflegegeld, oder bis zu 1.298 Euro monatlich, die mit einem ambulanten Dienst abgerechnet werden können. Meiner Mutter wurde geraten, direkt aus der Klinik in ein Heim zu ziehen, weil es bei Ihr zu Hause schwierig werden könnte mit der Betreuung. Gibt es nur diese Möglichkeit? Nein. Falls noch nicht in Anspruch genommen, sollte Ihre Mutter die Kurzzeitpflege nutzen. Dann kann Sie auch gleich sehen, ob Ihre Wahl die richtige war. Anschließend ist es möglich, auch noch die Mittel der Verhinderungspflege zu nutzen. Vorausgesetzt diese wurden noch nicht verbraucht. Bei beiden Leistungen stehen jeweils 1.612 Euro zur Verfügung, die in die Finanzierung des Heimplatzes eingebracht werden können. Erst dann sollte sie gegebenenfalls einen regulären Vertrag mit der Einrichtung zur vollstationären Pflege schließen. Überlegen Sie gemeinsam erst einmal, inwieweit alle Möglichkeiten für die häusliche Betreuung ausgeschöpft werden können.

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