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Carsten Linnemann (CDU) fordert: Kinder, die nicht gut deutsch sprechen, sollten nicht eingeschult werden. - © picture alliance/dpa
Carsten Linnemann (CDU) fordert: Kinder, die nicht gut deutsch sprechen, sollten nicht eingeschult werden. | © picture alliance/dpa

Migrationspolitik Unions-Fraktionsvize Linnemann fordert: "Kein Deutsch, keine Einschulung"

Der CDU-Bundestagsabgeordnete aus Paderborn meint, ohne ausreichende Deutschkenntnisse hätten Kinder nichts in der Grundschule zu suchen.

Lieselotte Hasselhoff
05.08.2019 | Stand 06.08.2019, 11:48 Uhr

Paderborn/Berlin. Unions-Fraktionsvize Carsten Linnemann fordert, dass Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen vor der Einschulung verpflichtend eine Vorschule besuchen müssen: „Um es auf den Punkt zu bringen: Ein Kind, das kaum Deutsch spricht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen." Linnemann, Abgeordneter aus dem Kreis Paderborn, verwies auf eine Ende 2018 erstellte Auswertung der Stadt Duisburg. Demnach hatten von den zukünftigen Erstklässlern mit Migrationshintergrund im Jahr 2017 durchschnittlich 16,4 Prozent keine Deutschkenntnisse. Nur 8,2 Prozent sprachen fehlerfreies Deutsch. Bei derartigen Ergebnissen müssten die Alarmglocken schrillen, sagte er. Er fürchtet die Zunahme von Parallelgesellschaften in Deutschland. Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen sollten deshalb bei der Einschulung zur Not zurückgestellt werden, bis sie die Sprache ausreichend beherrschen. In den Kitas die Sprache lernen Maike Finnern, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Nordrhein-Westfalen, ist anderer Meinung. Der Spracherwerb müsse in den Kitas stattfinden: „Effektiver als ein separater Sprachunterricht ist das alltagsintegrierte Sprachlernen. Dabei kommt es auch auf das Miteinander mit den anderen Kindern an." Deshalb müssten für die Eltern Anreize geschaffen werden, ihre Kinder in die Kita zu schicken – beispielsweise mehr kostenfreie Kitas und mehr Erzieher in den Einrichtungen. Ähnliches gelte für die Grundschulen. „Die Kinder wegen mangelnder Sprachkenntnisse nicht einzuschulen, hilft niemandem", sagte Finnern dieser Redaktion. „Damit werden die Kinder ausgeschlossen." Stattdessen solle die angebotene Sprachförderung erleichtert werden. "Bankrotterklärung der Politik" Auch der Verband Bildung und Erziehung (VBE) äußert Kritik. Die Forderung, Kinder, die kein Deutsch könnten, nicht einzuschulen, sei eine Bankrotterklärung der Politik, sagte der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann aus Paderborn. Zudem sei sie diskriminierend. „Denn es läuft doch darauf hinaus, dass vor allem Kinder mit Migrationshintergrund oder Fluchterfahrung zurückgestellt werden würden. "Der VBE forderte mit Blick auf Sprachförderung von der Politik mehr Unterstützung für die Kitas. Fast alle Kinder gingen inzwischen vor der Einschulung dorthin. Aber trotz hohen Engagements der Erzieherinnen und Erzieher führten Gruppengrößen, unzureichende Personalschlüssel und fehlende Sprachexperten dazu, dass manche Kinder nicht angemessen gut Deutsch sprächen. Kritik auch aus der CDU Auch aus der eigenen Partei erntet Linnemann Widerspruch. Es sei "populistischer Unfug" und "der völlig falsche Weg", solche Kinder später einzuschulen, sagte die schleswig-holsteinische Bildungsministerin Karin Prien (CDU) der Süddeutschen Zeitung. Kinder, die sehr schlecht Deutsch sprechen, müssten vielmehr "im Rahmen der Regelbeschulung" in Klassen unterrichtet werden, die Deutsch als Zweitsprache anbieten, sagte Prien. Gerade die Christdemokraten sollten "auf die soziale und gesellschaftliche Errungenschaft einer allgemeinen Schulpflicht hinweisen". Linke-Chefin Katja Kipping sagte: Mit seinen Äußerungen zu Grundschulkindern gehe Linnemann auf „Stimmenfang im rechten Sumpf".Kipping warf dem CDU-Politiker vor, das Thema mit Meldungen über Gewalttaten von Erwachsenen zu vermengen. „Ist ihm nicht bekannt, dass der Täter von Frankfurt, der offensichtlich eine psychotische Störung hatte, fließend deutsch spricht und als Schweizer praktisch den gleichen Migrationshintergrund hat wie Alice Weidel?" Aussagen seien "wirklich zum Fremdschämen" Die SPD-Bildungspolitikerin Marja-Liisa Völlers sagte, die Aussagen Linnemanns seien „wirklich zum Fremdschämen und populistisches Getöse wie in Wahlkampfzeiten". Man könne Kinder nicht von der Grundschule ausschließen, nur weil sie schlecht Deutsch sprächen. Das schaffe Parallelgesellschaften und langfristige Integrationsprobleme, anstatt sie zu lösen. „Die Kinder sind genau richtig da, wo sie sind. Ein besseres Lernumfeld für alle Kinder als Schulunterricht mit Gleichaltrigen gibt es doch gar nicht." Auch die schleswig-holsteinische Bildungsministerin Karin Prien (CDU) hatten den Vorstoß von Linnemann vehement zurückgewiesen. Prien sprach in der Süddeutschen Zeitung von „populistischem Unfug" und dem "völlig falschen Weg". Diese Kinder gehörten vielmehr „im Rahmen der Regelbeschulung" in Deutsch-als-Zweitsprache-Klassen. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz, hat den Vorstoß ihres Parteifreunds ebenfalls zurückgewiesen. "An der Schulpflicht gibt es nichts zu rütteln", sagte Widmann-Mauz der Rheinischen Post. "Was wir aber brauchen, ist gezielte Sprachförderung von Anfang an." Mit Informationen der dpa.

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