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Auch Kinder werden Opfer rechter Täter. - © Pixabay
Auch Kinder werden Opfer rechter Täter. | © Pixabay

Rassismus Fremdenfeindliche Taten nehmen zu - auch in OWL

Insgesamt seien 232 Übergriffe bekannt gewordenen. Die zwei NRW-weiten Beratungsstellen sehen einen Anstieg gerade bei antisemitisch motivierten Angriffen

Carolin Brokmann
11.04.2019 | Stand 11.04.2019, 22:42 Uhr

Dortmund/Düsseldorf/Bielefeld. Sie werden beleidigt, geschubst, geschlagen. Denn sie tragen zum Beispiel ein Kopftuch oder stammen aus Nordafrika. Rechte Gewalttaten haben in Nordrhein-Westfalen im vergangenen Jahr zugenommen, teilen die Opferberatung Rheinland (OBR) und die Beratung für Opfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt (BackUp) mit. Auch in Ostwestfalen-Lippe gehörten rechtsextreme, antisemitische und rassistische Vorkommnisse zum Alltag, heißt es von Seiten der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus im Regierungsbezirk Detmold. Auch hier gibt es einen Anstieg, bestätigt Mitarbeiter Stephan Burau. Das Ausmaß der Gewalt liegt laut OBR und BackUp zwar deutlich unter dem Niveau von 2015 und 2016, der Anstieg zum Vorjahr allerdings betrage elf Prozent. Diese erneute Zunahme zeige, dass "rechte Gewalt in NRW weiterhin ein erhebliches Problem darstellt." Zudem richten sich Angriffe häufig gegen mehrere Personen. Von den insgesamt 232 bekannt gewordenen rechten Übergriffen in NRW waren mindestens 318 Personen betroffen. Rassismus und Antisemitismus Häufigstes Motiv sei der Rassismus: "Insgesamt liegt bei 69 Prozent aller Angriffe ein rassistisches Tatmotiv vor", heißt es in dem Bericht. Teilweise würden die Opfer wegen ihrer Herkunft, teils wegen ihrer Religion angegangen. Nicht nur Geflüchtete seien Ziel, auch Menschen, die bereits seit Jahren oder Jahrzehnten in Deutschland lebten. Auffällig sei die Veränderungen bei antisemitischen Angriffen: "Während den Beratungsstellen 2017 keine Angriffe bekannt wurden, sind für 2018 insgesamt 15 antisemitisch motivierte Angriffe dokumentiert." So erging es im vergangenen Juli zum Beispiel einem Wissenschaftler im Bonner Hofgarten. Er wurde von einem 20-Jährigen wegen seiner Kippa angesprochen, beleidigt, geschubst und gegen die Schulter geschlagen. Alltagsrassismus in OWL Auch das Kommunale Integrationszentrum (KI) in Bielefeld bestätigt einen Anstieg rassistisch motivierter Übergriffe. Spektakuläre Fälle seien Leiterin Nilgün Isfendiyar zwar nicht bekannt, aber "Alltagsrassismus ist immer wieder ein Thema." Es komme immer wieder vor, dass sich Mitbürger in der Straßenbahn wegsetzen, weil sie die Bank nicht mit einem Ausländer teilen wollen. "Oder Schüler berichten uns, dass sie auf der Straße blöd angemacht werden", so Isfendiyar. In den sozialen Netzwerken seien Diffamierungen an der Tagesordnung - auch gegenüber Integrationsprojekten und deren Mitarbeitern. Der Antisemitismus nehme ebenfalls zu, beobachtet Isfendiyar, unter anderem seitens arabischer Jugendlicher. "Der politische Konflikt der Region wird hierhin übertragen", weiß sie aus Gesprächen. Ob Beleidigungen oder körperliche Übergriffe, "vieles wird gar nicht zur Anzeige gebracht", weiß die stellvertretende Leiterin des KI, Annegret Grewe, aus ihrer Erfahrung. Deshalb vermutet sie auch eine recht hohe Dunkelziffer. Leider sei die rechte Gewalt auch hier zu einem "Alltagsphänomen" geworden. Täter und Opfer aus allen Altersgruppen Doch das Ziel rechter Gewalttäter seien nicht nur vermeintliche Ausländer, auch gegen politische Gegner richten sich die Angriffe. OBR und BackUp dokumentierten 43 Übergriffe aufgrund der politischen Einstellung oder des gesellschaftlichen Engagements, darunter auch Journalisten und Politiker. "Ein Viertel der Gewalttaten wurde bei oder im Umfeld von Aufmärschen extrem rechter Gruppen registriert", heißt es im Bericht. Auch vor Kindern und Jugendlichen mache die Gewaltbereitschaft keinen Halt, teilen die Beratungsstellen mit. Zum Teil richteten sich die Angriffe direkt gegen Minderjährige, teilweise würden diese Opfer "leichtfertig in Kauf genommen". Die Täter kommen laut Nilgün Isfendiyar aus unterschiedlichen Altersgruppen. Gegen den Rassismus helfe nur Aufklärung, Offenheit und Selbstreflektion. Deshalb setzt das KI auf Prävention, insbesondere in Schulen über das Projekt "Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage". Opferhilfe Seit rund sieben Jahren gibt es in NRW die beiden Beratungsstellen. BackUp hat seinen Sitz in Dortmund, OBR in Düsseldorf. Ziel ist es laut BackUp-Mitarbeiter Martin Kesztyüs, die Anliegen, Bedürfnisse und Ängste von Betroffenen ernst zu nehmen, sie professionell und solidarisch zu unterstützen "und die Opfer vor weiteren Bedrohungen zu schützen." Die Berater sind mobil und fahren auch nach OWL zu den Betroffenen. Nach Kontaktaufnahme und einer Bedarfsanalyse geht es an die Unterstützung "in äußerst unterschiedlichen Themengebieten", erklärt Martin Kesztyüs. "Diese reichen von psychosozialer Unterstützung bis zur Begleitung zum Gerichtsprozess." Die erhobenen Daten basieren auf Antworten zu parlamentarischen Anfragen, Pressemitteilungen der Polizei und entsprechenden Rückfragen bei Ermittlungsbehörden, Medienberichten sowie Angaben von Betroffenen.

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